Fremde unter uns
Bericht einer Serie an lose strukturierten Interviews mit Studierenden der Geisteswissenschaften in Sibiu (Rumänien) über die Romanies der Stadt [1]
Text: Anna-Kristina Pfeifer
„Sie schreiben sich romi [sprich: rom]. Warum haben sie das gesagt? Dass sie romi sind, hier in Rumänien? Damit sie uns eine Schande machen, hier und in Europa allgemein.“ [2]
Der Psychologiestudent Micu gerät in Rage, während er mir seine Perspektive auf das „Problem der Zigeuner“ erläutert. Für die Gadsche [3] sind „Zigeuner“ [4] scheinbar Heimatlose: aus ihrer Sicht haben sie weder einen Ort noch ein Land, das zu ihnen gehört oder zu dem sie gehören. „Sie ziehen herum und sind überall“ „sie sollen bloß nicht sagen, dass sie Rumänen sind“, erzählen mir mehrere Studierende der Lucian-Blaga-Universität im siebenbürgischen Sibiu. Was sollen sie dann sagen? Erstaunte Gesichter schauen mich an. „Dass sie Zigeuner sind natürlich“. Für sie scheint es eine Selbstverständlichkeit, dass diese Gruppe nicht an der imaginierten Gemeinschaft ihres Nationalstaates teilnehmen darf.
Oft werden sie als das „Andere“ kategorisiert, das auch eine andere „Behandlung“ braucht. Im sicheren, sozialen Raum der internationalen Welt der Nationen – in der Nationalstaatlichkeit ein identitätsbildendes Hauptmerkmal darstellt - ist es einfach, Romanies auf eine Art und Weise darzustellen, die nichts mit „uns“ zu tun hat. Es ist ein Leichtes, sie als Fremde, als Nichtmitbürger, als Andere abzustempeln.
Romanies sind seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Rumänien präsent. In der Moldau und der Walachei werden sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Sklaven missbraucht. In Siebenbürgen werden ebenfalls Versuche der Unterjochung unternommen, allerdings variiert ihr Status. Nach der Abschaffung der Sklaverei zwischen 1830 und 1860 ändert sich im Gegensatz zum rechtlichen Status ihr tatsächlicher sozialer Status in Rumänien nur geringfügig. Im Zweiten Weltkrieg tritt Rumänien an die Seite von Nazi-Deutschland. Mit der damit verbundenen Herrschaft von General Antonescu beginnt das dunkelste Kapitel rumänischer „Zigeunerpolitik“. Mindestens 25.000 Romanies werden nach Transnistrien deportiert, wo die Hälfte aufgrund der schlechten Lebensbedingungen stirbt. Die ersten Artikel, in denen die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Rumänien thematisiert wird, erscheinen erst ab 1997. Dagegen findet man in Zeitungen der 90er Jahre Aussagen wie: „Antonescu wollte zu seiner Zeit das Land von dieser Plage befreien“ (Zeitung: Romania Mare). Die Entfernung krimineller Romanies aus der Gesellschaft durch Zwangsarbeit wird weiterhin propagiert und für die Errichtung von Reservaten plädiert.
Seit dem Sturz von Ceauşescu 1989 spüren die Romanies den Eingang ins neue Wirtschaftssystem am deutlichsten: sie verlieren ihre Arbeitsplätze in den nun privatisierten Staatsfabriken und aufgelösten Landwirtschaftskooperativen. Heute leben viele in bitterster Armut und führen einen stillen Kampf ums Überleben [5]. In vielen osteuropäischen Ländern ging mit der post-totalitären Freiheit ein Anstieg an rassistisch und ethnisch basierten Vorurteilen und eine verstärkte Diskriminierung von Minderheiten einher. Der in Rumänien herrschende vorurteilsbeladene und diskriminierende Diskurs gegen Romanies kommt nicht nur von politischen Extremisten, sondern aus dem gesamten politischen und zivilen Spektrum. Seit 1990 sind mehr als 35 gewalttätige Konflikte in Rumänien bekannt, bei welchen Romanies verletzt oder aus ihren Häusern vertrieben wurden. Oberflächlich bemüht sich die Staatsregierung, die Situation im Land an internationale Standards anzugleichen (vor allem vor dem EU-Beitritt) und erlässt dazu neue Anti-Diskriminierungs-Gesetze. Vom European Roma Rights Center wird die Situation der Romanies in Rumänien dennoch weiterhin als „schrecklich“ eingeschätzt.
Fremdzuschreibungen
In den Attributslisten der Statistiker von 2001 ordnen die Rumänen den Romanies vor allem die Eigenschaften dreckig (50%), diebisch (44%), faul (38%), zerstritten (24%), rückständig (22%) und nachlässig (12%) zu (Ethnocultural Diversity Resource Center Romania 2001). Die meisten Studien zum mehrheitsgesellschaftlichen Romanies-Bild werden mit Hilfe von solchen Fragebögen durchgeführt, welche bestimmte Haltungen suggestiv vorformulieren, so dass es zu einer mechanischen Reproduktion bestimmter Stereotype durch das Multiple-Choice-System kommt.
Als Ethnologie-Studentin wollte ich anhand von qualitativen Interviews einen Blick unter die Oberfläche von solchen Stereotypen werfen und herausarbeiten, wie Studierende der Geisteswissenschaften Romanies in ihrer Studienstadt wahrnehmen und ob humanistische Studieninhalte den Umgang mit Stereotypen verändern.
Sibiu liegt im multiethnischen Raum Siebenbürgen. Seit Jahrhunderten leben hier verschiedene kulturelle Gruppen zusammen.Die aktuelle Situation in der Stadt wird als entspannt und harmonisch erlebt. Zwischen den Gruppen gibt es laut der Mehrheit der Studierenden Interaktionen, allerdings nähmen die „Zigeuner“ an diesen wenig teil.
Der „typische Zigeuner“
Als Haupterkennungsmerkmal und häufigstes Stereotyp werden die dunkle Hautfarbe und die „spezifischen Gesichtszüge“ genannt. Manche nennen auch die „dunklen Augen und dunklen Haare“ als Erkennungsmerkmal. Als zweites äußerliches Merkmal wird der Kleidungsstil genannt: „Die Frauen tragen Zöpfe mit einer Schleife und Goldmünzen im Haar und einen langen, bunten Faltenrock. Die Männer haben einen Hut und einen großen Schnurrbart.“
Andere nennen auch als bezeichnendes Merkmal einen bestimmten Geruch, „auch wenn sie sauber sind“. Als Merkmale im Verhalten nennen sie die Art und Weise des Sprechens, die meistens als „vulgär und laut“ charakterisiert wird. Ein gängiges Stereotyp ist das „unangebrachte Verhalten“ der Romanies und ihr „niedriger Status“. Andere heben ihre Brutalität und Aggressivität hervor, bezeichnen sie als cholerische Menschen, die „gerne streiten“ und sehr viel kämpfen. Die am stärksten wahrgenommene Tradition ist die Verheiratung Minderjähriger, die von den Eltern „schon bei Geburt“ festgelegt wird. Die benachteiligte Stellung der Frau wird auch von mehreren Studierenden als Tradition erwähnt.
Viele nennen den Aspekt des Nomadismus. Sie wären Ziehende gewesen, manche seien immer noch nomadisch: „Sie behalten ihren nomadischen Lebensstil bei. Sie leben in Hütten am Rande der Stadt.“ Deshalb hätten sie heute bestimmte Eigenschaften. Sie können nicht „unter Druck leben“ und sollten deshalb „frei“ sein. Das Bild des im Einklang mit der Natur lebenden „Zigeuners“, der von Ort zu Ort zieht und seinem Willen freien Lauf lässt, wird von einigen Interviewten angerissen. So auch der Philosophiestudent Liviu „Sie mögen keine Lebenshindernisse. Ich denke nicht, dass sie in einem Zelt leben wollen, aber sie haben einen freien Geist. Das ist etwas sehr Charakteristisches für sie.”Einige Studierende beschimpfen sie als „Bettlerleute, die ihr Geld vertrinken“, und „nichts leisten, aber trotzdem reich sind“, „zu viele Kinder machen“ die dann betteln gehen müssten. Überwiegend werden sie als Leute ohne gute Ausbildung beschrieben, die „nicht mehr vom Leben wollen“ und „immer exzessiv feiern“. Von vielen Studierenden kommt der Vorwurf des Nicht-Arbeitens, obwohl alle mindestens ein „typisches“ Berufsfeld der Romanies nennen können. Der Beruf „Händler“ oder „Kaufmann“ tritt als meistgenanntes Arbeitsfeld in meinen Interviews auf. Allgemein stehen manuelle Tätigkeiten und „niedere Arbeiten“ wie Straßenfeger oder Müllmann, „Arbeiten, die wir nicht machen würden“ im Vordergrund.
Die meisten Studenten äußern sich nur stark verunsichert über die Subgruppendifferenzierung der unterschiedlichen „Zigeunergruppen“. Alle Interviewten neigen zu polarisierenden Einteilungen in arm/reich und traditionell/nicht traditionell, aus welchen sich folgender Prototyp ergibt: der schlechte „Zigeuner“ ist für die Studierenden ein zu Kriminalität und Betrügereien neigender, ungebildeter Mensch, der „bettelt und stiehlt“. Der gute „Zigeuner“ bewahrt seine Traditionen, trägt „noch die Tracht“ und ist sauber und kultiviert. Die Armen dagegen hätten unhygienische und infizierte Häuser. Zum Teil werden die reichen „Zigeuner“ als die „Guten“ dargestellt, da sie im Gegensatz zu den armen „Zigeunern“ arbeiten. Von anderen werden die Reichen als unredliche Menschen dargestellt, da sie sicherlich ihr Geld auf unehrliche Weise verdient hätten.
Die generelle Haltung der Mehrheitsbevölkerung wird von den meisten Studenten als ablehnend und diskriminierend charakterisiert. So betont auch die Politik-Studentin Alexandra: „Der Zigeuner muss arm sein“, sonst wird er als Dieb wahrgenommen. Wenn die Rede von Zigeunern ist, erwarten die RumänInnen „etwas Negatives“. Allerdings „akzeptiert die jüngere Generation immer mehr“ und bewundert auch die Musik, fügt Alexandra hinzu.
„Zigeuner wollen nicht arbeiten“, „machen viele Kinder ohne darüber nachzudenken“, „betrügen und stehlen“, „lügen“, „stinken und schreien“, denkt die Mehrheit der rumänischen Bevölkerung, so die Meinung einiger Studierender.
Der Geschichtsstudent Radu bedauert:
„Weißt du, es ist, als würden sie wie eine Ratte oder eine Maus oder eine Kakerlake betrachtet werden, die man einfach aus dem Fenster werfen kann und sich dann nicht mehr darum kümmern muss.“
Sie würden als Eindringlinge in einem Land wahrgenommen, aus dem sie nicht stammen oder in das sie nicht gehören, berichtet der Theologie-Student Vlad:
„Ja, wenn Du in das Gesicht eines Rumänen blickst, wenn er einen Zigeuner trifft, kannst du aus seinem Gesicht die Wut lesen. Er denkt dann: das ist mein Platz, warum kommst du hierher, ich kann nicht atmen.”
Die Rumänen hätten ebenso Angst vor der „Degeneration“ des Bildes ihres Landes im Ausland durch das „negative Auftreten der Zigeuner“ in anderen Ländern. Dort würden sie nur „stehlen und betteln und diese Sachen machen“.
Micu, ein Psychologie-Student erzählt mir:
„Das Bild Rumäniens ist stark mit dem Bild der Zigeuner verbunden. Weil die Zigeuner viele schlechte Dinge in anderen Ländern machen, beschmutzen sie das Bild unseres Landes. Zum Beispiel haben sie in Wien alle Schwäne des Stadtteichs gegessen. Sie haben die Schwäne einfach gefangen und dann gegessen. Was kannst du über Leute sagen, die in dein Land kommen und deine Schwäne essen?“
Beim Erzählen rührt Micu in seinem Kaffee und schaut durch den Raum. Draußen feiert man die Kulturhauptstadt. Aus Freude darüber hätten sich die „Zigeuner“ auch wieder ihre Hüte aufgesetzt, berichtet die Hermannstädter Zeitung.
„Gibt es Deiner Meinung nach Diskriminierung?“, frage ich ihn: „Sagen wir mal so: manchmal werden sie gerne diskriminiert. Das Problem geht von ihnen aus. Die Reaktion der Gesellschaft auf ihr Verhalten ist natürlich“.
Manche Studenten beschreiben als vorwiegende Haltung der Mehrheitsbevölkerung auch Akzeptanz, diese aber immer nur mit einer Einschränkung: „Es gibt Akzeptanz, allerdings immer mit Irritation: man wird nervös, wenn man sie sieht”, „Sie sind akzeptiert, werden aber nicht ernst genommen, weil sie erst einmal intern ihre Probleme lösen müssen“.
Diskriminierung gibt es „schon“ laut der Mehrheit der Studierenden. Diese ist aber laut einem Germanistikstudent „gerechtfertigt, denn sie stinken“ oder ein Geschichtsstudent ist überzeugt, dass sie gerne diskriminiert werden. Konflikte mit ihnen könne man nur „mit Gewalt lösen“, aber da sie „auch Menschen“ sind, sei es schon in Ordnung, dass sie hier sind.
Oft werden sie von den Interviewten am „Rande der Stadt“ verortet. Diese Verortung wird dabei oft als Zeichen eines nomadischen Lebensstils und das Leben in Hütten und Bretterverschlägen als Zeichen dafür gesehen, dass sie nicht lange bleiben.
Der Geschichtsstudent Nicolae wirft den „Zigeunern“ in Bezug auf diesen Lebensstil vor: „Sie hätten sich anpassen sollen. Sie hätten sich niederlassen sollen. Ok, man hat einen nomadischen Lebensstil, aber man kann so nicht in modernen Zeiten leben.“
Die Hinterfragung von und Haltung gegenüber Stereotypen wird bei den Studierenden meiner Meinung nach nicht durch humanistische/geisteswissenschaftliche Studieninhalte beeinflusst. Die Vorstellung, dass ein höherer Bildungsgrad ebenfalls die Toleranz erhöhe, erweist sich in meiner Untersuchung als schlichtweg falsch. Esther Quicker ging bei ihrer mehrheitsgesellschaftlichen Untersuchung auch von dieser Vorstellung aus. Bei ihrer qualitativen Untersuchung von Kindern zwischen 11 und 16 Jahren war die Ablehnung unter Akademikerkindern am vehementesten. Laut Quicker gehört in Rumänien in gebildeten Kreisen eine ablehnende Haltung gegenüber Minderheiten zum guten Ton beziehungsweise gilt als „politisch korrekt“. Die Annahme, dass persönliche Kontakte zum Abbau von Stereotypen führten, wurde in meinen Interviews nur eingeschränkt bestätigt. Die wenigsten Studierenden hatten oder haben in ihrem Leben direkten Kontakt mit Romanies. Nur drei haben persönliche Beziehungen zu und weitere vier haben schon mit Romanies auf der Straße gesprochen. Die anderen haben ihre Informationen größtenteils aus den Fernsehnachrichten, der Zeitung und aus Erzählungen anderer (wie Eltern oder Großeltern). Diejenigen Studierenden mit persönlichen Beziehungen zu Romanies haben ein eher positives Bild, welches aber mit ähnlichen Stereotypen aufgeladen ist wie die negativen Bilder der anderen Studierenden. Iulia und Camelia bedauern zum Beispiel, dass die „Zigeuner“ oft als Sündenböcke herhalten müssen, aber zeigen mir ein ähnlich stereotypes Bild der Romanies wie die anderen StudentInnen. Iulia betont: „Die nehmen einfach ihre Pferde, wenn sie keinen Bock mehr haben und hauen ab.“ Und Camelia: „Auch wir sind verantwortlich dafür, wie sie sind, z.B. für das Stehlen.“
Romanies werden von den StudentInnen zum einen als ethnokulturelle Gruppe mit anderen Traditionen wahrgenommen, zum anderen auch als soziale Gruppe mit spezifischen Charakteristika. Durch äußerliche und kulturelle Marker von Differenz wird von den StudentInnen eine Romanies-Identität konstruiert, die für alle „Zigeuner“ zu gelten scheint. Es werden ihnen bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die oft vom „Normalverhalten“ der Rumänen abweichen und als etwas Natürliches, diesen Menschen Immanentes beschrieben werden. Es ist unwesentlich, ob die zugeordneten Eigenschaften positiv oder negativ konnotiert sind: in beiden Fällen wird vom einzelnen Menschen abstrahiert und die Eigenschaften werden „biologistisch“ der Gruppe zugeordnet. Zwar werden die „Zigeuner“ in der Reihe mit anderen kulturellen Gruppen genannt, dennoch zeigt sich eine gewisse Hierarchie von Ansehen und Respekt in Bezug auf die nebeneinander existierenden Gruppen in Sibiu.
Imaginierte Welten
Laut Benedict Anderson werden Gruppen dadurch unterschieden, wie sie imaginiert werden. Im rumänischen zivilen wie politischen Diskurs steht für die DiskursteilnehmerInnen fest: Romanies sind nicht wie wir, sie gehören nicht zu uns. Sie werden als ‚außerhalb’ und ‚anderswo’ imaginiert, denn das Stereotyp verortet sie an den Rändern der Gesellschaft, als „Nomaden“, als „Fremde“, als „Andere“. Stereotype bieten einfache Antworten in einer komplexen Welt. Stereotype werden von Generation zu Generation weitergegeben und bei der Sozialisation automatisch erlernt wie andere Kategorien, anhand derer wir uns in der Welt zurechtfinden. Leider bleiben sie zu oft unhinterfragt. In Rumänien sprechen extremistische Politiker wie auch deren Gegner in einer ähnlichen Art und Weise über Romanies. Es gibt verschiedene diskursive und rhetorische Strategien, das Verhalten der Romanies zu naturalisieren, sie außerhalb der sozialen Ordnung und der Nationalstaatlichkeit zu verorten. Auch in den Medien werden Romanies öffentlich eingeschüchtert und angegriffen.
Bis jetzt gibt es wenig wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Zum Beispiel werden die Archivbestände über die NS-Involvierung Rumäniens – welche seit 1990 geöffnet sind - nur in geringem Umfang analysiert. Historiker würden bei Bearbeitung dieses Themas nur wenig Anerkennung ernten, so Brigitte Mihok. Es herrsche ein gewisses Desinteresse an der Leidensgeschichte der Romanies aufgrund der hartnäckigen Vorurteile, die bis heute die Köpfe der Menschen belagern. Es ist ein Teufelskreis von Reproduktion von Diskursen, welche andere Meinungen ausschließen beziehungsweise gar nicht entstehen lassen. Für die meisten Teilnehmer am Diskurs über Romanies verkörpern die „Zigeuner“ die Differenz selbst. Die Differenz zu dem, was als „normal“ charakterisiert wird:
„Sie bilden die Leimspur, an der die lästige Gefahr der Abweichung haften bleibt. Sie dienen als Sündenbock, auf den man alles Bedrohliche werfen und den man anschließend aus dem eigenen Dorf jagen kann.“ (Johannes Ries 2007)
Fußnoten
[1] Die Serie dient zur Grundlage einer Hauptseminararbeit am Institut für Ethnologie und Afrikanistik München. Die Namen der Studierenden sind geändert und ihre Aussagen stehen stets in kursiver Schrift. Aussagen stehen für breitere Trends, die sich bei der Datenauswertung ergeben haben.
[2] Der Vorwurf bezieht sich auf die phonetische Ähnlichkeit der Begriffe „român“ (dt.: Rumäne) und „romi“ (dt.: Roma). Die offizielle Bezeichnung der rumänischen Romanies wurde in den 90er Jahren auf „romi“ geändert.
[3] Gadsche ist das Romanes-Wort (Sprache mancher Romanies-Gruppen) für alle Nicht-Romanies.
[4] Romanies verwende ich als subsumierenden Begriff für ein Set an Gruppen, die vorläufig als in bezug stehend gesehen werden. Er erleichtert die Kommunikation und der Begriff „Zigeuner“ wird vermieden. Wird er dennoch verwendet, muss der wechselnde historische Kontext oder die Äußerung eines Interviewpartners beachtet werden.
[5] Abhängig von den Zensuskriterien sowie von den politischen Motiven der StatistikerInnen belaufen sich die Zahlen der in Rumänien lebenden Romanies auf eine halbe bis 3,5 Millionen.
Zitierte Literatur:
Anderson, Benedict 1983: Imagined communities: Reflections on the origin and spread of nationalism. London: Verso.
Mihok, Brigitte 2001: Die Verfolgung der Roma. Ein verdrängtes Kapitel der rumänischen Geschichte. In: Hausleitner, Mariana (Hg.) u.a.: Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944.
Quicker, Esther 2006: „Auf Beerdigungen freuen sie sich und feiern…“. Rumänische Schüler beschreiben die Roma. In: Berliner Blätter 39: 99-109.
Ries, Johannes 2007: Welten Wanderer.
Autoreninformation:
Anna-Kristina Pfeifer studiert Ethnologie an der LMU München und arbeitet als Redakteurin bei M 94,5. Ihre Studienschwerpunkte sind „Romanies“ und „Visuelle Anthropologie“.


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