Zum 89. Jahrestag der Ausrufung der Räterepublik in München
Mit Oskar Maria Graf durch die Revolution
Text: Wolfgang Sassmann
Der bayrische Schriftsteller Oskar Maria Graf erlebte am 12. Mai 1933 einen ganz großen persönlichen Erfolg. Durch seinen dreisten und gefährlichen Widerstand gegen das Naziregime machte er im politischen Sinne von sich reden. Von seinem „freiwilligen“ Exil in Wien aus, forderte er die Nazis mit der Schrift „Verbrennt mich!“ nämlich dazu auf, seine Bücher den reinen Flammen des Scheiterhaufens zu überantworten, um nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande zu gelangen. Das NS-Regime stufte seine Werke, besonders seine bayrischen Sittengemälde, die vom harten Los der Bauern und deren unermüdlichem Fleiß berichten, zuvor als besonders lesenswert ein. Ein Jahr nach Erscheinen der Aufforderung zur Vernichtung seiner Werke wurde im Innenhof der Münchner Universität, in einer eigens für ihn angesetzten Bücherverbrennung, seinem Wunsch Folge geleistet.
Noch vierzehn Jahre zuvor wollte sich Graf schon einmal revolutionär gebärden. Sein noch recht unsteter Charakter hinderte ihn jedoch weitgehend daran, während der Münchner Räterepublik einen sinnvollen Beitrag zu leisten.
Am 7. April jährte sich die Ausrufung der Räterepublik in Bayern zum 89. Mal. Zeit, um auf Grafs Spuren die wilden Tage der Revolution Revue passieren zu lassen.
Als der 1. Weltkrieg gegen Ende für Deutschland schon längst nicht mehr zu gewinnen war, dennoch aber weiterhin massenweise Reservisten an die Front gekarrt wurden, um in einem sinnfreien Stellungskrieg elendig im eigenen Dreck zu krepieren, war die anfängliche Kriegsbegeisterung in der deutschen Bevölkerung längst in Unmut und Furcht umgeschlagen. Weder in den Schützengräben von Verdun, noch bei den Bauern und Arbeitern in der Heimat, genoss das „Deutsche Wesen“, an dem doch einst die ganze Welt genesen sollte, noch besonders hohes Ansehen. Im Gegenteil: Das Volk fühlte sich zunehmend von den Politikern verraten und verkauft, deren hochmütiger Verblendung und falschem Stolz wegen, hunderttausende Väter, Brüder und Ehemänner nicht mehr von der Front zurückkehrten.
Zu alledem herrschte eine empfindliche Unterversorgung der Bevölkerung, besonders in den Städten, da durch den ständigen Nachschub, der an gleich zwei Fronten gewährleistet werden musste, die Nahrungsmittel knapp wurden. Man hungerte also und sah einem nicht mehr abwendbaren Desaster entgegen, das jedoch vom Kaiser, den Politikern und führenden Militärs noch immer nicht als ein solches wahrgenommen werden wollte. Größer und immer größer erwuchs der Unwille gegenüber den Hindenburgs, Eberts und Scheidemännern und bestehende Wut und Ohnmacht geleiteten den anfänglich noch sehr zurückhaltenden Drang nach Veränderung auf die Straße, raus aus den verrauchten Bierkellern. Etwas Drastisches hatte zu geschehen.
Mit dem Ausbruch des Kieler Matrosenaufstands schwappte in Deutschland eine revolutionäre Welle los, die im November 1918 Bayern, respektive dessen Hauptstadt, erreicht hatte. In München schlossen sich Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte zusammen und Intellektuelle propagierten die Zerschlagung des Krieges, die Entthronung der Gewalt und den Triumph des Geistes. Vorne mit dabei die Revolutionäre der ersten Stunde, Gustav Landauer („Aufruf zum Sozialismus“), Erich Mühsam und der Schriftsteller Ernst Toller.
Am 7. November 1918 brach schließlich die Revolution aus. Nach einer Massendemonstration, auf der Kurt Eisner vor tausenden Münchner Bürgern unterhalb der Bavaria, den sozialistischen Staat in Form einer Rätedemokratie ausrief, brach ein immer größer werdender Demonstrationszug Richtung Innenstadt los, um die Soldaten in den Kasernen zu entwaffnen, ohne dabei auf großen Widerstand zu treffen. Kurz darauf wurde König Ludwig III entthront und floh nach Österreich. Am 7. April, zwei Wochen nach der Ermordung Eisners, erfolgte (ohne Zustimmung der KPD) die Ausrufung zur Räterepublik und deren Zentralrat wurde gewählt. In nur wenigen Tagen folgten die Besetzung der Presse (Fehlinformationen sollten die Münchner Bürger gegen die Räterepublik aufbringen) und der Aufbau der Roten Armee, sowie die Entwaffnung der Bevölkerung. Während dieser doch ertragreichen Ergebnisse, die in der bis dahin knapp eine Woche bestehenden Räterepublik erzielt werden konnten, bereitete sich die nach Bamberg geflohene Regierung unter Johannes Hoffmann bereits auf die Gegenrevolution vor.
Mit Billigung durch die Bamberger Regierung (SPD!) kam es am 13. April 1919 zu den ersten blutigen Auseinandersetzungen zwischen republikanischen Schutztruppen (Hoffmann bot jedem Arbeiter, der sich der Truppe anschloss 300 Mark) und den Rotgardisten, wobei über zwanzig Kämpfer auf beiden Seiten zu Tode kamen. Zahlreiche Versuche des Zentralrates mit Flugblättern mehr Arbeiter und Bauern für die Räterepublik zu gewinnen, scheiterten an der reaktionären Hetzpropaganda aus Bamberg (Landauer, Mühsam und Toller wurden als Vaterlandsverräter und Verbrecher dargestellt). Nach weiteren blutigen Kämpfen besonders in Dachau, von wo aus reaktionäre Truppen München einzunehmen versuchten, denen die bewaffneten Arbeiter jedoch weiterhin standhalten konnten, schaltete sich das preußische Kriegsministerium unter Gustav Noske (genannt Der Bluthund), deren Handlanger Hoffmann war, in das Geschehen ein. Den nun knapp 200.000 Mann starken Weißgardisten, die München einkesselten, konnten die Revolutionäre nicht standhalten. Innere Unstimmigkeiten, besonders zwischen Zentralrat und KPD, Führungslosigkeit (Mühsam in Haft, Landauer und Toller hielten sich versteckt), sowie verbreitete Schauermärchen über vermeintliche Gräueltaten der Rotgardisten an der Bevölkerung läuteten den Untergang der Räterepublik ein. Der Arbeiter hatte lange genug gelitten, gekämpft und verloren, statt Frieden ward der einstige Brudermord von der Front nun nach München getragen. Nach Tagen bürgerkriegsähnlicher Zustände ist die Münchner Räterepublik am 2. Mai 1919 zerschlagen. Tausende junger Arbeiter, Bauern und Frauen, die nur annähernd im Verdacht standen, mit den „Roten“ sympathisiert zu haben (viele Unbeteiligte fielen Denunziationen zum Opfer), wurden verhaftet oder standrechtlich erschossen – Toller zu fünf, Mühsam zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilt, Landauer ermordet.
Während der gesamten Rätezeit war der Schriftsteller Oskar Maria Graf als stiller Beobachter der Vorgänge in München zugegen. Einst in die Stadt der Künstler und des ausschweifenden Bohemienlebens gekommen, um die Welt von seinem schriftstellerischen Talent zu überzeugen, machte Graf schnell Bekanntschaft mit Armut und Einsamkeit. Seine anfängliche Euphorie wich schnell der harten Realität der Zeit. Niemand wollte seine Gedichte veröffentlichen und der gewünschte Anschluss an intellektuelle Kreise blieb ihm aufgrund seiner Grobschlächtigkeit und Einfachheit auch verwehrt. Sein Lederhosen-Charme und seine Qualitäten als unbändiger Säufer brachten ihm immerhin den zweifelhaften Ruf einer harmlosen Kuriosität ein. Völlig verarmt, zeitweise ohne Bleibe, war Graf gezwungen niedere Hilfsarbeiten anzunehmen, um nicht zu verhungern. Durch die Arbeit geknechtet und von den Literaten verlacht, blieb Graf weiterhin was er am allerwenigsten sein wollte: ein unbedeutender Niemand.
Nirgends richtig zugehörig und innerlich zerrissen sollte der Ausbruch der Revolution dennoch sein Leben maßgeblich verändern. Die Revolution versprach anfänglich Veränderung und Umschwung und Graf, dem der politische Kontext reichlich einerlei war, erhoffte sich primär eine wesentliche Verbesserung seines Lebens. Es sollte seine Revolution werden. Doch auch diese anfängliche Begeisterung verblasste sehr schnell. Als sehr schlechter Redner, der er war, wurde er ausschließlich mit der Verteilung sozialistischer Flugblätter betraut. Obwohl Graf emsig an vielen Versammlungen und Demonstrationen der Revolutionäre teilnahm, blieb er nur Beobachter der Revolution, nie aber ihr Gestalter. Auf einer Versammlung, die Graf selbst einberief, um den Generalstreik zu propagieren, verließ ihn plötzlich sein oft ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sodass er am Rednerpult kein Wort herausbekam.
Von der Führung des Zentralrats enttäuscht und persönlich resigniert, da die Revolution nicht den erwünschten Wandel zum Guten mit sich brachte, ging Graf nun wieder vermehrt dem Dichten und natürlich auch dem Zechen nach.
Die Ideologie im Kopf war zwar stark, doch der leere Magen war stärker.
So wollte es das Schicksal, dass sich Graf am Tage der Erstürmung durch die Weißgardisten in der Villa seines Gönners, dem Holländer Anthony van Hoboken, aufhielt, um ausgelassen zu trinken. Als Erbe einer Rotterdammer Bankiersfamilie konnte es sich van Hoboken leisten, das ausschweifende Leben eines Bohemiens zu führen und er war wohl eher Mode-Sozialist als wirklich an der Befreiung des Arbeiters interessiert. Da er aber Graf in den besonders dürftigen Zeiten durchfütterte und ihm Obdach bot, konnte er dem Holländer diese Schwäche leicht nachsehen. Obwohl Grafs Beitrag zur Räterepublik mehr als überschaubar blieb, war er dennoch bekannt wie ein bunter Hund und wurde von den Weißgardisten gesucht. Wäre er ein besserer Revolutionär gewesen, hätte er sich seiner standrechtlichen Erschießung wohl nicht entziehen können.
1923 gelang ihm mit seinem Buch Wir sind Gefangene der nationale Durchbruch. Darin beschreibt Graf die zufälligen Begebenheiten, die ihn Teil der Revolution werden ließen, sowie seine eigenen Erlebnisse und die auf Fakten basierenden Ereignisse während der Rätezeit. Zudem offenbart Graf dem Leser darin seine inneren Kämpfe und eine nach Absolution schreiende Selbstanklage. Ein historisches Zeitdokument gepaart mit allen menschlichen Schwächen eines liebenswerten Querulanten.
1969 starb Oskar Maria Graf im Exil in New York. Er ist auf dem Bogenhausener Friedhof beigesetzt.
Quellen:
Graf, Oskar Maria 1982: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. München: DTV.
Bollenbeck, Georg 1985: Oskar Maria Graf. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.
Bauer, Gerhard 1987: Oskar Maria Graf. Gefangenschaft und Leidenschaft. München: Süddeutscher Verlag.
Toller Ernst 1963: Eine Jugend in Deutschland. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.
Viesel, Hansjörg 1980: Literaten an der Wand. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.


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