Queer-in(g) Delhi: Die politische Queer-Bewegung und die Bedeutung des Internets für die indische Queer Community

Text: Janina Geist

Was ist Queer?
Unter dem Überbegriff Queer[1] Community[2] kann man eine große Anzahl vieler, wiederum in sich sehr differenzierter, Subgruppen einordnen, die alle nicht in das sozial genormte heteronormative Gesellschaftsbild passen. Darunter fallen in Indien folgende Subgruppen: Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Kothis[3], Hijras[4]. Auch Subkategorien wie butch, femme[5], ftm, mtf[6], MSM (men who have sex with men), WSW (women who have sex with women) etc. können wichtig für die Zuschreibung einer Identität oder sexuellen Vorliebe sein, da beispielsweise nicht alle Männer, die Sex mit anderen Männern haben, sich auch als schwul identifizieren. Auch soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass die einzelnen Begriffszuschreibungen nicht absolut zu verstehen sind, sondern häufig jenseits der Grenzen verlaufen, d.h. eine lesbische Frau kann sich sehr wohl auch als lesbisch, gay und/oder queer verstehen. Der akademische Überbegriff queer geht über eine bloße Identitätszuschreibung hinaus, ist politisch konnotiert und hinterfragt soziale Heteronormativität und Diskriminierungen aufgrund von Gender, Kaste, sozialen Status, etc. Er eignet sich somit, um sowohl solche Queers zu erfassen, die sich in bestimmten Kategorien wie z.B. lesbisch, schwul etc. einordnen, als auch solche die sich nicht kategorisieren lassen wollen (vgl. Narrain/Bhan 2005: 3-4).

Queer Community in Indien: ein bislang unerforschtes Gebiet?

In den letzten 10 Jahren haben indische AkademikerInnen angefangen das tabuisierte Thema der gleichgeschlechtlichen Sexualität in Indien auch in der Forschung durch die Veröffentlichung zahlreicher Publikationen allmählich ins Licht der breiteren Öffentlichkeit zu rücken. Es wurden bisher mehrere Werke publiziert, in denen sich AutorInnen mit der Thematik in Hinblick auf Literatur, Geschichte, Gesellschaft und Kultur auseinandersetzten. In Same-Sex Love in India: Readings from Literature and History zeigen Ruth Vanita und Saleem Kidwai beispielsweise durch zahlreiche Texte die seit 2000 Jahren währende Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe in der indischen Literatur auf. Dadurch wird die Präsenz der gleichgeschlechtlichen Liebe in ihren vielen Variationen seit den frühesten kulturgeschichtlichen Zeiten in Indien belegt und stellt sich damit gegen die Behauptungen, dass die Homosexualität ein westlicher Import und nicht in der indischen Kultur immanent sei (vgl. Vanita/Kidwai 2001). Desweitern bieten zahlreiche Publikationen wie z.B. Because I have a Voice: Queer Politics in India (2005) oder Queer: Despised Sexuality, Law and Social Change (2004) eine aufschlussreiche Einführung in den aktuellen politischen Diskurs der Queer-Bewegung und stellen die zahlreichen Themen und Herausforderungen dar, mit denen die politischen AktivistInnen und die Queer Community alltäglich konfrontiert sind (vgl. Narrain/Bhan 2005; vgl. Narrain 2004).
Wichtig für eine akademische Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität sind auch die Theorien von Foucault. Er stellt in seinem dreibändigen Werk Sexualität und Wahrheit u.a. fest, dass die Begriffe Homosexualität und Heterosexualität erst als distinktive sexuelle Kategorien im 19. Jahrhundert konstruiert wurden, um bestimmte Personengruppen und ihr Sexualverhalten in Rahmen eines medizinischen Diskurses pathologisch einzuordnen. Das Geschlecht der Person mit der man eine sexuelle Beziehung unterhält, legte von diesem Zeitpunkt an die Kategorie der eigenen Identität fest (vgl. Mills 2003: 85, 87). Diesbezüglich zeigt Narrain auf, wie die koloniale Regierung in Indien, dem viktorianisch moralischen Zeitgeist entsprechend, alternative sexuelle Lebensformen, wie gleichgeschlechtliche Liebe, als unnatürliche Kategorie konstruierten und gesetzlich mit dem Paragraph 377[7] des IPC unter Strafe stellten (vgl. Narrain 2004: 41,44-49). Aber auch die indische Nationalismusbewegung verleugnete die indische Tradition der gleichgeschlechtlichen Liebe und benutzte die Ablehnung von Homosexualität um sich von dem Westen abzugrenzen: „[…]the very stigmatisation of homosexuality as ‘foreign’ and ‘other’ was based not just in the mimicking of a colonial discourse but in the need to construct a ‘virile’ nation which could unshackle the colonisers“ (Narrain 2004: 44). Dabei ist es wichtig anzumerken, dass die Ideen über einen westlichen Import homosexueller Praktiken nach Indien und „Queerphobia“ auch in einem postkolonialen Nationalismusdiskurs wie z.B. bei konservativen Hindu-Nationalisten nach wie vor weiter bestehen und die eigene kulturelle Geschichte somit gezielt ausgeblendet wird (vgl. Bacchetta 1999). In Indien wird die Sexualität generell tabuisiert. Für weibliche Sexualität gilt dies in noch stärkerem Maße als für männliche, daher ist lesbisches Begehren ein doppelter Tabubruch: Nicht nur als unmoralische sexuelle Abnormität sondern auch als Überschreitung des traditionellen (sexuell passiven) Rollenverhaltens der Frau. Als Folge der verinnerlichten Heteronormativität reproduzieren einige Queers auch innerhalb der Queer-Sphäre heteronormative, stereotypische Genderkategorien und entsprechendes Rollenverhalten wie z.B. butch oder femme (vgl. n. k. 2006; vgl. auch: M. S. 2007). Die akademische Forschung zu diesem Thema steckt noch in ihren Anfängen und viele Themen wie z.B. die Rolle des Internets innerhalb der Queer Community in Indien sind bislang noch nicht erforscht worden.

Politische Queer-Bewegung in Indien

Im öffentlichen Diskurs dominiert nach wie vor ein generelles Verschweigen oder Exotisieren der diversen alternativen Lebensformen der heterogenen Queer Community. Erst seit den letzten Jahren zeichnen sich gerade in den urbanen Zentren und bei einigen progressiven Medien ein langsames Umdenken und eine neutrale Berichterstattung ab. Es entstehen, neben den traditionellen Orten (z.B. Cruising[8]-Plätze), zunehmend in den städtischen Gebieten auch neue soziale und politische Räume für indische Queers, um miteinander zu interagieren. Zu wichtigen Queer-Institutionen in Delhi zählen beispielsweise Sangini (eine Supportgruppe für lesbische, bisexuelle und transsexuelle Frauen), Naz Foundation (Drop-In Center für Schwule, Kothis, Hijras, MSM; medizinische Versorgung, Aufklärungsarbeit, Support) und Nigah (queeres Medienkollektiv). Alle diese Gruppen leisten alltäglich einen Beitrag, um alternative Lebenskonzepte in den Augen der Allgemeinheit zu „normalisieren“, um durch Beratungen und Selbsthilfegruppen Hilfestellungen für Queers zu gewährleisten und setzen sich für eine andere Berichterstattung in den Medien ein. Sie sind alle aktive Angehörige der politischen Queer-Bewegung, die sich in den letzten 20 Jahren v.a. in den städtischen Zentren Indiens formiert hat. Aktuelle Themen des politischen Queer-Diskurses sind laut L. E.[9]: „Absence of rights, of protection, of support; violence, violence from families, violence from cops, violence at the workplace […] We have a big problem here which is arranged marriage. And there is a lot of marriage pressure on Indian queers when they become of marriageable age. Big problem. Big source of violence.“ Darüberhinaus wird politisch durch Initiativen wie Voices against 377[10] im Moment versucht die Gesetzeslage des IPC 377 zu modifizieren. Hierbei entsteht jedoch auch die Gefahr sich innerhalb der politischen Bewegung zu stark ausschließlich auf die männliche Homosexualität zu konzentrieren und andere Themen aus den Augen zu verlieren, wie der Aktivist A. K. deutlich macht: „[…] Section 377 is just one part of it because it focuses more on male to male sexuality and on the penetrative act […] it doesn’t even talk about women in that sense. So Section 377 is an important part of it but just to initiate conversations about sexuality and to initiate various other laws.”
Nur ein sehr kleiner Teil der Queer Community ist politisch aktiv. Interaktion der diversen Subgruppen (Kothis, Hijras, Lesben, Schwule, Transgender, Bisexuelle etc.) geschieht meist nur aus politischen Gründen für gemeinsame Interessen und Ziele (z.B. bei Pride March[11]). Die sozial schwächergestellten Subgruppen wie z.B. Kothis oder Hijras sind jedoch häufig marginalisiert und agieren sozial fast ausschließlich nur untereinander. Mitglieder der anderen Subgruppen (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender), die einer gebildeten Mittel- und Oberschicht angehören, sind untereinander besser vernetzt und verkehren sozial in den gleichen Kreisen. Sozioökonomische Zugehörigkeit zu einer gewissen gesellschaftlichen Schicht oder Kaste, Sprachkenntnisse und finanzieller Status bestimmen über den Grad der Interaktion untereinander. Somit kann man die Queer Community hinsichtlich diesen Kriterien in zwei Gruppen aufteilen: Kothis und Hijras auf der einen, LGBT auf der anderen Seite. Ein erklärtes Ziel von Nigah ist laut P. R. das Gefühl einer zusammengehörenden Community zu schaffen, ohne jedoch die einzelnen heterogenen Eigenheiten der Subgruppen zu unterdrücken. Hierbei scheint besonders das Konzept queer für die politischen AktivistInnen ein geeignetes Mittel zu sein.

Emanzipation der Queer Community über das Internet
Die Queer Community in Indien hat mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Sozial wird die gleichgeschlechtliche Sexualität von der Mehrheit der Bevölkerung nicht akzeptiert, da sie dem heteronormativen Gesellschaftsbild widerspricht, das den Wert der Ehe, Fortpflanzung und der Familie idealisiert. Gesetzlich sind nach dem IPC 377 bestimmte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen illegal, was zu Diskriminierungen und strafrechtlicher Verfolgung seitens der Polizei und der staatlichen Institutionen führt. Angesichts solcher gesellschaftlicher Rahmenbedingungen habe ich vor meiner Feldforschung vermutet, das das Internet für die Queer Community in Indien eine wichtigen Stellenwert einnehmen könnte und indische Queers sich online in zahlreichen Netzwerken begegnen könnten, die in solcher Form offline nicht möglich sind. Die Annahme, dass das Medium und die Sphäre des Internets für diejenigen, die dazu Zugang haben, eine wichtige Rolle spielt hat sich durch semistrukturierten Interviews mit queer-identifizierten InderInnen in Delhi bestätigt. Im Folgenden werde ich auf einige meiner Ergebnisse eingehen. Politisch ist das Internet für Queer-AktivistInnen und queere Institutionen das wichtigste Medium und Instrument, um sich z.B. in kürzester Zeit miteinander in Verbindung zu setzen, auf dem Laufenden zu halten und sich online in Emailverteiler, Egroups und Diskussionsforen (wie LGBT India, Khush, Voices against 377, GayDelhi, Symphony in Pink, etc.) über aktuelle Themen auszutauschen. Dabei sind innerhalb Indiens alle urbanen Städte und die AktivistInnen der Queer-Bewegung flächendeckend über das Internet miteinander vernetzt und können unmittelbar auf diskriminierende Ereignisse reagieren. Zum Beispiel wurde nach einem Vorfall in Kolkata drei Stunden später bereits in Delhi auf der Strasse demonstriert und entsprechende Beschwerden eingereicht. Daneben findet online auch ein Austausch mit Mitgliedern einer globalen Queer Community statt. Erfahrungsberichte, Konzepte und Strategien werden häufig übernommen, bzw. kulturell angeeignet. Dazu meint Aktivist A. K.:

„[…] the internet is really important cos queer politics largely remain happening on the web […] most people we are in touch through the net via emails and webgroups […] all these conversations as in what strategies are being planned, to what to do in the next court hearing and other kind of events being planned keep happening on the web […] Also the way the web penetrates into any person’s life, it has penetrated into the life of queer people and has produced and accelerated mobility, contact, correspondence which is extremely important for a movement like ours.”

Desweiteren fügt L. E. hinzu:

“It has provided one of those spaces where nationally there is dialogue, where earlier we used to write letters to each other and that was only within a specific sub-identity segment like women to women, gay men to gay men etc. but now we have a lot of E-groups for activists that are across identities, for non-activists which are across sexualities.”

Der politische Diskurs der Queer-Bewegung wird als Protest zu der erzwungenen Heteronormativität und der damit verbundenen Diskriminierung und rechtlichen Schlechterstellung verstanden. Die Emanzipation der Queer Community mittels des Internet wirkt sich auch auf andere Massenmedien aus. Neben der früher sehr einseitigen und exotisierenden Repräsentation in den Medien, gibt es mittlerweile zahlreiche Veränderungen, indem das Thema zunehmend differenzierter dargestellt wird. In Time Out Delhi, einem zweimal im Monat erscheinenden Stadtmagazin, gibt es eine Seite exklusiv für „Gay and Lesbian“, auf der relevante Themen und Artikel zum Thema Queer, Notrufnummern, Supportgruppen und diverse Veranstaltungshinweise, wie z.B. für Frontrunners: eine queere Jogginggruppe, gelistet sind. Im Fernsehsender NDTV wird in Talkshows beispielsweise über Adoptionsrechte für Lesben und Schwule diskutiert und in Tamil Nadu gibt es nun die erste transsexuelle Fernsehmoderatorin (vgl. Lakshmi 2007). Doch nicht nur die Massenmedien greifen das Thema Queer auf, sondern international angelegte Werbekampagnen wie beispielsweise die „Straight Jeans“-Kampagne von Lee Jeans werden auch in indischen Städten eingesetzt. So nahmen verschiedene Zeitungen in Bangalore die Kampagne, die über die Stadt und ihre vielen Shopping-Malls flächendeckend verstreut war, zum Anlass sich in Berichten mit dem Thema Homosexualität in Bangalore auseinanderzusetzen (vgl. Lalitha: 2007). Das Internet bietet trotz der zunehmenden Berichterstattung durch die Print- und Fernsehmedien nach wie vor das breiteste Spektrum an queer-relevanten Nachrichten und Informationen. Darunter besonders wichtig sind die zahlreichen Queer Blogs, die subjektive Perspektiven des Alltaglebens vermitteln, wie sie sonst nur selten in anderen Medien thematisiert werden. Außerdem regt die Kommentarfunktion jedes Blogs den interaktiven Austausch der einzelnen Protagonisten an. Auch werden online Materialen für eigene „Queer Histories“ zusammengetragen und dort stetig weiter ausgebaut. Der Zugang zu solchen Quellen ist in Indien nur über das Internet möglich.

Wie wird das Internet genutzt?
Die Nutzung des Internets unterscheidet sich maßgeblich unter den einzelnen Subgruppen der Queer Community und wird entsprechend der sozialen und finanziellen Lage der Queers geprägt. Soziale, internationale Networking-Seiten wie Facebook oder Orkut, bieten weitere Portale in denen sich einzelne Mitglieder miteinander individuell oder auch in diversen Gruppen (z.B. Lesbian Desis, Queer Desis etc.) vernetzen können. Besonders wichtige soziale Funktionen übernimmt das Internet, neben den bereits angesprochen politischen Funktionen für die Queer-AktivistInnen, gerade für den schwulen Teil der Queer Community. Soziale Seiten (wie z.B. www.guys4men.com), bei denen der Fokus stärker auf „Dating, Hooking up, Sex“ liegt, werden vor allem von schwulen Männern genutzt, lokal angeeignet und ihren Bedürfnissen angepasst. P.R. bemerkte hierzu treffend: „the internet is the most important hunting ground.“ Ende der 90er Jahre fand eine Verlagerung der schwulen Community, die einer englischsprechenden Mittel- und Oberschicht angehören und bis dahin rege Teilnehmer bei sozialen Supportgruppentreffen waren, in das virtuelle Netz statt. Die Entwicklung kann an Hand der schwulen Supportgruppe Humrahi verdeutlicht werden, wie das ehemalige Mitglied P. R. im Interview mit mir erläuterte:

„[…] Humrahi was pretty the only gay male space that you could come and meet people […] the meetings existed to allow for a space for guys to be able to interact and maybe hook up and we could slip in our agenda which was community building and getting people to get comfortable and engage in their own personal levels of gay politics […] on an average we had between 35 to 50 guys coming each week […]At that time then it was essentially middle, upper middle class English speaking and then the Kothi community started coming. There was a large disconnect between the two groups because of language issues and more importantly because of transphobia which a large part of the gay male community, especially the urban upper middle class community, has and the kothis were getting marginalized and they weren’t feeling comfortable in this space. They decided then to have a group of their own and started Humjoli and the two groups split.”

Die schwule Supportgruppe Humrahi hat sich 2001 wegen internen politischen Differenzen aufgelöst, während die Kothigruppe Humjoli bis heute weiter existiert. Als sich Humrahi auflöste war ihre Popularität und Partizipation bereits zugunsten des Internets drastisch gesunken. „Closet-Queers“, d.h. Menschen, die sich nicht öffentlich geoutet haben, haben im Netz die Möglichkeit zu ihren Bedingungen mit Gleichgesinnten Kontakt aufzunehmen. Dies wird besonders von schwulen Männern der vermögenderen Schichten genutzt, die, statt die öffentlichen Cruising-Räume wie beispielsweise Parks zu besuchen, sich nun vollkommen in die virtuelle Welt zurückgezogen haben. An den öffentlichen Queer-Räumen bleiben die sozio-ökonomisch Schwächergestellten zurück. Diejenigen der Queer Community, die sich online bewegen, profitieren von zahlreichen Vorteilen des Internets wie P. R. betont:

„The internet is by far the largest, the safest space that allows the most varied people to come onto a common platform and talk as equals […] no other space allows that sort of interaction and the anonymity. […] It’s enabled the queer community in India to become the size that it’s become […] the largest part of the queer community in the country just exists on the internet. When you translate that into real life outside of the internet, there activities dwindle down drastically because a very large part of the guys that are on the net don’t even meet […] You meet a lot more people across class, caste, any kind of barrier you want to imagine. The time taken for you to be able to evaluate a person is that much larger because in the public space you make that decision within seconds whereas over the internet you can negotiate that time.”

Internet für alle?
So lässt sich jedoch festhalten, dass nur diejenigen der schwulen Community von diesen Vorteilen Gebrauch machen können, die es sich finanziell leisten können online zu gehen und die sich innerhalb der virtuellen Gay-Community mit ihrer eigenen sexuellen Identität wohlfühlen. Doch gerade die Kothis oder Hijras, die aus sozial und finanziell schwächeren Gesellschaftsschichten stammen sind durch oftmals mangelnde Kenntnisse in Englisch in der virtuellen schwulen Welt mit zahlreichen Barrieren konfrontiert. Außerdem fühlen sie sich überhaupt nicht zu der urbanen, englischsprechenden schwulen Community zugehörig und grenzen sich durch ihre eigene Identität von dieser ab, wie S. D. von der Naz Foundation erklärt. Neben der fehlenden Präsenz von Kothis und Hijras im Netz ist auch auffallend, dass weit weniger queer-identifizierte Frauen das Internet in gleichem Maße für soziale Interaktionen nutzen als die schwule Community dies tut und dass, obwohl gerade queer-identifizierte Frauen auch in der öffentlichen Sphäre wenig Möglichkeiten haben miteinander zu agieren, da der öffentliche Raum in Indien männerdominiert ist und es quasi keine äquivalenten Queer-Räume wie z.B. die „Cruising“-Orte für sie gibt und sie zudem weit mehr unter der Kontrolle ihrer Familien stehen. Mögliche Gründe für die Gender-Diskrepanz online, die mir in den Gesprächen genannt wurde, sind, dass viele Frauen der Anonymität des Internets skeptisch gegenüberstehen, da sie oft schlechte Erfahrungen mit falschen Identitäten im Netz machen wie M. M. erklärt:

„ […] when it comes to the political aspect there is not that much difference in the usage and it probably depends on the kind of groups that are around. When it comes to the social aspect for sure men are using it far more whether for cruising or hooking up […] I think men are far more comfortable with the sea of anonymity that is the internet. And I know that a lot of my female friends are far more comfortable with a more intimate way of beginning connections.”

G. K. fügt hinzu:

“There obviously must be a reason why there are more gay spaces online. Gay men are more interested in making that connection […] they are investing a lot more online in meeting and keeping in touch and also in having sex. They invest a lot in having sex.”

Vielen Frauen geht es aber online insbesondere um andere Aspekte und das Internet ist für viele „zu unpersönlich und zu unberechenbar“ wie M. S. von Sangini meint: „[…] weil die Frauen meistens auf der Suche nach einer Lebenspartnerin sind. Sie sagen immer, dass sie eigentlich nicht nach Sex suchen.“ Es ist möglich, dass auch hier traditionelle Geschlechterrollen reproduziert werden.

Zukünftig ein Internet ohne Barrieren?
Obwohl das Internet viele Vorteile für die indische Queer Community mit sich bringt, kommt es auch in der Onlinesphäre z.B. sowohl zu Ausgrenzung, Mobbing und sexueller Belästigung als auch zu polizeilichen Razzien und Festnahmen (vgl. Gupta 2006: 4820). Desweiteren haben nicht alle Mitglieder der Queer Community die Möglichkeit online zu sein, ohne durch verschiedene Faktoren wie Internetcafés, Kontrolle durch Familien etc. eingeschränkt zu sein. Gerade diese Aspekte werden sich in Zukunft ändern müssen, damit das Internet für alle Mitglieder der Queer Community zugänglich und sicher wird und sie sich online frei fühlen zu agieren. Falls die zahlreichen Barrieren beseitigt werden, die noch immer große Teile der Queer Community fraktionalisiert, könnte es zu gravierenden Veränderungen kommen. Zukünftig wird der Zugang zum Internet für breitere Bevölkerungsschichten verbessert werden, weil schon jetzt billigere Computer für den asiatischen Markt produziert werden. Bereits jetzt ist das Internet ein unerlässliches Medium der Vernetzung, der Aufklärung, Informationsquelle für die Queer Community, ohne das z.B. eine politische Arbeit gar nicht mehr möglich wäre. Diese und weiter Effekte des Internets auf die Queer Community werden nach Ansicht aller InterviewpartnerInnen in der Zukunft stetig zunehmen. Dabei sehen die NutzerInnen das Internet als ein effektives Mittel an, um bei den einzelnen Subgruppen in den nächsten Jahren auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches über den politischen Zusammenhalt hinaus reicht, zu verankern. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Entwicklungen sich für die Queer Community und den Queer-Aktivismus in Indien zukünftig ergeben werden.

Fussnoten:

[1] Alternativ zu queer verwenden einige Queer-Aktivisten in Indien den Begriff LGBT (LesbianGayBisexualTransgender). Es sei jedoch angemerkt, dass im indischen Kontext queer zunehmend auch in Abgrenzung zu LGBT verstanden wird, da LGBT den Fokus stärker auf eine bestimmte Identität von Sexualität legt, während queer für weit mehr steht. Für eine Diskussion dieser Begriffe: (vgl. Khanna 2007).

[2] Hierbei sei angemerkt, dass der Community-Begriff nicht unproblematisch ist. Eine angemessene Diskussion des Community-Diskurses würde jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen. Somit verweise ich darauf, dass ich den Begriff der Community in diesem Artikel nur als theoretisches Klassifizierungsmedium verstehe, um die einzelnen Subgruppen miteinander in Verbindung zu bringen. Ich weise noch darauf hin, dass der Community-Begriff trotz seiner Problematik auch von vielen indischen Queers als theoretisch und praktisch gegeben betrachtet wird.

[3] Kothis haben eine kulturell spezifische feminisierte männliche Identität. Die Kothi Community ist gekennzeichnet durch Gender-Nonkonformität, d.h. sie sind zwar biologisch männlich, nehmen aber eine weibliche Art sich zu kleiden, Gestik und Verhalten an. Die Kothis suchen nach einem männlich identifizierten Partner und kommen meistens aus nicht-englischsprachigen und niedrigen sozioökonomischen Schichten (vgl. Narrain / Bhan 2005: 5)

[4] Die Hijras, auch als „third gender“ bezeichnet, sind kulturell in südasiatischen Gesellschaften innerhalb der ihnen zugedachten Nischen akzeptiert. Hijras entsprechen weder dem “typisch weiblichen” noch dem “typisch männlichen”. Sie haben eine gut funktionierende eigene Community mit spezifischen Riten und Traditionen und weniger Interesse sich mit anderen sexuellen Minderheiten zu vernetzen. Wie die Kothis kommen sie meistens aus nicht-englischsprachigen und niedrigen sozioökonomischen Schichten (vgl. Bruch 2006: o.S.)

[5] Butch und Femme sind Subkategorien, in denen häufig entweder stereotypisch männliche oder weibliche Geschlechterrollen reproduziert werden; Anm. von J.G.

[6] ftm: “female-to-male” Transgender & Transsexuelle; mtf: “male-to-female” Transgender & Transsexuelle; Anm. von J.G.

[7] IPC 377: „Whoever voluntarily has carnal intercourse against the order of nature with any man, woman or animal, shall be punished with imprisonment for life, or with imprisonment of either description for a term which may extend to ten years, and shall also be liable to fine. Explanation. Penetration is sufficient to constitute the carnal intercourse necessary to the offence described in this section” (Narrain 2004: 48).

[8] Bekannte, etablierte Cruising-Räume, wie z.B. bestimmte öffentliche Parks oder Toiletten, werden von queer-identifizierten Männer genutzt, um miteinander in Kontakt zu treten, bzw. Sex zu haben; Anm. von J.G.

[9] Alle Namen wurden auf Wunsch der Beteiligten anonymisiert.

[10] Voices ist eine Koalition mehrere NGOs in Delhi, die sich gemeinsam gegen Paragraph 377 des Indian Penal Codes aussprechen (vgl. Siricar 2006: o.S.)

[11] Politische Demonstration, um sich selbstbewusst als Queer Community zu präsentieren und für gleiche Rechte einzutreten ; Anm. von J.G.

Zitierte Literatur und weiterführende Links:

Baccheta, Paola 1999: When the (Hindu) nation exiles its queers. In: Social Text, H. No. 61, Out Front: Lesbians, Gays, and the Struggle for Workplace Rights, S. 141–166.
Bruch, Peter 2006: Hijras. Das dritte Geschlecht. In: suedasien.info : Schwerpunkte: Queer South Asia - Liebe und Sexualität jenseits der Konventionen. Südasien-Informationsnetz e.V. Online verfügbar unter www.suedasien.info/analysen/683, zuletzt geprüft am 15.03.2008.
Gupta, Alok 2006: Section 377 and the Dignity of Indian Homosexuals. In: Economic and Political Weekly, Jg. 41, H. 46, S. 4815–4823. Online verfügbar unter www.iglhrc.org/files/iglhrc/program_docs/Section%20377,%20gupta.pdf, zuletzt geprüft am 15.03.2008.
Khanna, Akshay 2007: Us ‘Sexuality Types’. A Critical Engagement with the Postcoloniality of Sexuality. In: Bose, Brinda / Bhattacharya, Subhabrata (eds.) 2007: The Phobic and the Erotic : The politics of Sexualities in Contemporary India. Calcutta: Seagull. S. 159-200.
Lalitha, S. 2007: All they ask is some respect. In: Deccan Herald, 21.05.2007. Online verfügbar unter www.deccanherald.com/Content/May212007/metromon200705202778.asp, zuletzt geprüft am 03.03.2008.
Lakshmi, Rama 2007: A Transgender TV Debut. In: washingtonpost.com. Online verfügbar unter www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/12/08/AR2007120801358.html, zuletzt geprüft am 13.03.2008.
Mills, Sara 2007 [2003]: Michel Foucault. First Indian Reprint 2007. London: Routledge (Routledge critical thinkers).
Narrain, Arvind / Bhan, Gautam (eds.) 2005: Because I have a Voice. Queer Politics in India. New Delhi: Yoda Press; Distributed by Foundation Books.
Narrain, Arvind 2004: Queer. “despised sexuality”, law, and social change. Ed. 1st. Bangalore: Books for Change.
n. k. 2006: Rantu penkuttikal. Ein lesbischer Roman aus Kerala. In: suedasien.info : Schwerpunkte: Queer South Asia - Liebe und Sexualität jenseits der Konventionen. Südasien-Informationsnetz e.V. Online
verfügbar unter www.suedasien.info/analysen/1251, zuletzt geprüft am 15.03.2008.
Sircar, Oishik 2006: Am I ‘queer’ enough? A disruptive interrogation. In: suedasien.info : Schwerpunkte: Queer South Asia- Liebe und Sexualität jenseits der Konventionen. Südasien-Informationsnetz e.V. Online verfügbar unter www.suedasien.info/analysen/1976, zuletzt geprüft am 15.03.2008.
Sharma, Maya 2007: Jeans ad stirs up controversy in Bangalore. In: NDTV.com. Online verfügbar unter www.ndtv.com/convergence/ndtv/story.aspx?id=NEWEN20070012536, zuletzt geprüft am 03.03.2008.
Vanita, Ruth/Kidwai, Saleem (eds.) 2001: Same-sex love in India: Readings from Literature and History. Palgrave Macmillian.

Voices against 377: www.voicesagainst377.org
Sanginii (India) Trust: www.sangini.org
Nigah: www.nigah.org
Naz (India) Foundation: www.nazindia.org/index.htm
TARSHI: www.tarshi.net

Auswahl an Queer Blogs:
Queer i s t a n –desi queered by queer desis: queeristan.blogspot.com/
Queer India: queerindia.blogspot.com/
Errant Queer – Rove through: garyan.wordpress.com/

Interviewpartner auf Wunsch anonymisiert:
P. R (2007); Interview geführt am 09.12. 2007 in New Delhi
A. K. (2007); Interview geführt am 02.12. 2007 in New Delhi
G. K. (2007); Interview geführt am 05.12. 2007 in New Delhi
L. E. (2007); Interview geführt am 28.11. 2007 in New Delhi
M. M. (2007); Interview geführt am 16.12. 2007 in New Delhi
M. S. (2007); Interview geführt am 05.12. 2007 in New Delhi
S. D. (2007); Interview geführt am 12.12. 2007 in New Delhi

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