Das Schicksal der mikronesischen Phosphatinsel Nauru

Text: Christopher Gabriel Wastian

Der Autor des folgenden Artikels weist darauf hin, dass zur besseren Lesbarkeit des Texts auf eine durchgehende Verwendung weiblicher und männlicher grammatikalischer Formen verzichtet wird. Mit sämtlichen Bezeichnungen sind sowohl Männer als auch Frauen gemeint.

Skurril, interessant, bizarr, surreal, rekordverdächtig, außergewöhnlich: Das alles ist Nauru. Der Inselstaat im Südpazifik ist nur 21 km2 „groß“, zu Fuß locker in einem Tag zu umrunden und somit die kleinste Republik der Welt. Sie ist relativ isoliert und befindet sich etwa auf halbem Weg von Sydney nach Honolulu.

Ursprünglich lebten auf Nauru zwölf Stämme, deren Herkunft bis heute noch nicht eindeutig geklärt ist. Die Insel wurde Ende des 19. Jahrhunderts sogar ein Teil Deutsch-Neuguineas, einer Kolonie des Deutschen Kaiserreiches. Das Jahr 1899 jedoch stellt den wohl wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte Naurus dar. Per Zufall wurde nicht irgendein Rohstoff, sondern das weltweit qualitativ hochwertigste Phosphat in einem unendlich erscheinenden Ausmaß entdeckt. Diese als „Guano“ bezeichnete Phosphatform entstand in einem langwierigen Prozess aus den Exkrementen von Seevögeln. Doch der Glaube an die scheinbare Unendlichkeit des Vorkommens sollte der Insel noch zum Verhängnis werden.

Zuallererst bereicherten sich die Kolonialmächte Australien, Großbritannien und Neuseeland an dem großen Gewinn, der durch den Abbau und anschließenden Export des Phosphats erzielt werden konnte. 1968 schließlich wurde Nauru unter der Federführung von Hammer DeRoburt, dem ersten Präsidenten, in die Unabhängigkeit entlassen und avancierte zeitweise zum reichsten Staat der Welt, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen. Und ließ damit sogar die Schweiz hinter sich. Da nun Geld im Überfluss vorhanden war, kam auch die gemeine Bevölkerung in den Genuss von Annehmlichkeiten, von denen Bewohner anderer Länder nur träumen konnten und können. Für die Nauruer wurde es selbstverständlich, etwa zum Zwecke eines Arztbesuchs oder einfach zum Einkaufen nach Australien ausgeflogen zu werden – von der neu gegründeten, mit protzigen Ledersesseln ausgestatteten Air Nauru. Auch Steuern oder etwaige Gebühren für öffentliche Dienstleistungen gab es nicht. In den goldenen Zeiten scheuten die Inselbewohner keine luxuriösen Ausschweifungen. Jeder der circa 13.000 Einwohner machte im Schnitt zwei bis drei Autos, sowie ein Motorboot zu seinem Eigentum. Bei einem Straßennetz von insgesamt 41 Kilometern, von denen 29 km befestiget Asphaltstraße sind, stellt sich die Frage nach dem Sinn. Doch was sollten die Nauruer anderes tun, war doch die Züchtung von Fregattvögeln ihre nahezu einzige Beschäftigung. Langeweile machte sich breit. Autoraserei, Hausfriedensbruch und Randale in Folge übermäßigen Alkoholkonsums waren und sind die einzigen nennenswerten Delikte.

Die Lebensmittel wurden vor allem in Konservenform aus dem Ausland importiert. Folgen sind einerseits die höchste Diabetesrate weltweit, wobei circa ein Drittel der Nauruer davon betroffen ist. Andererseits wurden beachtliche Erfolge im Gewichtheben erzielt. So konnte beispielsweise Yukio Peter bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen das erste olympische Diplom (Platz acht) für Nauru überhaupt gewinnen; des Weiteren gewann er überraschend eine Silbermedaille bei der WM in Doha 2005. Ein Kuriosum ist auch das Team der Fußball-Nationalmannschaft: Genau genommen ist sie mit einer 100-Prozent-Siegesbilanz nämlich die erfolgreichste Auswahl der Welt. Nauru konnte in seinem bis dato einzigen Spiel im Jahre 1994 die hoch favorisierten Salomonen-Inseln mit 2:1 bezwingen.

Da die nicht Staatsführung wusste wohin mit dem Geld, finanzierte sie finanzierte sie beispielsweise ein erfolgloses Musical über Leonardo da Vincis Leben in London, welches nach der Premiere umgehend abgesetzt wurde. Negative Schlagzeilen machte die Minirepublik auch in Sachen Geldwäscherei und wurde infolgedessen von der internationalen Taskforce FATF auf die schwarze Liste gesetzt. Denn sowohl die Mafia, als auch diverse Drogenkartelle und Terrororganisationen sollen Konten bei nauruischen Banken betrieben haben.

Als Anfang der 1990er die Phosphatreserven jedoch zur Neige gingen, begann der Fall Anfang. Dieses Szenario hatte man bis dato stets ignoriert. Politische Instabilität war die Folge, da sich drei Männer gegenseitig alle paar Monate aus dem Präsidentenamt putschten. Mit dem Wegfall des Phosphatabbaus, der nahezu ein Jahrhundert lang die einzige Einkommensquelle Naurus darstellte, wurden auch die Geldreserven immer knapper. Nicht nur Fehlinvestitionen, sondern auch der verschwenderische Lebensstil begünstigten diese Entwicklung. In diesem Zusammenhang eröffnete Australien 2001 zwei Flüchtlingslager auf dem Eiland, welche vor allem Afghanen und Iraker beherbergen und bis heute das einzige Staatseinkommen Naurus darstellen. Aufgrund von massiven Schulden wurde sogar das einzige Flugzeug der Air Nauru von einer US-amerikanischen Bank konfisziert und zurückverlangt. Die kleinste Republik der Welt war von Dezember 2005 bis September 2006 quasi von der Außenwelt abgeschnitten. Dann jedoch konnte Taiwan mit einer Finanzspritze aufwarten und ermöglichte die Neuanschaffung einer Boeing 737 für die mittlerweile in Our Airline umbenannte Fluglinie.

Viel schlimmer aber ist die Umweltzerstörung, die die unentwegte Ausbeutung eines Rohstoffes hinterlassen hat. Von dem einst Pleasant Island (angenehme, freundliche Insel) genannten Land im Pazifischen Ozean ist nicht mehr viel übrig. Das Zentralplateau gleicht einer Mondlandschaft, bewohnbar ist nur mehr ein schmaler Küstenstreifen. Das einzige auf Nauru endemische Tier, der so genannte Nauru-Rohrsänger, wurde als „gefährdet“ eingestuft.

Die Zukunft Naurus sieht alles andere als rosig aus. Die Souveränität des Staates wird zunehmend in Frage gestellt und zieht bizarre Visionen mit sich. So möchten etwa die ehemaligen Kolonialherren aus Australien ihren Atommüll auf der Insel endlagern. Außerdem boten sie den Nauruern mehrmals eine Umsiedlung auf australischen Boden an. Vielleicht gar keine allzu schlechte Idee, da Versuche, erneut Humus und Gräser anzupflanzen, kläglich scheiterten, da das hierzu benötigte Wasser im Kalkgestein zu schnell versickert.

Nauru darf jedoch nicht als Ausnahmeerscheinung abgetan werden. Die katastrophale und traurige Entwicklung des als „Phosphatinsel“ in die Geschichte eingegangenen Staates ist eine Parabel für die ganze Welt. Nauru ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn von IWF und Weltbank befürwortete und propagierte Strategien rücksichtslos durch- und umgesetzt werden. Die menschliche Gier und das unermüdliche Streben nach Luxus führen langfristig gesehen direkt zu einer Klima- und Umweltkatastrophe. Der Untergang des Mikrokosmos Nauru sollte der restlichen Welt eine Lehre sein.

Christopher Gabriel Wastian (* 1987), aus Südkärnten in Österreich stammend, ist Student der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Derzeit Auslandssemester an der Universität Bern. Interessen: thematisch: Studien zu Rassismus, Ethnizität & Identität, Friedens- & Konfliktforschung, anthropologische Medienforschung; regional: Ozeanien, Lateinamerika & (Südost-)Europa.

Literatur:

Herbote, Burkhard: Nauru – kleinste Republik der Welt. In: Stämme. Verlag Frey & Steinmetz. Füssen 1999.

Iten, Oswald: Das Elend der Phosphatinsel Nauru. In: du, Ausgabe 772: Pazifik. Das Meer der Inseln. Zürich 2006.

McDaniel, Carl N. und John M. Gowdy: Paradise for Sale. A Parable of Nature. University of California Press, Berkeley/Los Angeles 2000. (Buchtipp)

Wächter, Hans-Christof: Nur noch der Schatten eines Paradieses. In: mare. Hamburg 2000.

10 Responses to “Auch Luxus ist vergänglich”

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