Widerstand
Text: Falko Zemmrich
Widerspruch
Nicht nur in modernen Staaten, vor allem aber dort haben wir es mit Verhältnissen zu tun, in denen sich verschiedene Menschen,
Gruppen und Klassen gegenübertreten, deren Ansichten, Interessen, Werte und Ziele zueinander in Widerspruch stehen. Dabei schien es vor einigen Jahren noch einfacher, diese sich oft bekämpfenden Interessengruppen zu lokalisieren und ihre Kämpfe zu beschreiben.
Friede den Hütten, Krieg den Palästen
Widerstand wurde so oft um einen gesellschaftlichen Hauptwiderspruch herum gedacht und die Rollen schienen oft klar verteilt. Proletarier beriefen sich auf die Marxsche Kapitalismustheorie und ergriffen Partei, leisteten Widerstand gegen das Bürgertum. In München versuchten Arbeiter und anarchistisch gesinnte Schriftsteller 1919 eine Räterepublik zu errichten, standen vor Dachau den reaktionären Freikorps gegenüber und wurden vor nunmehr 89 Jahren vernichtend geschlagen. In den 1970er Jahren probte die Rote Armee Fraktion den Aufstand gegen einen (vermeintlich) faschistischen Staat und versuchte klare Verhältnisse zu schaffen.
„Entweder sie sind ein Teil des Problems oder sie sind ein Teil der
Lösung. Dazwischen gibt es nichts“ (RAF 1971: 125)
All diesen zufällig ausgewählten Beispielen liegt eine klare Rollenverteilung zugrunde. Auf der einen Seite die Mächtigen, auf
der anderen die Widerspenstigen, die beide um die Hegemonie (Gramsci 1967) kämpfen und versuchen, (staatliche) Macht zu erlangen.
Widerstand heute?
Widerstand existiert aber auch in unserer heutigen Gesellschaft, jedoch scheint ein Hauptwiderspruch, um den dieser sich kristallisieren könnte, nicht in Sicht.
NIM gibt in der vorliegenden Ausgabe einen kleinen Einblick in die vielfältigen Formen von Widerstand gerade auch hier und heute in München. Dabei sehen wir Widerstand als Teil eines strategischen Feldes der Machtbeziehungen an (Foucault 1997). Widerstand lässt sich nicht außerhalb von Wissen und Macht denken und „die Macht“ kann nicht als etwas eindeutig lokalisierbares und statisch verteiltes angesehen werden.
„Die Macht wird nicht besessen. […] Die Macht ist niemals voll
und ganz auf einer Seite“ (Foucault 1976: 114-5).
Widerstand soll demnach als eine Form der Gegenmacht oder counterpower (Graeber 2004: 24-37) verstanden werden,
die sich nicht nur gegen staatliche Herrschaft und Institutionen richtet. Widerstand als eine Ausdrucksform von Macht ist vielmehr über das gesamte Feld der sozialen Beziehungen und Institutionen verteilt. Wir interessieren uns hier vor allem für die Verortung von Widerstand auf der Mikroebene und fragen uns:
Welche Symbole, welche Werte, welche Formen von Kultur werden von den Akteuren benutzt, angeeignet und konstruiert, um im strategischen Feld der Machtbeziehungen Widerstandspunkte aufzubauen, die dazu geeignet sind, die als mächtig angesehenen herauszufordern, diesen zu widersprechen, gewisse hegemoniale Denk- und Lebensformen zu brechen, Heterotopien zu schaffen (Foucault 2005), anarchic spaces aufzubauen (Graeber 2004: 34), Temporäre Autonome Zonen hervorzurufen (Bey 1994)?
Widerstand global?
Auf der Makroebene könnte weiterhin interessant sein, wie formieren sich diese Widerstandspunkte, wie widerständig, wie revolutionär sind diese heterotopen Orte im gesellschaftlichen Ganzen? Verbinden sich die vielen verschiedenen Formen von Widerstand in einer globalisierten Moderne (z.B. sog. Globalisierungsgegner) und wenn ja, wie geschieht dies und mit welchen Symbolen, Begriffen und Konzepten werden Verbindungen geknüpft und Abgrenzungen im globalen Maßstab vorgenommen? Inwieweit stellen moderne „Widerstandbewegungen“ (z.B. Fundamentalismus) dabei das Projekt Moderne selbst in Frage und verändern nach und nach die Welt in der wir leben?
Ich bin sicher, darauf keine endgültige Antwort geben zu können, zum Glück, denn darum lohnt sich Widerstand, schaut selbst..
Zitierte Literatur:
Bey, Hakim 1994: TAZ. Die Temporäre Autonome Zone. Berlin: Edition ID-Archiv.
Graeber, David 2004: Fragments of an Anarchist Anthropology. Chicago: Prickly Paradigm Press.
Gramsci, Antonio [1967]: Philosophie der Praxis. Eine Auswahl. [Raubdruck der 1967 im S. Fischer Verlag erschienenen Ausgabe] FfM.
Foucault, Michel 1997 [frz. Orig. 1976]: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit. Erster Band. Übersetzt von Ulrich Raulff und Walter Seitter. FfM: Suhrkamp.
Foucault, Michel 1976 [frz. Orig. 1973]: Die Macht und die Norm. In: Ders.: Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin: Merve Verlag. 114-5.
Foucault, Michel 2005 [frz. Orig. 2004]: Die Heterotopien. Les hétérotopies. Der utopische Körper. Le corps utopique. Zwei
Radiovorträge. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Michael Bischoff. Mit einem Nachwort von Daniel Defert. FfM: Suhrkamp.
Rote Armee Fraktion 1974 [1971]: Das Konzept Stadtguerilla. In: Schubert, Alex (Hg.): Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay. Rote
Armee Fraktion in der BRD. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.


April 24th, 2011 at 4:08 am
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