Das Kopftuch in der Türkei - Ein Symbol spaltet ein Land.
Text: Michael Kroll
(Der Autor studiert im 7.Semester Politische Wissenschaft, Ethnologie und Soziologie
und hält sich derzeit als Erasmusstudent in Ankara auf)
Jeder kennt das Kopftuch und jeder verbindet etwas damit. Für die einen symbolisiert es Rückständigkeit, die Unterdrückung der moslemischen Frau oder religiösen Fanatismus.
Für andere einfach etwas in Richtung Orient, oder ganz allgemein „den Islam“, und für gläubige Moslems ist es eben ein Symbol für einen an den Prinzipien des Islam orientierten Lebensweg. Aber im Grunde genommen ist ein Kopftuch ja nichts anderes als ein Stück Stoff, das sich eine Frau um den Kopf wickelt. Trotzdem gehen deswegen in der Türkei Zehntausende wütend auf die Straßen, um die Grundwerte der Republik zu verteidigen, während auf der anderen Seite Kopftuchträgerinnen auf Polizisten einprügeln, die vor den Universitäten stehen und ihnen den Einlass verweigern. Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung schreibt auf seiner Titelseite, dass es für die Türkei um nix geringeres geht als um die Suche nach einer nationalen Definition von Freiheit. Es scheint als würden hier die ständig vor sich hin brodelnden gesellschaftlichen Spannungen eines Landes mit einem mal ausbrechen. Und das alles wegen eines unscheinbaren Stück Stoffes.
Aus deutscher Sicht ist das Kopftuch ein religiöses Symbol. Man versteht die ganze Panik nicht, schließlich ist die Türkei ein muslimisches Land und Religionsfreiheit ein Grundrecht. In der Türkei ist das Kopftuch ein politisches Symbol. Es geht um den Einfluss des Islam im politischen und gesellschaftlichen Leben. Bei uns braucht man sich davor nicht zu sorgen, weil hier zu Lande moderate Moslems im Allgemeinen und fanatische Islamisten im Speziellen, eine Minderheit sind. In der Türkei haben islamistische Bewegungen zwar Tradition, dazu gehören aber bestimmt nicht alle Frauen die ein Kopftuch tragen. Es verzichtet auch nur eine Minderheit der Kopftuchträgerinnen auf ein Studium wegen des Kopftuchverbots. Premierminister Erdogan war früher selbst ein Islamist, weshalb ihm viele Türken misstrauen. Und für diese ist das Kopftuch an den Universitäten wiederum das Symbol der schleichenden Islamisierung schlechthin. Denn im offiziellen, türkischen Selbstverständnis kämpft die Türkei seit Republikgründer Mustafa Kemal, genannt Atatürk (Vater der Türken), darum ein moderner, laizistischer Nationalstaat zu sein, in dem Religion keinen Einfluss auf Politik haben darf. Deswegen will man das Kopftuch nicht in staatlichen Institutionen haben.
Die Baskent Universität in Ankara scheint nicht das Mekka für potentielle Kopftuchträgerinnen zu sein, wenn man sich dort umhört: „Wenn wir jetzt Kopftücher an den Unis haben, dann verbreiten diese Leute ihre fundamentalistischen Ideologien. Wir haben in den 70ern fast Bürgerkrieg gehabt und wir bewegen uns dann rückwärts wieder da hin“, erzählt Zeynep, 21 Jahre, Offizierstochter. Sie wäre mit ihren engen Hosen, und ihren blondierten Haaren für strenggläubige Muslime wiederum das Symbol des moralischen Verfalls. „Wo zum Teufel ist das Problem seine Haare zu zeigen? Man kann nicht alles haben wollen und wenn jemand dazu nicht fähig ist dann soll er eben nicht studieren! Wir sind doch nicht im Mittelalter!“ Sevgi geht noch einen Schritt weiter: „Erdogan will Istanbul in Teheran verwandeln und die Gesellschaft islamisieren. Wenn es nach ihm ginge, müsste ich auch ein Kopftuch tragen!“ Wer in diesem Kampf Deckung sucht, hält am besten einfach den Mund. Volcan ist so jemand. Er ist 23 Jahre alt, arabischer Alevit: „Ich habe die moralische Heuchelei der Religiösen satt und genauso den dummen Nationalismus der selbst ernannten Vaterlandsverteidiger. Jeder hält sich für was Besseres!“ So etwas sagt er nur im Vertrauen und nicht im Klassenzimmer. Auch Aykut denkt differenzierter. Er ist mit seinen 25 Jahren überdurchschnittlich alt, er ist Captain der Footballmannschaft und er ist Mitglied der rechten MHP. Seit er ein Jahr in New York gelebt hat, schwärmt er von den Freiheiten dort: „Da ist es egal ob jemand tätowiert ist oder lange Haare hat, solange er seinen Job ordentlich macht. In der Türkei geht das halt nicht. Freiheit ist super, aber wir sind noch nicht soweit. Vielleicht in 10-15 Jahren.“ So was hört man hier selten. Die Studenten sind wahnsinnig sauer, dass wieder einmal Klientelpolitik gemacht wird. „Die Türkei hat andere Probleme. Wir müssen uns zuerst um die Wirtschaft kümmern. Der Osten muss gefördert werden.“ fährt Aykut fort. Tscharem gesellt sich hinzu. Auch er hat MHP gewählt. „Ich kann es nicht fassen. Die Nationalisten wurden zu Islamisten! Was kommt als nächstes?“ Die Frage verängstigt alle. Denn man ist sich einig, wenn Erdogan damit durchkommt, dann geht es so weiter. Und die Angst davor ist groß auf einmal in der Minderheit zu sein. Sie sehen im Kopftuch eine Bedrohung ihrer Freiheit und ihres Lebensstils. Auf die Frage, wo denn konkret das Problem ist, wenn am Nebentisch eine Frau mit Kopftuch sitzen würde, wird meist auf Extremfälle der Gegenseite verwiesen („Da gibt es Fanatiker, die würden versuchen mir mein Piercing auszureißen“), mit der türkischen Geschichte argumentiert oder spekuliert was danach noch alles kommen könnte.
Jetzt fragt man sich natürlich was die Wurzeln dieser Ängste und der Verständnislosigkeit für die andere Seite sind? Natürlich ist diese Frage weder einfach noch eindeutig zu beantworten.
Fakt ist, dass die Türkei ein erznationalistisches Erziehungssystem hat, das meistens von einem patriotischen Elternhaus gestützt wird. Oft wird einfach das Weltbild des Vaters übernommen. Es gibt viel zu wenig Meinungssaustausch zwischen den einzelnen Gruppen und zu oft wird die eigene Meinung als Tatsache betrachtet. Eine Diskussionskultur wie man sie aus Deutschland gewöhnt ist, gibt es nicht. Kritik wird schnell persönlich genommen. Durch diese verengte Weltsicht entsteht dann regelrechter Hass zwischen den Gruppen und ein ständig angespanntes, gesellschaftliches Klima.
Kulturelle Vielfalt, das andere, wird von vielen noch immer als Bedrohung gesehen.
Der Streit um das Kopftuch ist selbst zum Symbol geworden. Er steht für ein Land, das um seine Identität ringt. Seitdem es Lockerungen in verschiedenen Bereichen der Menschenrechte gab, wird offensichtlich wie viele sich gegenüberstehende Gruppen es in der Türkei gibt.
Ethnische und religiöse Minderheiten fordern weiterhin kulturelle Rechte und politische Mitsprache ein. Intellektuelle wollen endlich offen über Sachverhalte, wie die türkische Geschichte, diskutieren können, ohne Angst haben zu müssen vor Gericht zu landen. Nebenbei stellen sie damit die bisherige Identität des Landes in Frage. Der Kopftuchstreit an sich ist dabei nur ein weiterer Höhepunkt. Eine Gerichtsentscheidung wird diese Schlacht vorerst beenden. Aber egal wie sie ausfällt, der Krieg wird weitergehen.


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