Immanuel Wallerstein: Die Barbarei der anderen.
Text: Jakob Wetzel
Immanuel Wallerstein, geb. 28.September 1930 in New York, ist historischer Soziologe. Seine Arbeiten bieten einige entscheidende Denkanstöße für die Ethnologie und haben nach wie vor großen Einfluss. Auf ihn geht die Formulierung der „Weltsystemtheorie“ zurück, die er in seinem 3-Bändigen Werk „The modern World-System“ (1974-1989) ausformuliert. Er beschreibt darin die historische Verbreitung des Kapitalismus über die ganze Welt, die seiner Meinung nach im 19. Jhdt. abgeschlossen ist und seitdem nur noch ein zusammenhängendes System auf der Erde existiert. Entscheidend ist dabei, dass die Unterwicklung der dritten Welt (der Peripherie) direkt mit der Ausbeutung durch die zentralen Gebiete (Europa und Nordamerika) zusammenhängt. Davor hatte er sich außerdem lange Zeit mit der Geschichte Afrikas und den Unabhängigkeitsbewegungen beschäftigt.
Sein Verdienst für die Ethnologie liegt darin, auf den Kontext jeder noch so isoliert erscheinenden Gruppen hinzuweisen und die historischen Implikationen zu betonen und das für einen weit zurückreichenden Bereich, jedenfalls lange vor Malinowski oder Radcliffe-Brown.[1]
Eric Wolf, der auf Wallersteins Theorien Bezug nimmt, weißt andererseits auf die schwächen seines Ansatzes für die Ethnologie hin, da in dem Modell kein Platz ist für die Handlungen und Reaktionen auf das kapitalistische System seitens der Individuen bzw. der unterdrückten Völker. [2]
Das im Folgenden diskutierte Buch beruht auf einer Vortragsreihe im November 2004 an der University of British Columbia. Es erschien erstmals 2006 unter dem Titel „European Universalism. The Rhetoric of Power.“ [3]
Wallerstein beschaeftigt sich in dem Buch mit den epistemologischen Grundlagen, durch die die Herrschenden ihre Position begruenden und rechtfertigen. Er zeichnet damit ein Bild historischer Kontinuitaet von der christlichen Missionierung, ueber die zivilisatorische Mission im 19. Jhdt. und schliesslich den Diskurs der Menschenrechte in heutiger Zeit. Waehrend sich die Inhalte variiert haben, hat sich seiner Meinung nach das Argumentationsschema kaum geaendert. Er weisst weiter darauf hin, dass sich heute dieses System, dessen Basis der weltumspannende Kapitalismus ist, sich in der Krise befindet. Im Augenblick entscheiden sich die Modalitaeten eines zukuenftigen Systems und er ruft insbesondere Wissenschaftler auf, sich an diesem Umbruch aktiv zu beteiligen.
Wallerstein beginnt seine Ausfuehrungen mit der Auseinandersetzung zweier spanischer Missionare im 16.Jhdt. zur Zeit der Kolonialisierung Suedamerikas. Es ging dabei um die Frage, wie sich die spanischen Konquistadoren gegenueber den Einheimischen verhalten sollten. Der Priester Sepulveda erklaerte anhand von vier Argumenten, wesshalb die Indios unterworfen und zum christlichen Glauben gebracht werden muessten:
1. Die Indios seien „Barbaren, einfach, ungebildet und unerzogen … und so geartet, dass es ratsam war, dass sie von anderen regiert wurden.“ (nach Wallerstein 2007: 14)
2. Sie muessten fuer „… ihre Verbrechen gegen das goettliche Gesetz und das Naturrecht …“ (ebd. 15) bestraft werden.
3. Es muesse weiterer Schaden und Unheil verhindert werden, „ (den) die Indios einer grossen Anzahl unschuldiger Menschen … bereitet haben.“ (ebd. 15)
4. „Die spanische Herrschaft (erleichtere) die Christianisierung, indem sie es katholischen Priestern erlaube (ohne Gefahr) zu predigen…“ (ebd.15)
Seitdem hat sich nicht viel geaendert: „… – die Barbarei der anderen, , das Unterbinden von Praktiken, die universelle Werte verletzen, die Verteidigung Unschuldiger inmitten der grausamen Andern sowie die Schaffung der Möglichkeit, universelle Werte zu verbreiten.“ (ebd. 15)
Der Priester Las Casas haelt dem seinerzeit entgegen, dass 1. es keinen objektiven Gradmesser fuer Barbarei gebe und sich deswegen auch keine Hierarchie finden liese, 2. jemand nur fuer die Verletzung eines Gesetzes bestraft werden kann, zu dem er sich selbst bekennt, 3. dass gegen die spanischen Eroberer mit ihrem grausamen eindringen ebenfalls der Vorwurf erhoben werden koennte, sie wuerden Unschuldige toeten und 4. das der Uebertritt zum Christentum freiwillig statt finden muesse. Da Las Casas mit seinen Aussagen vielerlei materielle Interessen in Gefahr brachte und seine Kritik sich letzten Endes auch gegen den spanischen Thron richtete, fiel er seinerzeit in Ungnade.
Nach der Aufklaerung stellte die christliche Mission nicht mehr die zentrale Argumentation dar. Die zivilisatorische Mission nahm ihre Stelle ein. Gemeint ist damit vor allem die Zeit der Kolonisation. Es existierten dabei zwei Argumentationslinien, die zunaechst parallel verliefen. Einerseits gab es den biologischen Essentialismus, der die Hierachie zwischen Menschen verschiedener Voelker rassisch begruendete. Demgegenueber stand der humanistische Essentialismus, der Wallerstein zu Folge vor allem auf der Notion der „Moderne“ basiert, „ein Allerweltsbegriff für ein Sammelsurium von Gebräuchen, Praktiken und Normen, die in der kapitalistischen Weltökonomie florierten“ (ebd. 43)
Zu ersterem sagt Wallerstein: „Der Krieg gegen den Nationalsozialismus hatte dem essentialistischen Rassismus, aus dem die Nazis solch schreckliche Folgerungen gezogen hatte, seinen Glanz genommen.“ (ebd. 44)
Die letztere Richtung bildet die Grundlage um auch die Hochkulturen (unter anderem China, Persien, Indien und das ottomanische Reich) des 19.Jhdt. dem Westen unterzuordnen, da sie ohne dessen Hilfe nicht an der zuvor erwaehnten Moderne teilhaben koennten. Der Zusammenbruch dieser Ideologie faellt in die zweite Haelfte des 20.Jhdt. und begann mit dem beruehmten Buch „Orientalismus“ von Edward Said, auf dass sich Wallerstein bezieht. Er stellt dies in den Zusammenhang mit der Dekolonialisierung und der Verschiebungen im weltweiten Machtgefuege.
Nachdem der humanistische Essentialismus als subjektives Produkt westlicher Werte erkannt worden war, nahmen die Naturwissenschaften dessen Stelle in der Wahrheitsfindung ein. Auf diese Weise fand, laut Wallerstein „die Trennung der zwei Kulturen“ (ebd. 61ff.) statt. Damit meint er die Trennung in exakte, objektive Wissenschaften und die Humanwissenschaften, wobei letztere sich nur noch mit den Werten beschaeftigten, die aus dem Bereich der Wissenschaften entfernt worden waren. Oder, wie er es noch deutlicher ausdrueckt: „Niemals in der Weltgeschichte hatte es eine scharfe Trennung zwischen der Suche nach dem Wahren und der Suche nach dem Guten und Schoenen gegeben.“ (ebd. 74)
Die rapide technologische Entwicklung, die die Naturwissenschaften ermoeglichten, erlaubten eine Uebertragung des Fortschrittglaubens auf den aelteren Modernitaetsgedanken und so eine Fortfuehrung der vorigen Argumentation. Die eigene Stellung wurde dabei scheinbar ideologisch losgeloest, da sie sich auf eigene Kompetenz gruendet. Die Maechtigen schirmten sich damit von moralischer Kritik ab, weil diese unwissenschaftlich sei.
Wallerstein weisst jedoch darauf hin, dass sich tatsaechlich weltweit eine Polarisierung vollzogen hat „… in eine Oberschicht von 20% und eine Unterschicht von 80% - eine(r) Polarisierung, die sich gleichzeitig auf oekonomischer, politischer, sozialer und kultureller Ebene vollzogen hat“ (64) Saemtliche Argumentationen besitzen den gleichen Anspruch, „dass die langfristigen Wirkung der Herrschaft den Beherrschten zu kam, auch wenn die kurzfristige Wirkung negativ zu sein schien.“ (ebd. 84, Markierungen i.O.) Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dieses Versprechen nie wahr geworden ist.
Wallerstein bietet keinen Loesungsvorschlag fuer die Situation. Er fordert eine Aufhebung der Trennung in objektive und interpretierende Wissenschaften, wobei er sich eine Vereinigung unter dem gemeinsamen Nenner der Sozialwissenschaften vorstellen kann. Die Aufgabe des Wissenschaftlers sieht er darin, moeglichst bedacht mit der Situation umzugehen und auf die Vielfalt an Moeglichkeiten hinzuweisen. Die scheinbare Determiniertheit des Ausgangs des zukuenftigen Weltsystems, an dessen Schwelle wir seiner Meinung nach stehen, gilt es in Frage zu stellen.
Angesichts der Forderung Wallersteins „… die epistemologischen Fragen noch einmal gaenzlich neu zu stellen.“ (ebd. 58), scheint es eigenartig, dass sich die Ausrichtung seiner Geschichtsdarstellung durchgehend an der Verbreitung des Kapitalismus orientiert, in dessen Zentrum die westlich-europaeische Expasion steht. Er zeichnet damit ein Bild eines scheinbar durchgehend gleichen Akteurs, des Westens, und geraet selbst in die Gefahr, mit seinen zum Teil deterministischen Argumentationen genau das zu stuetzen, was er glaubt anzugreifen. Wie bereits zu Beginn erwaehnt, geht er dabei kaum auf unterschiedliche Akteure in dem Geschehen ein, die den Verlauf mitbestimmt haben koennten. Es stellt sich daraus die Frage, wie sehr diese „epistemologischen Grundlagen“ ueberhaupt rein westlich sind bzw. Tatsaechlich vollstaendige Verbreitung erfahren haben. Ich denke, Wallerstein bietet einige interessante Denkanstoesse, zum einen durch Zusammenhaenge, die nachvollziehbar sind und andererseits durch Aussagen, die zumindest aus ethnologischer Sicht nicht akzeptabel sind und noch Nacharbeit erfordern.
[1] Zur Rezeption Wallersteins in der Ethnologie s. C. Antweiler 1999: Immanuel Wallerstein. Alle Entwicklung ist eingebettet im kapitalistischen Weltsystem. In: Entwicklung und Zusammenarbeit 9: S.253-255. Vergleiche auch S. Ortner 1984: Theory in Anthropology since the Sixties. In: Comparative Studies in Society and History 26: 126-166, besonders 141-144.
[2] E. R. Wolf 1991: Einleitung. In: Die Völker ohne Geschichte. Europa und die andere Welt seit 1400. Frankfurt: Campus-Verlag.
[3] I. Wallerstein 2007: Die Barabarei der anderen. Europäischer Universalismus. Berlin: Wagenbach.


Januar 8th, 2010 at 5:12 pm
Nette Seite! Dein Post ist gut geschrieben. Danke dafuer.
Oktober 31st, 2010 at 5:57 am
Immanuel Wallerstein: Die Barbarei der anderen.
Text: Jakob Wetzel
Immanuel Wallerstein, geb. 28.September 1930 in New York, ist historischer Soziologe. Seine Arbeiten bieten einige entscheidende Denkanstöße für die Ethnologie und haben nach wie vor großen Einfluss. Auf ihn geht die Formulierung der „Weltsystemtheorie“ zurück, die er in seinem 3-Bändigen Werk „The modern World-System“ (1974-1989) ausformuliert. Er beschreibt […]
Januar 24th, 2011 at 10:49 pm
You really make it seem so easy with your presentation but I find this topic to be really something which I think I would never understand. It seems too complicated and very broad for me. I am looking forward for your next post, I will try to get the hang of it!
Februar 2nd, 2011 at 8:12 pm
Hey there! Do you know if they make any plugins to assist with SEO? I’m trying to get my blog to rank for some targeted keywords but I’m not seeing very good success. If you know of any please share. Kudos!
März 3rd, 2011 at 9:03 pm
Hi. I wanted to drop you a quick note to express my thanks. I have been following your blog for a month or so and have picked up a heap of good information as well as enjoyed the way you’ve structured your site.
Juli 18th, 2011 at 5:09 am
45. I savor, cause I discovered exactly what I used to be looking for. You’ve ended my 4 day long hunt! God Bless you man. Have a nice day. Bye
August 21st, 2011 at 7:33 pm
Cheapest xrumer services - seize Leading rankings and massive website visitors with our impressive oneway links offers. Most effective & inexpensive back-links solution of all time! XrumerGod.com - sem - url links - marketing on the internet - search engine optimization techniques - social networking
Dezember 20th, 2011 at 6:20 am
2 cheese