Ein Rückblick
Text: Magnus Treiber
Im SoSe 2006 traten die Lehrbeauftragten am Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Universität München nach einer Urabstimmung geschlossen in ‚Streik’ – formal nahmen wir unsere Lehraufträge nicht an, denn Lehrbeauftragte unterliegen ja keinem Tarifrecht. Immerhin 16 Proseminare und 2 Sprachkurse fielen daraufhin aus.
Unser Institut ist im Vergleich zu den großen Sozialwissenschaften zwar überschaubar, doch in der kulturwissenschaftlichen Fakultät mit einer Größe von etwa tausend Studierenden mit Abstand das zahlenstärkste. Dabei besitzt die Ethnologie dank Stellenstreichung und langer Wiederbesetzungsphase nur wenig festes Personal, derzeit 3 Professuren, 1 Assistenz und seit Einführung der Studiengebühren nun 1½ Lektorenstellen. Ein Pool von 20-30 Lehrbeauftragten sorgt beständig für ein breites Lehr- und Betreuungsangebot im Grundstudium. Diese bekamen im WiSe 2004/05 255,- Euro für einen doppelstündigen Lehrauftrag, pro Semester wohlgemerkt. Nach einer Umfrage an unserem Institut ergaben sich zusätzlich zu 30 Lehrstunden im Durchschnitt 60 volle Arbeitszeitstunden für Vorbereitung, Betreuung und Korrekturen, was – bei gleichzeitig wesentlicher Entlastung der überladenen fest angestellten Lehrkräfte am Institut – zu einer rechnerischen Vergütung von zwei bis drei Euro pro Arbeitsstunde führte.
In einem Jahr Vorarbeit, Auslöser war der allgemein geäußerte Unmut im Anschluss an gewöhnliche Institutssitzung im Mai 2005, versuchten wir unser Anliegen nach außen zu tragen, uns aber auch selbst über die Lage an anderen Instituten und Hochschulen, rechtliche und politische Möglichkeiten sowie über Ansprechpartner und potentielle Allianzen zu informieren. In einem gemeinsamen Brief an unser Dekanat, den 19 Promovierende, Promovierte und Habilitierte unterzeichneten, forderten wir im Juni 2005 eine Vergütung gemäß der entsprechenden Lehrauftrags- und Lehrvergütungsvorschrift des Bayerischen Wissenschaftsministeriums vom 8. Juni 2001 ein (Nr. X/2-23/56-10a/19 239, dokumentiert im KWMBl I Nr. 12/2001, s. auch BayHSchPG Art. 31-32). Genannt sind dort – selbstverständlich mit Verweis auf eine entsprechend potente Haushaltslage – Sätze von € 21,- Einzelstundenvergütung, € 50,50 Vergütung bei besonderer Belastung sowie € 336,- bzw. € 673,- für Privatdozentinnen und -dozenten. Wir nahmen Kontakt zum örtlichen Personalrat auf (der eigentlich nur für festes Personal zuständig ist), bekamen rechtlichen Rat von einem pensionierten, ehemals leitenden Verwaltungsbeamten der Universität, suchten das Gespräch mit Lehrbeauftragten anderer Institute und Hochschulen und diskutierten mit dem Institutslehrkörper. Lag das regelmäßige Engagement bei einer Handvoll Aktiver, übernahmen nach zähem Anfang dann eine ganze Reihe Interessierter organisatorische Patenschaften für verschiedene Folgeaktionen.
Da wir unser Anliegen weder einklagen noch erzwingen konnten und abwarten wollten, was mit den damals neu angekündigten Studiengebühren passieren sollte, schloss der Streik unseren Protest als Höhepunkt ab. Nach schrittweiser Anhebung bezahlt das Dekanat heute für etwa 10 Lehraufträge 10 Euro pro Lehrstunde, diese werden aus den inzwischen eingeführten Studiengebühren auf 20 Euro verdoppelt, der Rest der vom Institut bewilligten Lehraufträge wird mit 20 Euro vollständig aus Studiengebühren finanziert, so gibt es für das Semester inzwischen 600 Euro.
Erstaunte Sympathisanten, erstaunliche Allianzen
Die Thematisierung des Lehrauftrages, obwohl auch früher schon aufgegriffen, schien unerwartet – funktionierte die Handhabung doch weitgehend reibungslos. Bald zeigte sich, dass wir ausschließlich auf erstaunte Sympathisanten stießen. Das Institut für Ethnologie und Afrikanistik sagte zu, uns in Gremien und Öffentlichkeit zu unterstützen und uns während des Streiks nicht zu ersetzen, was wesentlich zu einer angstfreien Mobilisierung beitrug. Der Dekan äußerte Verständnis, verwies aber auf den Sachzwang einer allgemeinen Reduktion bezahlter Lehraufträge bei höherer Einzelvergütung. Der Rektor (und heutige Präsident) schließlich sah die Entscheidungskompetenz bei den Dekanen, beschrieb sich als machtloses Zwischenglied zwischen diesen und dem Kultusministerium und prophezeite uns, wir würden es schwer haben, jemanden zu finden, der nicht mit uns sympathisiere. Kurz darauf verlautbarte das Kultusministerium, Lehrbeauftragte leisteten ‚gute Arbeit’.
Der Personalrat immerhin ermöglichte uns einen Redebeitrag auf der Personalvollversammlung, während der Arbeitskreis Gewerkschaften, eine überwiegend aus Studierenden bestehende Initiative, kleinere Publikationsmöglichkeiten und auf Veranstaltungen Ko-Referate und Organisationshilfe anbot. Eine Plattform für Veröffentlichung und Organisation fand sich auch in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bayern, in welcher die Fachgruppe Hochschule und Forschung neuen Wind erfuhr. Die AG Lehrbeauftragte der GEW Berlin schickte einen Referenten und bot umfassende Recherchen. An den Instituten der Politologie, Soziologie und Philosophie gründeten sich eigene Lehrbeauftragten-Initiativen, die in der dezentralen Universitätsstruktur über recht unterschiedliche Problemlagen klagten, was auch uns selbst zu einem hausinternen Schwerpunkt veranlasste, ohne den Kontakt nach außen zu verlieren – wie etwa zu einer Gruppe prekär beschäftigter SprachlehrerInnen, die durch das rege Medieninteresse auf unser Engagement aufmerksam geworden war.
Interviews, Artikel und Kommentare erschienen in Abendzeitung, Süddeutscher Zeitung und im Münchner Merkur unter Titeln wie „Hungerlöhne an Münchner Uni“ (AZ, 04./05.02.06), „Fast zum Nulltarif“ (SZ, 08.02.06) oder „Drei-Euro-Lohn: Lehrbeauftragte im Streik“ (MM 09.05.06). Öffentlichkeitswirksam zeigte sich auch der dokumentarische Fernsehbeitrag „Forscher in Not“ des Lehrbeauftragten Arno Trümper, den das 3SAT-Wissenschaftsmagazin Nano (06.06.06) der Vorsitzenden der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, vorführte. Die akademische Exzellenzinitiative bot interessierten Medien den idealen (und unverhofften) Anlass, die Diskrepanz zwischen Elite-Getöse und akademischer Billigarbeit auszuleuchten. In einem Hintergrundgespräch stellte sich allerdings schnell heraus, dass berufliche Prekarität auch innerhalb der Redaktionen Kreise zog und junge JournalistInnen über den aktuellen Umweg Universität auch politisches Bewusstsein für die eigene Situation zu wecken suchten. Sicherlich kam uns Lehrbeauftragten in der erfolgreichen Medienberichterstattung – und ganz im Sinne Pierre Bourdieus – das Privileg der kompetenten Äußerung wie der richtigen sozialen Kontakte zugute. Vor allem das Medieninteresse verschaffte unserem kleinen Aufstand auch über den lokalen Kontext hinaus Aufmerksamkeit und Nachlese.
Nicht zuletzt seien die Studierenden unseres Faches erwähnt, die weitgehend Verständnis für die ausgefallenen Seminare äußerten und uns Fachschaftszeitung und Weblog (protest.twoday.net/) zur Verfügung stellten. Sie luden uns auf eigene Protestveranstaltungen ein, betteten unser Anliegen in eine studentische Petition beim Bayerischen Landtag ein, mit welcher sie sich um Stellenerhalt am Institut bemühten, und leisteten hier und da nötige Organisationshilfe.
Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion „Beruf Wissenschaft – Prekäre Karriere für die Elite-Universität“ im Februar oder die öffentliche Ringvorlesung auf dem Münchner Odeonsplatz im Juli 2006 wären ohne Unterstützung all dieser Akteure kaum erfolgreich zustande gekommen.
Spannungsfelder
Nicht unbedingt überraschend, aber doch nicht immer dort wo erwartet, blieben im Vorbereitungsjahr und im Streiksemester Spannungen nicht aus. In der schönen Tradition studentischer Generationenkonflikte erwarteten VertreterInnen der Studierenden ein ereignisreiches sommerliches Happening, Vorlesungen in der Trambahn etwa wurden eingefordert. Bei uns Lehrbeauftragten aber ging das übliche zeitaufwendige Leben weiter: unverzichtbare Erwerbstätigkeit, das Verfassen von Anträgen, Artikeln und Bewerbungen sowie ein Rest Privatleben, denn viele Lehrbeauftragte haben mit 30 bis 45 Jahren eine eigene Familie. Nach Einführung der Studiengebühren – die Studierenden hatten bei allgemein schwachen Protesten und recht hohem Verständnis für die Gebühren immerhin die Mitbestimmung über die Verwendung in den Fachbereichen durchgesetzt – irritierte zudem das Argument, mit einer Verdoppelung der Lehrauftragsvergütung von 10 auf 20 Euro müsse nun auch eine entsprechende Leistungsbereitschaft sichtbar werden. Für die Lebensrealität ohnehin in stetiger Selbstausbeutung existierender Lehrbeauftragter allerdings bleiben unter den gegebenen Umständen auch 100% mehr eher symbolisch.
Als wenig durchschaubar und unvorteilhaft bei der Suche nach entscheidungskompetenten Gesprächspartnern erwiesen sich langjährige Querelen in der universitätsinternen Hierarchie und Organisationsstruktur, verantwortlich gemacht für die historische Genese unserer Misere wurde denn auch die jeweils andere Verwaltungsebene. Immer wieder kam dabei die Ambiguität der Institution Lehrauftrag zur Sprache, die heute sowohl das ursprüngliche freundliche Zusatzangebot durch beruflich etablierte Praxis-Experten umfasst wie die schleichende Verdrängung der klassischen Assistenzstelle. Der Dekan bekräftigt in seinem Antwortschreiben an uns im Juni 2005 „[…] dass Lehraufträge im Regelfall der Weiterqualifizierung von Nachwuchswissenschaftlern dienen und eine Ergänzung des Lehrangebotes darstellen, nicht aber zum Erbhof werden sollen.“ Im persönlichen Gespräch ergänzt der Nachfolger im Amt, die Universität sei nun einmal ‚kein Sozialamt’.
Schließlich ergab sich ein wesentliches Spannungsfeld aus der politischen Heterogenität der Lehrbeauftragten selbst, wobei ein selbstkritischer Hinweis auf das schwierige Diskussionsverhalten Intellektueller vielleicht nicht fehlen sollte. Bei unseren regelmäßigen Treffen waren immer wieder aufgerollte Grundsatzdebatten die unvermeidliche Folge stets wechselnder Teilnahme. Ohne praktisches Handeln aber ist die Öffentlichkeit politischer Anliegen kaum zu realisieren. Unter den intern vertretenen Positionen fand sich die Forderung, den Bildungsbegriff als solchen in Frage zu stellen, und grundsätzlich zu diskutieren, welche (Fach-)Wissenschaft wünschenswert sei. Nur ließ sich mit Blick auf die Situation der Lehrbeauftragten aus dieser Diskussion kein konkretes Handeln ableiten. Eine Stimme rief dazu auf, den B.A./M.A.-Umbau des Studiums zu nutzen, um Themengebiete der Lehrbeauftragten unverzichtbar zu machen. Doch wollten wir langfristig etablierte Lehraufträge oder angemessen entlohnte Stellen mit Sozialversicherung? Sorge um soziale Deklassierung zeigte sich wohl in der Stellungnahme, man sei prinzipiell Elite, verfüge über die nationale Ressource Bildung und lebe unterhalb angemessener Ansprüche. Dennoch bot sich die Möglichkeit zum Konsens mit der gewerkschaftlichen Forderung, gute Arbeit auch gut zu entlohnen. Der Minimalkonsens, die urgewerkschaftliche Forderung nach besserer Bezahlung, fand denn auch die größte Unterstützung, nichtsdestotrotz konnten sich selbst dieser schlichten Forderung nicht alle anschließen, teils aus inhaltlichen, teils aber auch aus zeitlich vorrangigen Gründen.
Die praktischen Erfahrungen unseres Lehrbeauftragten-‚Streiks’, über dessen Erfolg sich sicherlich streiten lässt, verweisen in vielfacher Hinsicht auf die größere Debatte um Prekarisierung von Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnissen. Mit Blick auf die politische Mobilisierbarkeit atomisierter Individualisten und Spezialisten in der Wissenschaft, die bei geringem gewerkschaftlichen Organisationsgrad die unerschöpfliche Hoffnung auf soziale Aufwärtsmobilität verkörpern, scheint mir beachtenswert, dass dieses biographische Projekt und dieser Lebensstil nicht ausschließlich aufgezwängt wurde, sondern auch gewählt und mitgeprägt wird. Vor allem die Jüngeren hätten die Zeichen der Zeit erkennen und es vermutlich besser wissen können. Wir alle aber halten unsere wissenschaftliche Arbeit für sinnvoll und tun sie gerne. In einem Miteinander aus kühler Analyse und Bereitschaft zu pragmatischem Minimalkonsens sollten wir genau mit diesem Argument das Engagement für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft bewerben.
Dieser Beitrag wurde in einer ersten Fassung auf der Arbeitstagung „Prekarisierung von Wissenschaft und wissenschaftlichen Arbeitsverhältnissen“ des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) am 11./12.01.2008in Leipzig vorgestellt. Der Autor arbeitet derzeit als studiengebühren-finanzierte ‚Lehrkraft für besondere Aufgaben’ am Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Universität München.


September 17th, 2010 at 6:14 pm
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November 23rd, 2010 at 4:28 pm
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