Gedanken im Anschluss an Magnus Treibers Artikel
Text: Ulrich Oberdiek
In Magnus Treibers Artikel „‚Streik’ der Lehrbeauftragten an der Universität München im SoSe 2006 – ein Rückblick“, der die Umstände der ethnologischen Lehrbeauftragten beschreibt, wird ein Dekan mit dem Satz zitiert, „die Universität sei nun einmal kein Sozialamt“. Was meint er damit, was steht hinter diesem Satz?
Sozialämter gewähren denen, die nicht arbeiten können ein Minimum an Unterhalt, zum Überleben. Liegt diese Funktion im Verhältnis der Universität gegenüber Lehrbeauftragten vor? Erhalten sie von der Universität ein Minimum, um zu überleben oder leisten sie dort keine Arbeit? Nein. Oder meint der Dekan, Lehrbeauftragte, die vom Sozialamt leben, dürften nicht an der Universität lehren? Oder will er mit seinem Satz sagen, dass Lehrbeauftragte, die vom Sozialamt leben, keine Bezahlung von der Universität erwarten dürften, weil sie ja vom Staat schon ‚etwas’ bekommen – ist es dann also eine Art moralischer Legitimierungsversuch des Entscheidungsträgers dafür, dass die Universität die von Lehrbeauftragten geleistete Arbeit nicht bezahlt? All diese Inhalte sind sehr von kulturellen, stereotypen Ansichten geprägt.
Es lässt sich wohl nicht umgehen festzustellen, dass Lehrbeauftragte an Universitäten Arbeit leisten; es sind rund 50 000 Lehrbeauftragte, die – zusammen mit den ebenfalls nicht bezahlten Privatdozenten rund 25% der Lehre an deutschen Hochschulen bestreiten [1]. Es gibt Lehraufträge ohne Bezahlung, oder es werden pro Semester und Seminar vielleicht 300,- vielleicht sogar 600,- Euro gezahlt, was natürlich nicht als Bezahlung gewertet werden kann, wenn man die Gehälter der fest angestellten Lehrenden zu Grunde legt. Für eine zweistündige Lehrveranstaltung erhalten sie einen Preis von 3000,- bis 4000,- Euro, je nachdem welchen Prozentanteil der Lehre an der Arbeitszeit man ansetzt. Nun ist es einerseits schön, wenn der Staat (Universitäten) Geld spart, aber ist es auch schön, wenn dies über die massive Ausbeutung eines Viertels der Lehrenden geschieht? Diese Situation ist schlecht für das moralische Verhältnis von Staat und seinen (offensichtlich immer noch!) Untergebenen, die sich dann zunehmend sagen: Wenn der Staat uns in dieser Weise behandelt, sind wir gezwungen Entsprechendes zu tun. Bisher hat der Staat auf die Alternativ- und Wehrlosigkeit (weil er das Monopol auf diese Tätigkeit hat) der Dienstleistenden gesetzt.
Die Ministerien präsentieren sich – relativ – schuldlos indem sie eine feine juristische Lösung gefunden haben: die auch von Treiber in seinem Artikel erwähnten Verordnungen, in denen Höchstsätze für Unterrichtsstunden an Hochschulen festgelegt sind. Die Verwaltungsvorschrift des Finanzministeriums über die Vergütung von nebenamtlichem Unterricht (Baden-Württemberg) vom 30.11.2001 1110 legt einen Höchstsatz für Lehrbeauftragte an Universitäten und anderen Hochschulen von 36.69 Euro für eine Unterrichtsstunde bei „Lehraufgaben wie Professoren/Professorinnen“ zu, und laut Korrespondenz ist dieser Satz kürzlich sogar auf 55,- Euro erhöht worden! Das klingt gut, wird aber leider nicht gezahlt, weil die Universitäten von den Ministerien unterfinanziert werden und folglich nur ein Bruchteil dessen was nötig ist in den Fachbereichen ankommt. Dort wiederum sitzen die entsprechenden Entscheidungsträger, die einerseits mit ‚Sachzwängen’ argumentieren, aber manchmal auch der ‚kulturellen’ Meinung sind, eine Vergütung von ein paar hundert Euro pro Lehrauftrag sei ‚genug’ (wie etwa die – real geschehene - Äußerung, ein Lehrauftrag sei mit 1000,- Euro ‚überbezahlt’).
Diese Entscheidungsträger – und da komme ich wieder auf die anfangs erwähnte Äußerung des Dekans – haben kulturell geprägte Ansichten zum Thema Lehrbeauftragtenbezahlung. Man muss bedenken, dass es sich über Jahrzehnte ‚eingebürgert’ hat, dass diese Arbeit, die grundsätzlich nicht anders als ein professorales Seminar ist (siehe die obige Verwaltungsvorschrift: „Lehraufgaben wie Professoren/Professorinnen“) gering oder nicht bezahlt wird – anders als bei den Festangestellten. Für Lehrbeauftragte herrscht also noch ein Zustand wie vor hunderten von Jahren, als die Wissenschaftler zu Hause Seminare abhielten und die Studierenden Kolleggeld zahlten. Das Kolleggeld haben wir jetzt wieder – ein erfolgversprechender Schritt zurück in die absolutistische Vergangenheit – aber leider wird es nicht von den Lehrenden eingesammelt sondern von der Obrigkeit und die gibt es leider kaum an die subalternen Lehrenden weiter! Dazu muss man gerechter Weise sagen, dass der von Treiber in seinem Artikel genannte Semestersatz für einen Lehrauftrag von 255,- Euro zunächst auf 300,- und jetzt in diesem Fachbereich auf ungeheure ca. 400,- Euro erhöht worden ist. Das sind zwar rasante Zuwächse, aber es ist leider immer noch nur etwa ein Achtel dessen, was Festangestellte für dieselbe Tätigkeit erhalten.
Es ist mir wichtig, die Nicht- oder Geringbezahlung von Lehrbeauftragten als einen Brauch, eine Sitte, eine kulturelle Prägung zu begreifen, die in Deutschland seit etwa hundert Jahren ‚herrscht’. Woanders ist das ja nicht so: in den USA werden lecturers richtig bezahlt, in der Schweiz natürlich ohnehin, aber auch in Indien (!) – wie verschiedentlich dargestellt wurde – liegen die Sätze höher als in Deutschland. Es hat in Deutschland mit der spezifischen ‚kulturellen’ Einbettung dieser Institution zu tun: Die Vorstellung war und ist, dass Lehrbeauftragte die Universität thematisch und anregungsmäßig ‚bereichern’, diversifizieren, aber dafür offenbar nicht regulär oder angemessen bezahlt werden. Die Idee war, dass ‚erfolgreich im Beruf stehende’ (mit dieser Wendung versucht sich der Staat der Bezahlung zu entledigen) aus ihrem Wissensgebiet die Universität bereichern. Keine Frage, die Universität bereichert sich an ihnen. Der Gedanke des Nutzens wird in den entsprechenden Texten eindeutig auf der Seite der Universität genannt, der Nutzen der Dienstleister wird kaum ins Auge gefasst – ein autoritäres, asymmetrisches Machtverhältnis (dies hat eine Analogie z.B. im Verhältnis von Verlagen und Autoren). Allerdings gibt es hier in manchen Fächern, wie der Medizin, vielleicht auch Jura, eine Art Austausch auf der Ebene von symbolischem Kapital, dass sich besonders Privatdozenten, wenn sie eine medizinische Praxis haben, mit dem Titel, etwas später vielleicht sogar mit dem Professorentitel, schmücken können. In einem Artikel zitiert der Journalist Ingo Fischer [2] eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums Baden-Württemberg mit dem Satz, dass es „vielen Lehrbeauftragten darum gehe, mit ihrer Dozententätigkeit ihren Lebenslauf aufzupolieren“. Die Sprecherin versucht damit, die Nichtvergütung zu legitimieren und spricht für die Lehrbeauftragten, die selbst befragt werden müssten, statt dass die ausbeutende Seite ihnen bestimmte Ansichten unterstellt.
Natürlich gibt es keine Transparenz: Eine Erhebung der an den Hochschulen gezahlten bzw. nicht gezahlten Lehrauftragsentgelte wäre interessante Grundlage für weiteres Vorgehen. Dies wäre nicht kompliziert in Form einer einfachen E-Mail-Anfrage an alle Institute bundesweit zu machen. Die Antworten müssten an einer Stelle gesammelt und mit einer einfachen Methode transparent dargestellt werden. Wer macht es?
Und: Wenn eine gewisse Anzahl von einzelnen, individuellen Lehrbeauftragten gegenüber ihren Instituten bestimmte, realistische Beträge für ihre Arbeit fordert, werden die Institute früher oder später diese auch zahlen müssen.
Quelle:
[1] vgl. Oberdiek, Ullrich in: Forschung und Lehre 8/2007:470-472
[2] ww.ard.de/ - Titel: Dozenten zum Dumping-Preis


Februar 1st, 2011 at 10:59 am
I’ve recently started a web blog, the info you posted on this web site has helped me a lot. Thank you for your whole time and work.
Februar 24th, 2011 at 1:50 am
Great article really exhaustive, but it would do something more, and we have the ideal solution for you Biznes plan use certainly do not regret the choice.
Mai 20th, 2011 at 10:08 am
Nice post! GA is also my biggest earning. However, it’s not a much.
August 21st, 2011 at 7:33 pm
I was beeing trying to find the Web for this info and i wanted to thank you for this post. By the way, just off topic, where can i find a version of this theme? – 10x