Ethnologie als Lebensstil und das Leben als Feldforschung – Professorin Eveline Dürr stellt ihre Arbeit und ihre Erwartungen an das Institut in München vor

Interview: Jakob Wetzel, Ben Kerste, Falko Zemmrich

Stellen Sie bitte Ihre persönliche Arbeit vor. Wie sah Ihr eigener Weg zur und mit der Ethnologie aus? Welche Aspekte der Ethnologie interessieren Sie besonders?

Haben Sie vielen Dank für den sehr freundlichen Empfang in München. Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr, mich selbst und meine Arbeit vorzustellen.
Ethnologie, und das gilt vermutlich auch für andere akademische Disziplinen, ist für mich nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Lebensstil. Das liegt zum einen an der engen Verquickung meiner Biographie mit meinen ethnologischen Forschungsfeldern, zum anderen aber auch daran, dass die Ethnologie eine reflexive Wissenschaft ist und es nicht nur um ‚andere’ geht, sondern immer auch um den jeweiligen Forscher oder die Forscherin, die stets in Relation zum Forschungsgegenstand zu sehen sind. Außerdem durchdringt die Ethnologie als Tätigkeitsfeld ganz zwangsläufig private Bereiche, schon allein durch die mehrmonatigen und auch emotional intensiven Feldforschungsaufenthalte.
Mein Weg zur Ethnologie führte über mehrere Aufenthalte in Lateinamerika und Südostasien vor dem Beginn meines Studiums. Ein weiterer wichtiger Einstieg war für mich die Faszination an den alten Kulturen Mexikos, deren Ästhetik und Schaffenskraft mich bis heute ungemindert beeindrucken. Über das Mayagebiet habe ich schließlich auch meine Magisterarbeit geschrieben. Nach wie vor begeistert mich die Altamerikanistik, obwohl ich mich in meinen Forschungen schwerpunktmäßig mit gegenwärtigen Kulturen befasse. Allerdings habe ich stets die historischen Zusammenhänge im Blick und bin der Überzeugung, dass erst dadurch gegenwärtige Prozesse wirklich verständlich werden.
In meiner Dissertation ging es um ein ethnohistorisches Thema im südlichen Mexiko und in Guatemala. Ich befasste mich mit einem der größten indianischen Aufstände in der Kolonialgeschichte im frühen 18. Jahrhundert und interessierte mich insbesondere für die innere Struktur des Aufstandes, der verschiedene kulturelle und sprachliche Gruppen einbezog. Nach meiner Promotion an der Universität Freiburg erhielt ich ein Postgraduiertenstipendium von der DFG und führte ein Projekt zum gegenwärtigen Kulturwandel in Oaxaca, Mexiko, durch, das auf einer einjährigen Feldforschung basierte. Anschließend verbrachte ich mehrere Jahre als Lehrbeauftragte am Lateinamerika-Institut in Berlin. Schließlich kehrte ich auf eine wissenschaftliche Assistentinnenstelle an die Universität Freiburg zurück. In dieser Zeit erweiterte ich meine regionalen Schwerpunkte und beschäftigte mich auch mit Nordamerika, insbesondere mit dem Südwesten. Zum einen interessierten mich die transnationalen Migrationbewegungen, zum anderen stadtethnologische Fragestellungen. Dies führte zu meiner Habilitation über Hispanics in Albuquerque, New Mexico. Parallel dazu arbeitete ich über die Auswirkungen der Demokratisierungsbestrebungen und verfassungsrechtlichen Neuerungen auf die indigenen Kulturen in Mexiko vor dem Hintergrund von Globalisierung und neoliberalen Tendenzen.
Vor vier Jahren folgte ich dann einem Ruf an die Auckland University of Technology in Neuseeland. Diese Zeit prägte meine akademische Laufbahn enorm. Ich lernte ein mir bis dahin fremdes universitäres System kennen, machte mich mit neuen Lehrstrategien vertraut und erweiterte meine regionalen Kompetenzen. In meinen derzeitigen Forschungen versuche ich, die verschiedenen regionalen und thematischen Linien zu verbinden, z.B. in meinem Projekt über Latinos in Auckland oder über Māori in Mexiko.
Thematische Aspekte, die mich besonders faszinieren, sind die Herstellung von Sinnstrukturen, d.h. wie Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten aus ihren Leben Sinn erzeugen, sich in ihrer (Um-) Welt positionieren und ihre Interessen repräsentieren sowie die Frage, wie sich das Zusammentreffen von ganz unterschiedlichen Kulturen gestaltet. Auch dabei finde ich besonders wichtig im Blick zu behalten, dass die Ethnologie nicht nur eine Wissenschaft vom ‚Fremden’ und ‚Anderen’ ist, sondern immer auch vom Eigenen, d.h. sie gibt nicht nur über andere Kulturen Auskunft, sondern auch über die eigene Kultur, beispielsweise durch die Wahrnehmung und soziale Konstruktion von Differenz. Außerdem befasse ich mich mit Identitätskonstruktionen, Repräsentationen, den Auswirkungen der kulturellen Globalisierung und mit Kulturkontakten zwischen den Amerikas und dem Pazifik. Ich versuche auch, die eurozentrische Sicht auf die Amerikas über den Atlantik hinweg zu überwinden und die pazifische Perspektive stärker zu betonen.

In unserer Zeitung beschäftigen wir uns viel mit der praktischen Relevanz der Ethnologie. Kann man Ethnologie auf ein bestimmtes Ziel hin studieren? Wie kann sich die Ethnologie mehr in öffentliche Debatten einbringen bzw. sollte sie das überhaupt?

Die Einbringung der Ethnologie in die breite Öffentlichkeit finde ich sehr gut und ich werde diese Aktivitäten gern weiterhin unterstützen. Während meiner Lehrtätigkeiten in Deutschland und Neuseeland habe ich stets Seminare mit konkretem Praxisbezug angeboten und dazu auch ehemalige Studierende, die jetzt im Berufsleben stehen, eingeladen. Gerade diese persönlichen Erfahrungsberichte waren sowohl für die Studierenden als auch für mich sehr motivierend. Prinzipiell denke ich, dass jedes akademische Fach auf ein bestimmtes Ziel hin studiert werden kann, aber es sollte bedacht werden, dass sich im Laufe einer Biographie Möglichkeiten ergeben können, die zu Beginn des Studiums nicht abzusehen waren. Außerdem wandeln sich Interessen und Umstände. Ich denke, es verhält sich ähnlich wie mit einer Feldforschung, die ebenfalls offen konzipiert wird und sich dann auf die jeweiligen Situationen einstellen muss - und nicht umgekehrt. Dennoch ist es wichtig, pro-aktiv zu sein, Möglichkeiten auszuloten und Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Die jetzigen Studierenden und Lehrenden müssen sich zwangsläufig stärker als bislang mit den beruflichen Möglichkeiten befassen, welche die Ethnologie bieten kann, schon allein durch den BA-Abschluss, der ja eine berufliche Perspektive enthalten soll. Ich denke auch, dass es sinnvoll ist, bereits während des Studiums Einblicke in die Berufswelt zu gewinnen und z.B. durch Praktika Erfahrungen zu sammeln.
Die breite Öffentlichkeit kann viel von der Ethnologie profitieren, zumal vor dem Hintergrund von Globalisierung und Migration. ‚Kultur’ ist in vielen Bereichen zu einem zentralen Begriff geworden, der ganz unterschiedlich gebraucht wird. Der ethnologische Kulturbegriff eignet sich besonders gut zur Analyse interkultureller Prozesse. Auch aus diesem Grund halte ich es für sehr bedeutsam, die gesellschaftliche Relevanz der Ethnologie herauszustellen. Die vom Institut in München geplante Veranstaltung ‚Tag der offenen Tür’ ist eine vorbildliche Initiative, die hoffentlich eine große Breitenwirkung erzielen wird.
In diesem Zusammenhang will ich auch noch anmerken, dass die interdisziplinäre Vernetzung der Ethnologie ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Aufwertung des Faches leisten kann. Dadurch kann die Ethnologie insgesamt sichtbarer werden und auch in Nachbardisziplinen Fuß fassen. Außerdem ist es wichtig, auch hier zu betonen, dass sich die Ethnologie nicht nur mit fremden und primär indigenen Kulturen beschäftigt, die ‚weit weg’ sind, sondern eben auch mit westlichen, komplexen Gesellschaften. Weitere, gesellschaftlich relevante Einsichten liefern die ethnologisch orientierten Kulturtheorien, die das Eigene und Fremde relativieren und nicht als dichotome Kategorien deuten, sondern vielmehr aufeinander beziehen.

In welcher Beziehung stehen für Sie die Forschungs- und die Lehrtätigkeit als Professorin?

Forschung und Lehre sind für mich untrennbar miteinander verknüpft - das klingt nun sehr nach einer Floskel, aber ich will dieses Statement dennoch unterstreichen. In Vorlesungen und Seminaren kann der Lehrstoff viel lebendiger und eindrucksvoller vermittelt werden, wenn Beispiele, Erfahrungen und Ergebnisse aus eigenen Forschungen herangezogen werden. Außerdem empfinde ich die Lehre nicht als “Last”, sondern u.a. als eine Form des Gedankenaustausches und Dialogs, wodurch auch ich als Lehrende inspiriert werde und Kompetenz gewinne. Wie wichtig lebendiger und anschaulicher, sich aus der Forschung ständig erneuernder Unterricht ist, weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung als Studentin und Dozentin. Dies erstreckt sich auch auf den methodischen Bereich, der ja gerade für die Ethnologie besondere Bedeutung besitzt und mit Praxis verbunden werden muss, wie z.B. durch Lehrforschungen oder Feldforschungsübungen.
Meine eigenen Veranstaltungen im Sommersemester 2008 schließen eng an meine derzeitigen Forschungen an und umfassen zum einen ethnographisch ausgerichtete Seminare zu Mesoamerika und Neuseeland, zum anderen geht es um grundlegende Strukturen transkultureller Beziehungen in komparativer Perspektive. Dieses Seminar fokussiert auf die Wahrnehmung und Interpretation des jeweils anderen bei so genannten Erstkontakten in den Amerikas und im Pazifik. Allerdings sind diese Prozesse auch in ganz anderen pluri-kulturellen Kontexten bedeutsam, beispielsweise im Rahmen der vielfältigen Kontaktsituationen verschiedener Kulturen in der Stadt, wo sie in verdichteter Form auftreten. Mit diesen Forschungsfeldern und Regionalgebieten, die in München bislang nicht im Mittelpunkt standen, will ich auch die kulturvergleichende Perspektive stärken.

Wie glauben Sie, können Sie neben Ihrer inhaltlichen Ausrichtung zur Situation am Institut für Ethnologie und Afrikanistik in München beitragen?

Die Beantwortung dieser Frage fällt mir etwas schwer, da ich mit dem Institut in München und der Situation an der Universität noch nicht vertraut bin und nur einen ersten Eindruck habe. Wichtig finde ich einen offenen und Dialog fördernden Umgang, der auch Raum für konstruktive Kritik schafft. Die Einbindung der Studierenden in die Institutsarbeit erhöht nach meiner Erfahrung das Engagement und ein guter Kontakt zur Fachschaft sollte den kontinuierlichen Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden fördern, auch was Vorschläge für Lehrveranstaltungen oder anderweitiges Feedback angeht. Einen weiteren Beitrag hoffe ich durch meine internationalen Kontakte zu leisten und damit zur Internationalisierung des Instituts, aber auch zur Mobilität von Studierenden und Lehrenden beitragen zu können. Darüber hinaus möchte ich durch interdisziplinär und international ausgerichtete Forschungsprojekte weitere Impulse liefern.

Wussten Sie, dass Sie die erste richtig fest angestellte Professorin in München sind?

Ja! Und es freut mich natürlich sehr, dass durch meine Berufung der Frauenanteil unter der ProfessorInnenschaft in der Ethnologie und an der Universität steigt, andererseits weiß ich, dass Frauen immer noch in nahezu allen wissenschaftlichen Bereichen unterrepräsentiert sind. Ich beabsichtige, diesem Trend durch meine Tätigkeiten am Institut und in der weiteren Universität entgegenzuwirken.

Hat es einen bestimmten Grund, dass ihre sämtlichen Veranstaltungen eine begrenzte Teilnehmerzahl aufweisen?

Das liegt daran, dass dies mein erstes Semester in München ist und ich mich erst mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut machen muss. Prinzipiell will ich meine Veranstaltungen so offen wie möglich gestalten, kann aber noch nicht abschätzen, mit wie vielen Studierenden in den Seminaren zu rechnen ist. Nach meiner Erfahrung sinkt die Gesprächsbereitschaft deutlich bei über 30 Teilnehmenden oder sie beschränkt sich nur auf einen bestimmten Zirkel - mein Ziel hingegen ist es, möglichst alle Personen im Seminar zu Wort kommen zu lassen.

Was hat Sie dazu veranlasst sich für München zu bewerben? Haben Sie schon bestimmte Bezüge zu München?

München ist in vielerlei Hinsicht ein begehrter Standort - die Universität hat einen hervorragenden Ruf, ist international ausgerichtet und zeichnet sich durch innovative Forschung aus. Außerdem bietet die Stadt ein sehr breites künstlerisches und kulturelles Angebot, ganz zu schweigen vom schönen Umland. Dennoch muss ich die Stadt und Menschen erst noch entdecken, da ich bislang keine persönliche Verbindung zu München hatte.
Das Institut befindet sich in einer Phase des Umbruchs, was besonders viele Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Zu erwähnen bleibt auch das Museum mit einer hervorragenden Sammlung. Auch hier sehe ich vielfältige Anknüpfungspunkte und Kooperationsmöglichkeiten.

Was erwarten Sie sich von München, von ihren Kollegen, von den Studierenden?

Eine konstruktive und freudvolle Zusammenarbeit, Begeisterungsfähigkeit für das Fach und auch die Bereitschaft, kritische Stimmen anzuhören und anzunehmen. Ich freue mich über Studierende, die den Dialog suchen und sich nicht scheuen, Feedback zu liefern und ihre Gedanken einzubringen. Zum Gelingen eines Seminars tragen beide Seiten bei, Lehrende und Studierende, und akademische Tiefe setzt Lesebereitschaft und kritisches Denken voraus - was Humor und Heiterkeit sicher nicht ausschließt.

Können Sie uns das exotischste, eigenartigste Erlebnis, dass Ihnen während einer Feldforschung widerfahren ist schildern?

Gerne würde ich auf diese Frage mit einem oder mehreren schönen Beispielen antworten, aber ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Vielleicht liegt es daran, dass die Alltagswelten, die mich in meinen Forschungen beschäftigen, gar nicht so sehr exotisch sind, vor allem, wenn man eine gute Weile dort verbracht hat. ‚Exotisch’ fühle ich mich in fremdem Umfeld, wenn ich z.B. durch mein Aussehen auffalle und das Gefühl habe, als ‚anders’ wahrgenommen zu werden. Eigenartig finde ich insbesondere den Anfang eines Aufenthalts im Feld und die Rückkehr nach Deutschland. Diese Phasen des Übergangs sind für mich nach wie vor die ‚merkwürdigsten’ - das Eintauchen in eine andere Lebenswelt und ebenso das Zurückfinden in die ‚eigene’ Welt und Vertrautheit. In diesen Situationen erscheint mir eigentlich alles irgendwie fremd, was wohl daran liegt, dass ich mich selbst erst einfinden und positionieren muss - das ist vermutlich ein Prozess, der die Empfindungen ‚exotisch’ und ‚eigenartig’ wesentlich bestimmt.

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