Guatemala- Schattenseiten eines tropischen Paradieses
Text: Kathi Dunkel und Barbara Nickl
Am Rande des Naturschutzgebietes
Hinter den Kardamomfeldern, abgeschnitten von Elektrizität und nur durch eine dreistündige Wanderung durch dichten Dschungel zu erreichen, liegt ein kleines Paradies. Doch der Schein trügt. Wir sind in Guatemala, und 14 Jahre nach dem Bürgerkrieg herrschen hier noch lange keine Ruhe und Ordnung, auch wenn Korruption und Menschenrechtsverletzungen vielleicht nicht mehr ganz so offensichtlich sind, wie während der über 30 Jahre andauernden Militärdiktatur. Die Menschen hier sind vor allem Unsicherheit gewöhnt; dem Staat vertraut keiner, sind doch viele Abgeordnete, Bürgermeister und andere „Volksvertreter“ bekannterweise Verbrecher, die zu Herrschaftszeiten des Putschisten Ríos Montt und Co., der Zeit der „verbrannten Erde“ und des „heiligen Krieges gegen den Kommunismus“, brutalste Massaker an der Zivilbevölkerung, vor allem an den Indigenen, ausführten.
Von alledem spürt man in Michbilrixpu nichts. Wie meinen Träumen entsprungen wirkt das kleine Dorf in der nordwestlichen Provinz Alta Verapaz, in der mehr Kekchí als Spanisch gesprochen wird. 19 Familien leben hier, die fast nur essen, was sie selbst und ohne chemische Hilfsmittel in ihrer Umgebung anbauen können; also vor allem Maistortillas, Bohnen und einige für uns „exotisch“ wirkende Gemüsesorten. Das wenige Geld, das sie zum Leben und für die Schulbildung ihrer Kinder zur Verfügung haben, stammt vom Anbau von Kardamom.
Was uns hierher geführt hat? Ein Hilferuf, der uns über das CUC (Comité de Unidad de Campesinos), der guatemaltekischen Bauernorganisation, ereilte. Worum es sich genau handelt, versuchten wir bei unserem viertägigen Aufenthalt herauszufinden. Es gelang uns leider nicht, vollständig zu entdecken, was hinter dem Hilferuf steckte, denn die Informationen, die wir von verschiedenen Gemeindemitgliedern erhielten, erzählten eigentlich eine ganz hoffnungsfrohe Geschichte. In den späten 60er Jahren wurde das Gebiet im Dschungel zum ersten Mal von Landlosen aus der Umgebung besiedelt. 1975 wurde in der näheren Umgebung der Gemeinde der Park Laguna Lachuá als Naturschutzgebiet ausgerufen, seine Grenzen berührten allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht den Gemeindeboden von Michbilrixpu.
Um sich ein Stück Land als das eigene anerkennen lassen zu können, braucht man in Guatemala, einem in seiner Geschichte von vielen Landreformen und Umsiedlungen geplagten Land, einen Anwalt und einen Termin beim Amt. Eine etwas kostspielige und aufwendige Unternehmung für eine Gruppe einfacher Bauern, die auch bis zu dem Zeitpunkt nicht als dringlich angesehen wurde, an dem der Park 1990 seine Grenzen ausweitete und das Gebiet von Michbilrixpu und einem Nachbarort annektierte. Dass die Begründer der Dörfer zu diesem Zeitpunkt schon tot waren, während des Bürgerkriegs umgebracht als Guerillaverdächtige im Auftrag des Staates, vereinfacht die Lage nicht. Auf die erste gewalttätige Zwangsausweisung 1992 folgten zwei weitere unrechtmäßige Vertreibungen 2003 und 2004, bei denen die Häuser und große Teile der Felder und der Ernte, unter anderem wertvolle Kardamomfelder, zerstört wurden. Glücklicherweise konnten die Michbilrixpuaner beide Male in die Sicherheit des Dschungels fliehen und kein Mensch kam zu Schaden. Die Soldaten, die die Vertreibungen durchführten, waren nicht vom Staat geschickt worden, sondern vom Direktorat des Naturparks und handelten ohne Unterstützung der örtlichen Justizbehörde. Trotzdem kam es nie zu Reparationszahlungen.
Sobald sich die Unsicherheit ihrer Lage herausstellte, schloss sich die Gemeinde dem CUC an, mit dessen Hilfe sie bereits 2001 Zuspruch auf das Land erhielten. Es sollte ihnen nun als ihr eigen anerkannt werden, wenn sie nur die notwendigen Papiere vorlegen und mit Anwalt und Notar beim zuständigen Amt vorsprechen würden. Teuer, aber nicht unerreichbar. Erleichtert (und in unserer Abenteuerlust vielleicht ein bisschen enttäuscht) stellten wir Besucher also fest, dass die Lage sehr friedlich war. Es erschien uns eher so, als dass die Gemeinde nach Fortschritt strebt und sich in dieser Richtung von uns Hilfe erhofft. Kurz: einen Kredit vielleicht für einen Kardamomtrockner? Aber wir sind doch auch nicht Bill Gates! Für einen Guatemalteken ist es eben schwierig, das Bild vom reichen Gringo aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu vergessen. Kein Wunder. Sind doch die remesas familiares, die Geldüberweisungen der schätzungsweise 1,5 Mio. (2001) Guatemalteken, die in den USA leben und arbeiten, einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren im Land. Die Auswirkungen, die eine internationale Delegation eventuell durch das Schreiben von Briefen an die Behörden haben könnte, werden von den Gemeindemitgliedern als sehr gering eingeschätzt.
Morddrohungen
Unsere Analyse der Lage zog allerdings nicht die ganzen Ausmaße in Betracht, wie sich wenige Tage nach unserem Besuch herausstellte. Der Bruder des Gemeindeführers, der im Nachbarort wohnt, erhielt plötzlich Morddrohungen, ein Mann „besuchte“ ihn in seinem Garten und feuerte 21 Schüsse in die Luft ab. Der Täter war anscheinend ein ehemaliges Mitglied der Polizei. Dass der Staatsapparat der Municipalidad Playa Grande, Region Cobán, allerdings immer noch tief darin verwickelt ist, wurde deutlich, da den Bedrohten keine Hilfe von Seiten der Polizei angeboten wurde. Im Gegenteil. Die Anzeige wurde vom Richter offensichtlich nicht offiziell registriert und abgeheftet, sondern verschwand direkt. Plötzlich wurde behauptet, es wäre nötig mit einem Anwalt vorzusprechen, um eine weitere Anzeige zu erstatten.
Was steckte dahinter? Diese Frage stellen wir uns noch immer. Die Gemeindemitglieder selbst sehen als Übeltäter den Nationalpark Laguna Lachuá und vermuten, dass die Pläne der Ausweitung des Parkgebietes mit der Möglichkeit zusammenhängen, sich für Naturwald via Carbon Credits von reichen Ländern oder Firmen bezahlen zu lassen. Ob tatsächlich der Ablasshandel mit der Umwelt Menschenleben bedroht? In jedem Fall stecken dunklere Machenschaften dahinter, und auf die Polizei wagen die Bewohner von Michbulrixpu verständlicherweise noch weniger zu vertrauen als vorher.
Der größte Staudamm Guatemalas
Einer anderen Bedrohung sehen sich 6000 - 8000 Menschen nur wenige Kilometer nördlich in der Provinz Quiché ausgesetzt. Dieses Grenzgebiet zu Mexiko ist die Heimatprovinz von Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú Túm. Der Chixoy- Fluss soll nun, nach einem kriegsbedingten fast 30-jährigen Planungsstopp, Heimat von Guatemalas größtem Staudamm (290m Höhe, 32 km² Fläche) werden. Dies würde die Überflutung der Dörfer und Felder, und damit der Lebensgrundlage der Menschen in diesem Gebiet, bedeuten. Noch hat der Staat keinerlei vergleichbares Land zur Umsiedelung anbieten können und das dürfte auch schwierig sein, handelt es sich bei dem betroffenen Gebiet in der Ixcan- Region schließlich um einzigartigen Natururwald und einer der Regionen des Landes mit der größten Artenvielfalt. Die Angst der Dorfbewohner von Margarita Copon und Primavera kommt nicht von ungefähr, erinnert doch der Fall an die so genannten „Río Negro- Massaker“, am 20. April 1982 während des Bürgerkrieges unter der Herrschaft von Ríos Montt. Bei diesen vier Massakern, wurde fast die ganze Dorfgemeinde, 400 Achí- Mayas, die sich damals gegen die Errichtung des Chixoy- Staudamms zur Wehr setzten und sich weigerten ihr Land zu verlassen, aufs Brutalste abgeschlachtet und der Rest von ihnen vertrieben. Der Bau wurde, zum großen Teil von deutschen Unternehmen „ungehindert“, durchgeführt. Der Chixoy- Staudamm stellte sich als wirtschaftliches Desaster heraus, da er mehr Geld verschluckt, als dass er Gewinne abwirft. Außerdem soll er in weniger als zwanzig Jahren aufgrund von Erosionen geschlossen werden. Die Überlebenden der Massaker kämpfen noch immer um die versprochenen Entschädigungszahlungen und leben immer noch ohne Strom, obwohl ihnen damals der Anschluss an das Stromnetz versprochen wurde.
Der Xalalá- Damm, wie das neue Megaprojekt heißt, soll nun Ende 2008 als Teil des Plans Puebla- Panamá (PPP) errichtet werden. Er wurde unter den Top-50 Projekten für Lateinamerika auf dem Amerikakongress 2006 in New Orleans mit einem Nettogewinn von 100 -150 Millionen USD jährlich eingeschätzt. Der PPP ist ein Infrastrukturplan, der die kommerzielle Erschließung ganz Mittelamerikas durch ein Netz von Autobahnen, Stromversorgungslinien und Pipelines von Südmexiko bis Panamá fördern soll. Auf einem Kongress, der 2001 in San Salvador stattfand, stimmten alle mittelamerikanischen Staaten dem Plan zu. Man kann sich denken, dass den Nutzen aus diesem Fortschritt nicht die Bevölkerung, sondern transnationale Firmen ziehen werden. So wurde unter anderem in Guatemala während der Regierungszeit des Präsidenten Arzú (1996-2000) ein Gesetz erlassen, welches die Steuern, die ein Unternehmen von seinem Gewinn an den Staat zahlen muss, von 6% auf 1% senkte. Die vom Xalalá- Damm erzeugte Elektrizität wird auch nicht den Bewohnern des Ixcan zu Gute kommen, sondern sie soll in die energiebedürftigen USA exportiert oder zur Vorantreibung des Goldabbaus, der Ölproduktion und des Straßenbaus in der Region benutzt werden. Die negativen Auswirkungen des Dammes allerdings werden die Bewohner der Gegend spüren. Nicht nur werden 29 Dörfer vollständig umgesiedelt werden müssen, die Überschwemmung und der entstehende See werden die Artenvielfalt und den Fischbestand des Flusses verringern, was noch hunderte Kilometer flussabwärts spürbar sein wird.
Volksabstimmung gegen den Staudammbau
Kein Wunder also, dass in einer im April 2007 durchgeführten Volksabstimmung 93% der etwa 20.000 teilnehmenden Wähler der Region gegen den Staudammbau und eine geplante Ausbeutung von Petroleum stimmten. Laut des früheren Präsidenten Berger ist allerdings die gesamte Region unbewohnt, und somit stehe der Errichtung des Dammes nichts im Wege, außer dem Widerstand von nationalen und internationalen Indígena-, Bauernrechts-, und Menschenrechtsorganisationen. Das Ignorieren des Ergebnisses dieser Consulta Popular verstößt gegen die Konvention Nr. 169 der Internationalen Arbeiterorganisation. Diese besagt, dass die indigenen Gemeinden bei Plänen der Regierung, die die Ressourcen in den jeweiligen Gemeinden betreffen, vorher in Form einer Volksabstimmung gefragt und ihre Entscheidung respektiert werden muss. Die Regierung stellte in diesem Fall die Legitimität und die rechtliche Verbindlichkeit der Volksabstimmung, die allerdings durch nationale und internationale Wahlbeobachter gewährleistet war, in Frage und ignoriert somit die Entscheidung der Betroffenen.
Weltweit wurden bisher ca. 80 Millionen Menschen aufgrund von Staudammbauten aus ihrem Lebensraum vertrieben, was meistens zu erheblich schlechteren Lebensbedingungen und enormen Schäden für die Natur geführt hat, so Studien der Weltstaudammkommission (WCD).
Baubeginn Ende des Jahres
Und wie wird es weitergehen? Zurzeit werden Studien betrieben. Noch im März will sich die Regierung für den Baumeister entscheiden. Währenddessen nehmen Gewalttaten in den betroffenen Dörfern zu, die Menschen fürchten ein Übergreifen des Militärs. Immer wieder sollen unbekannte Bewaffnete in der sonst ruhigen Dschungelgegend gesehen worden sein. Unter dem Vorwand, nach Drogenschmugglern zu suchen, besetzten Soldaten, die mit Helikoptern gekommen waren, den Ort Ixtahuacan Chiquito und verschreckten die Bevölkerung, die zum größten Teil während des Bürgerkrieges nach Mexiko hatte fliehen müssen und sich an die damalige Verfolgung erinnert fühlte. Die Gegend war während des Bürgerkrieges mit am schlimmsten betroffen, weshalb die meisten Bewohner ins mexikanische Exil gehen mussten, aus dem sie Mitte der 1990er Jahre wieder zurückkehrten und stabile Rückkehrergemeinden gründeten. Der ökonomische Wert durch den hohen Reichtum an Bodenschätzen und fruchtbarer Erde und die strategisch günstige Lage an der Grenze zu Mexiko hinsichtlich des Kampfes gegen den Drogenschmuggel wurde noch vor dem Bürgerkrieg bemerkt.
Immer noch sind ökonomische Interessen und Profit wichtiger als das Leben von Tausenden von Menschen und der Erhalt der Natur. Im Falle des Xalalá- Dammes wird davon aber der Staat Guatemala fast gar nicht profitieren. Durch die niedrigen Steuern wird der Hauptteil des Gewinns an den Investor und die Baufirma, die den Damm errichten soll, fallen. Aber noch viel erschreckender ist der erhebliche Einfluss der USA auf seinen „Hinterhof“, wofür diese beiden Fälle nur zwei Beispiele unter vielen sind. Ist doch der Plan Puebla - Panamá Teil von Bush’s „Kampf gegen den Terrorismus“, bei dem ihn der mexikanische Ex- Präsident Vicente Fox, der mit ihm zusammen diesen Plan entwickelte, unterstützen wollte. Durch die bessere „Entwicklung“ Mittelamerikas und den Ausbau der Infrastruktur wird beispielsweise der Kampf gegen Guerilla- Organisationen, wie die EZLN in Chiapas, Mexiko, erleichtert, da das Militär einen besseren Zugang zu den Gebieten haben wird. Dieses und andere Ziele verfolgt der PPP, von dem nur ein winziger Teil der Betroffenen profitieren wird, die Lebenssituation des Großteils wird sich dadurch allerdings erheblich verschlechtern. In diesem Sinne möchte ich ein Graffiti aus San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko, zitieren: „Alto al fascimo en México, organizate y lucha“ (dt.: „Stoppt den Faschismus in Mexiko, organisiere dich und kämpfe“). Wobei Mexiko im Prinzip gegen ganz Mittel- bzw. Lateinamerika ersetzt werden kann. Der Sinn des Satzes geht nicht verloren.
Quellen:
Kathi´s Erlebnisbericht
Hermann, Frank 2001: Guatemala. Travel Handbuch. Stefan Loose Verlag.
Hofmann, Manfred 2001: Religion und Identität. Maya in Guatemala. Frankfurt/M.
www.globalexchange.org/countries/americas/guatemala/4343.html [10.3.2008]
de.indymedia.org/2008/03/209774.shtml [10.3.2008]
upsidedownworld.org/main/content/view/719/1/ [10.3.2008]
www.zmag.de/artikel.php?id=211 - 38k [11.3.2008]


April 25th, 2010 at 9:28 am
Now THAT IS what I deem an insightful take on things. What I would suggest perhaps is speaking to other people actively involved in the scene and bring to light any different points of view and then update or create a new article for us to read. I hope you’ll take my ideas, I’m looking forward to it! Try to cover off on some graffiti characters as well if possible, they’re quite popular at the moment.
September 26th, 2010 at 10:45 pm
Verdammt hilfreich! Vielen Dank hierfür.
November 19th, 2010 at 6:04 pm
Kudos to you! This is a really good blog here and I love your style of writing. How did you get so good at blogging?