Utopische Ethnologie
Text: Susann Lentzsch
Es gibt sie also doch noch!
Wer hätte es geahnt, doch die letzten unentdeckten Gesellschaften dieser Erde verstecken sich nicht in Südostasien und auch nicht in Nordamerika, oder an irgendeinem anderen Ort, der mehr oder weniger komfortabel zu erreichen wäre. Um sie zu finden bedarf es schon etwas Mühe.
Und doch, es gibt ihrer Hunderte, man muss nur wissen wo sie sich so gekonnt vor der wissenschaftlichen Gemeinschaft verborgen halten.
Gespanntes Schweigen und dem Ethnologen juckt es in den Fingern. Wo war das Notizbuch, wo die Kamera?
Aber für diese Kulturen ist zumindest ein Fotoapparat denkbar ungeeignet.
Wo also verstecken sich diese lohnenden Studienobjekte?
Ganz in der Nähe! In Bibliotheken und Buchläden (ja sogar bei Hugendubel). Im Bücherregal, im Schrank, unterm Bett, vergessen auf dem Platz neben dir im Bus, U-Bahn, S-Bahn oder Zug, warten sie nur darauf erforscht und untersucht zu werden.
Natürlich rede ich von Büchern und warum sollten in unserem weitgefassten, holistischen, interpretierenden Kulturbegriff, so schillernde Gesellschaften wie die der Utopier (‚Utopia’: T. Morus), der Hobbits (‚Lord of the Rings’: J.R.R. Tolkien) oder auch der Vogonen (‚A hitchhikers guide to the galaxy’: D. Adams) keinen Platz finden.
Auch sie haben eine Geschichte, eine Gegenwart und hoffentlich auch eine Zukunft. Doch gerade ihre Historie ist oftmals bekannter, als bei jeder realen schriftlosen Kultur, da sich ein guter Schriftsteller nicht zu schade ist, seine Völker auch mit Geschichte und Mythen auszustatten. Wer von uns hat sich denn nicht schon durch das ‚Silmarillion’ von J.R.R. Tolkien gekämpft um die Geschichte der Elben im ‚Herrn der Ringe’ besser zu verstehen.
Zur eigenen erdachten Vergangenheit dieser Kulturen kommen ebenfalls der Hintergrund der Veröffentlichung und die Geschichte des Autors dazu. Alles ebenfalls Teilstücke, die zu einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung gehören müssen, wie auch die politische und/oder soziale Stellung eines ‚echten’ Ethnographen. Genau wie auch die vom Autor beschriebene Pragmatik, die Regeln und die Wertideen dieser fremden Kulturen.
Natürlich kommt irgendeine der Needham - Ebenen aus schriftstellerischen Gründen in einem Buch meist zu kurz. Wann allerdings hat man in seiner ‚realen’ Gastgesellschaft immer sofort den 100-prozentigen Zugang? Manchmal braucht es eben ein wenig Mühe die Hintergründe zu entdecken und sollten nicht gerade solche Unzulänglichkeiten unsere Neugierde wecken?!
Und dann gibt es solche Bücher, die sich schon allein wie eine regelrechte Ethnographie lesen. Ein gutes Beispiel dafür ist ‚Utopia’ von Thomas Morus. Geschrieben im Jahre 1516, lange bevor an eine wissenschaftliche Ethnologie überhaupt zu denken war, stellt uns der Autor die fiktive Insel Utopia und ihre Bewohner vor. Er behandelt nacheinander fünf Komplexe des Lebens der utopischen Kultur: die Verfassung, die Gesellschaftsordnung, die Sittenlehre, die Außenpolitik und schließlich auch die Religion der Utopier. All diese Teilbereiche fügen sich zu einem (natürlich nicht ganz vollständigen) Gesamtbild des utopischen Lebens zusammen. Eine politikethnologisch Herangehensweise könnte zum Beispiel so beginnen:
Thomas Morus wurde am 7. Februar 1478 in London geboren und wurde nach dem Studium der Juristerei 1515 als Gesandtschaft in die Niederlande geschickt, wo er sein wohl bekanntestes Werk verfasste: ‚Utopia’. Das Büchlein wurde ein Klassiker der politischen Philosophie. Der Titel wurde schnell zu einem Schlagwort und wurde zum Sammelnamen der literarischen Gattung der Staatsromane und Utopien. Trotz unzähliger Deutungsversuche, hat es die Intention seiner Entstehung noch nicht preisgegeben.
Das wichtige die Insel Utopia und seine Bewohner beschreibende zweite Buch ist eigentlich eine Erzählung eines gewissen Raphael Hythlodeus’, die Morus als Zuhörer aufnimmt und schließlich schriftlich wiedergibt. Angeblich ist Hythlodeus ein Gefährte Amerigo Vespuccis’ und traf auf einer seiner Seereisen auf die Insel Utopia, die irgendwo in der neuen Welt liegen soll, deren Entdeckung für das Europa zur Zeit Thomas Morus traumatisch gewesen sein muss, hörte man doch plötzlich von gänzlich neuen Staats- und Lebensformen fremder Völker, die so märchenhaft geklungen haben müssen, wie uns heute Kulturen der fantastischen Literatur erscheinen.
Natürlich wissen wir so viel über die Handlungen der Utopier, wie uns Hythlodeus und somit Morus zu berichten gedenkt. Wir können die Utopier nicht fragen, ob die Ausführungen richtig sind und man kann nur vermuten wie viel ausgelassen, unterschlagen oder einfach falsch informiert wurde. So wird berichtet, das die Jungen den Alten gehorchen und die Frauen den Männern. Ob dies allerdings immer und überall der Fall ist, ist fraglich und darf, die menschliche Natur betrachtet, bezweifelt werden.
Sie halten jährlich hierarchische Wahlen ab und führen Krieg gegen jeden, der sie bedroht oder aus territorialen Gründen. Geführt werden sie dabei von ihren 54 Fürsten, die jeweils eine Stadt regieren und gemeinsam den großen Rat bilden.
Jeder Haushalt in Utopia wählt einen Haushaltsvorstand. Immer 30 Haushaltsvorsteher wählen einen sogenannten Syphorant, von denen sich wiederum 10 zusammentun um einen Traniboren zu wählen. Alle 200 Syphoranten einer Stadt wählen unter vier Bewohnern der Stadt, welche von der Stadtbevölkerung vorher entschieden wurden, den Fürsten, der zusammen mit den 20 Traniboren und jeweils 2, bei jeder Sitzung wechselnden Syphoranten, den Senat bildet. Da die Anzahl der Bewohner einer utopischen Stadt immer gleich bleibt, ändert sich auch die Zahl ihrer Repräsentanten gleich.
Die Utopier pflegen ein komplexes System an Wertvorstellungen. Sie streben danach Produktionsmittel als einheitliches Gesellschaftseigentum zu betrachten und arbeiten zum Wohle der Gesellschaft. Jeder hat dieselben Rechte und Pflichten. Es soll eine allseitige geistige und körperliche Entwicklung zum Wohle der Gemeinschaft erfolgen und gebildete Menschen mit einem hohen Gesellschaftsbewusstsein hervorbringen. Sie halten Privateigentum und jegliche Art der Güteranhäufung für überflüssig und verurteilen sie. Im Großen und Ganzen ein recht kommunistischer Ansatz, der jegliche Unterdrückung und Ausbeutung verurteilt.
Die ethnologische Arbeit an einer literarischen Vorlage scheint der historische Ethnologie untergegangener Kulturen zu ähneln, da man keine Möglichkeit hat zu der fremden Gesellschaft zurückzukehren um weitere Nachforschungen zu betreiben.
Es erscheint seltsam, das sich die Ethnologie, welche sich heutzutage doch so gern an den Literaturwissenschaften orientiert, vergisst den kleinen Schritt zu tun und nicht versucht auch mal unkonventionell zu arbeiten. Nicht ist so spannend wie von fremden Welten berichten zu können!
Denn schließlich steht groß und breit an einer Wand des Völkerkundemuseum zu München: Völkerkunde handelt von allen Kulturen und Völkern. Na also, halten wir uns daran und stürzen uns vom vielgerühmten Tellerrand. In diesem Sinne: Keine Panik und auf zu fremden Welten, unbekannten Lebensformen und neuen Zivilisationen!


März 21st, 2009 at 11:27 pm
I love sammie I didnt know that was him he is so cute