Von der Gefahr der Begeisterung – ein Besuch im Völkerkundemuseum zu München als Nicht-Wissenschaftler
Text: Ines Grabmeier
An die mittelbare Gefahr von spontanen Aktionen hatte ich mich ja nun schon fast gewöhnt. Also was macht man, wenn einen die beste Freundin freitagabends überfällt und freudestrahlend verkündet, dass am nächsten Tag ein Besuch im Völkerkundemuseum ansteht? Man lächelt und nickt und weißt darauf hin, dass man trotzdem noch arbeiten muss! Man ignoriert die Schnute und verabredet sich erst für den Nachmittag am Maxmonument.
So kam ich zu meinem ersten Besuch im Völkerkundemuseum und stand keine 24 Stunden später an der Kasse und bezahlte meine 3,50 Euro. Der Student an meiner Seite kam natürlich umsonst rein.
Ich hatte noch nicht ganz mein Geld über die Theke geschoben, da war meine Freundin schon wieder weg und inspizierte die bunten Schals und ähnliche Kleinigkeiten am museumseigenen Laden nebenan. Einmal tief durchatmen und ‚Keine Panik’, denn wir hatten unser Geld schon weggeschlossen.
Wenig später tauchten wir in eine seltsame Mischung von ausgestellten Objekten, quietschenden Holzdielen und aufmerksamen Museumsaufsichten ein. Etwas zu aufmerksam, denn ich fühlte mich ein wenig verfolgt und konnte mich kaum auf die Texte konzentrieren, die mir die Exponate erklären sollten. Wir flüchten uns in den nächsten Raum. Hinduismus, Buddhismus… ich weiß nicht mehr. Fest steht, es sind wunderschöne Objekte, die ich da vor mir sehe und ich genieße den kurzen Ausflug nach Indien in vollen Zügen. Bis mich die aufdringliche Aufsicht und die quietschenden Dielen wieder zurückholen. Wahrscheinlich würde ich mich daran gewöhnen müssen. Na gut, wenigstens sind die Erklärungen kurz und präzise, wenn auch nicht immer für den Laien verständlich, oder meine Allgemeinbildung lässt doch sehr zu wünschen übrig.
Im Buddhasaal angekommen ist die Welt wieder in Ordnung. Keine Schilder, keine Texte, nur Ruhe und Frieden und Gelassenheit. Ich könnte hier Stunden verbringen, nur um den Raum auf mich wirken zu lassen. Aber meine Freundin ist schon wieder weg. Sie interessiert sich mehr für die Südsee. Ich hole noch mal tief Luft, beschließe irgendwann mal wieder zu kommen und folge ihr mitten durch eine Führung mit nur vier Personen. Das ist doch mal Luxus!
Der direkte Weg nach Ozeanien ist durch den Islam versperrt. Wir scheuchen einen ruhenden Wachmann auf. Es war wohl ein besuchsreicher Vormittag gewesenen?! Jetzt sind wir die einzigen und haben viel Zeit uns alles anzuschauen. Die Feinheiten und die Miniaturen beeindrucken mich und Wohnhaus ist toll und ich beginne zu verstehen, warum meine Freundin unbedingt Ethnologie studieren wollte. Wo sonst darf man ungestraft in den Wohnzimmern fremder Menschen stochern und das ganze auch noch Wissenschaft nennen?
Schließlich schafften wir es doch noch in die Südsee. Meine Freundin ist begeistert und ich bewundere das Kanu, dass auf einem Podest mitten im Raum schwebt, auf welches Wasserlicht projiziert wird. Nach der Dunkelheit der Islamausstellung wurde es hier hell und freundlich und ich ahnte schon, dass ich mich später wieder mit Reiseplänen beschäftigen durfte. Ich sah dieses Glänzen in den Augen meiner Freundin.
Trotzdem fühle ich mich hier wohl. Der Wachmann von eben auch, denn er döst wieder auf einem Stuhl vor sich hin.
Es steckt sehr viel Liebe zum Detail in dieser Ausstellung. Hier lebt die Kultur und man lebt mit ihr. Wahrscheinlich doch zu viel Leben, denn der träumende Wachmann zieht sich wieder in den islamischen Teil zurück.
Wir gehen weiter und nach einer ganzen Weile haben wir sogar die Ozeanienausstellung geschafft.
Treppe rauf und wir sind in Afrika. Mir wird schwindelig davon, so auf unserer Erde rum zu hopsen, doch wir fertigen Afrika unschicklich schnell ab. Ich konnte nie viel mit diesem Kontinent anfangen und suche nach etwas Bekanntem. Ägypten vielleicht, aber nein, das hat ja ein eigenes Museum. Ansonsten sind hier nur viele Holzfiguren. Ich müh’ mich kaum noch mit den Texten ab und halte sie alle für Fruchtbarkeitsgötter. Doch ein Stück fesselt meine Aufmerksamkeit dann doch. Ein hölzernes Tier, das über und über mit Nägeln und Eisenhaken gespickt ist. Gruselig genug für jeden Horrorfilm, doch die Beschriftung fehlt. Schade.
Unsere Aufmerksamkeit lässt rapide nach. Wir sind schon ziemlich lang hier und ich verstehe, warum sich Ethnologen räumlich eingrenzen. Wahrscheinlich würde man dem Wahnsinn verfallen, versuchte man jede Kultur der Welt zu verstehen.
In Nordamerika war schon viel Bekanntes vertreten und wir huschen Treppauf und Treppab. Zum Maismehlmahlen kommen wir dann nicht mehr… keine Körner zum Mahlen mehr da. Dazu kommen massenweise Bilder von schiefen Zelten, fliegenden Pferden und quadratischen Indianern und es dämmerte mir. Wahrscheinlich wurde das Museum am Vormittag von einer Horde Kinder überfallen. Jetzt ist mir auch klar, warum der Herr in der Islamausstellung so erschöpft wirkte.
Ich kann meine Freundin gerade noch davon abhalten, uns als Indianer zu verewigen und zerre sie in den nächsten Raum weiter. Jetzt ist meine Aufnahmefähigkeit endgültig überschritten und ich schwebe durch das Dunkel von Holz und Federn dem Ausgang zu.
Ich blinzle im grellen Sonnenlicht und fühle mich erschöpft, aber glücklich. Eine Weltreise in ein paar Stunden, wer kann das schon vorweisen? Und neidisch bin ich überhaupt nicht… Aber so ein Ethnologe scheint schon ein tolles Leben zu führen!
Wir werden wieder ins Völkerkundemuseum kommen, da bin ich mir sicher und ich freue mich schon darauf, auch wenn ich weder Student noch Wissenschaftler bin!


Oktober 3rd, 2011 at 12:03 pm
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