„Tatort“ provoziert alevitische Glaubensgemeinschaft
Eine verwandtschaftsethnologische Untersuchung

Text: Nicole Strziga

Die Erforschung von verwandtschaftlichen Beziehungen ist in der Ethnologie seit jeher von besonderem Interesse. Bereits zu Beginn der Fachgeschichte im späten 19. Jahrhundert bildete die Verwandtschaft einen grundlegenden Forschungsschwerpunkt. Morgan, Maine und McLennan erkannten in ihr das grundlegende Organisationsprinzip vorstaatlicher Gesellschaften, und die ethnologische Auseinandersetzung mit Verwandtschaft wurde fortan mit der Sozialethnologie gleichgesetzt [1].
Verwandtschaftsbeziehungen stellen für alle Gesellschaften einen zentralen Ansatzpunkt dar: Die Kenntnis darüber, in welchem biologischen und sozialen Kontext sich Menschen einer Gruppe befinden und welche Auswirkungen dieses Verhältnis auf Besitz, Rang oder Allianz hat, warf stets neue Fragen auf und ließ mit der Zeit eigenständige Unterdisziplinen entstehen. Als Beispiel dafür kann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Land- und Erbrecht angeführt werden, oder etwa das Erforschen von Wohnsituationen sowie politischen Rangfolgeordnungen. Ein wichtiger Bestandteil des traditionellen verwandtschaftsethnologischen Kerns ist nun jedoch auch in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.

Protest: TV-Sender bedient sich an Vorurteilen

Die Gemüter der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) wurden heftig erhitzt, als die ARD im Dezember vergangenen Jahres ihre „Tatort“-Folge mit dem Titel „Wem Ehre gebührt“ ausstrahlte. Durch den Krimi, in dem es um einen Inzest-Fall in einer alevitischen Familie ging, fühlte sich die islamische Glaubensgemeinschaft verunglimpft. Zudem schrieb das provokative Drehbuch die Ermordung von der Schwester der Schwangeren vor, welche zur Aufklärung des Falles beitragen wollte. Aufgebrachte Aleviten warfen den „Tatort“-Machern daraufhin vor, sich mit ihrer Folge uralter Vorurteile zu bedienen und diese zu bestätigen. Tatsächlich kämpfen die Aleviten bereits seit der osmanischen Zeit gegen den folgenschweren Vorwurf an, im Rahmen ihrer Festlichkeiten ausgelassene Orgien zu feiern. Diese Unterstellung geht vor allem auf die so genannte „Feier der Gemeinschaft“ (ayin-i-dschem) zurück - ein zentraler Ritus bei den Bektaschis und Kizilbasch-Aleviten. Das von Musik, Gesang und Semah-Tänzen begleitete Fest dient der rituellen Erinnerung bedeutsamer schiitischer Momente, wie der Erinnerung des Märtyrertodes Hüseyins in der irakischen Stadt Kerbela, und wird traditionell ohne Geschlechtertrennung ausgeübt. Auch Kinder wohnen seit jeher den religiösen Ritualen ihrer Gemeinschaft bei. Dass in manchen Gegenden als Teil des Ritus auch Alkohol gereicht wird, nahmen insbesondere Sunniten zum Anlass, Gerüchte zu streuen und damit das Ansehen der Aleviten über Jahre hinweg zu schädigen [2].

Religion innerhalb der Religion

Das Wort „Alevi“ stellte zunächst eine Fremdbenennung für die unterschiedlichen türkischen und kurdischen Kizilbasch-Gruppen dar, bis sich diese im Laufe des 20. Jahrhunderts selbst als Aleviten bezeichneten und eine eigene Identität jenseits der traditionellen Stammesidentitäten formulierten [3]. Die zunehmende Anzahl der Glaubensanhänger – derzeit machen Aleviten knapp ein Viertel der türkischen Bevölkerung aus – sieht das Alevitentum als eine eigenständige, synkretistische religiöse Richtung an, die sich vom sunnitischen Islam klar unterscheidet[4]. Da sich der Glauben nach eigenen Angaben aus der islamischen Schia, der zweitgrößten Konfession des Islam, entwickelte, ist die Verbindung zu den Schiiten traditionell enger. Besonders das Zurückdenken an die blutigen Auseinandersetzungen beider Gruppen mit den Sunniten während deren Herrschaft, prägt die alevitische Glaubensrichtung. Da im türkischen Schulsystem lange Zeit ausschließlich der sunnitische Glauben gelehrt wurde, verwundert es nicht, dass ein beträchtlicher Teil der Sunniten in umgekehrter Richtung keinerlei Bezug zu den Aleviten und ihren geschlechterübergreifenden Ritualen hat. Auch die eher liberalen Auffassungen der Aleviten gelten als Grund für das Standhalten negativer Vorurteile (besonders seitens traditionell-islamischer Gelehrter) gegen die Glaubensgemeinschaft [5].

Inzest als soziale Isolation

Angesichts dieser Hintergründe mag die Entschuldigung der „Tatort“-Autorin Angelina Maccarone auf den ersten Blick wie ein Tropfen auf den heißen Stein anmuten. Und auch wenn NDR-Programmdirektor Volker Herres betonte, dass es in der Folge nicht darum gehe, religiöse Gefühle zu verletzen, schmälerten Erklärungsversuche kaum die Verstimmungen der Aleviten. Viele äußerten ihren Unmut im Rahmen von Protesten vor dem ARD-Hauptstudio in Berlin-Mitte. Bei einer weitern Großdemonstration in Köln sagte der Generalsekretär der AABF, Ali Toprak, in seiner Rede: „Wir möchten ein Zeichen setzen für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen.“[6]
Mit diesem Vorfall ist an die Öffentlichkeit geraten, was sowohl in der Sozialethnologie als auch in der migrationspolitischen Gegenwart der Bundesrepublik längst hinreichend bekannt ist: Der Einfluss von affinalen und konsanguinen Verbindungen auf das Leben eines Individuums ist enorm und bestimmt oftmals nicht nur dessen Verlauf, sondern gar das Ansehen einer ganzen Gemeinschaft. Bereits Claude Lévi-Strauss begriff den Vollzug von Hochzeiten als soziale Interaktionssysteme, als Tauschakte, die stets auf Gegenseitigkeit beruhen – was Inzest schon aus gemeinnützigen Gründen ausschließt [7]. Ein Inzestverbot muss daher nicht zwingend eugenische Gründe haben, schließlich isoliert sich eine inzestbetreibende Gruppe auf Dauer von selbst und verhindert so eine kontaktabhängige Ausdehnung. Abgesehen von Gesellschaften mit direktem Schwesterntausch zwischen Männern, finden ergänzend zur Heirat vielerorts Transaktionen von Gütern und Dienstleistungen statt [8]. Übergeordnetes Ziel einer Eheschließung ist es folglich, Allianzen zu anderen sozialen Gruppen herzustellen und den Verwandtenkreis der eigenen Gesellschaft zu erweitern. Dies ist auch das Ziel komplexer Allianzsysteme, in denen meist die Angehörigen der Kernfamilie als Heiratspartner verboten sind. So fühlte sich die alevitische Gemeinde durch das im Film neu aufgegriffene, alte Thema „tief getroffen“ und erstattete bei der Berliner Polizei Anzeige gegen den NDR. Auch wenn die Filmemacherin Maccarone ihr Drehbuch als unabhängig von Nationalität und Religion sieht, habe sie sich nach Meinung der AABF die Haltung der Sunniten zu eigen gemacht. Sie selbst argumentiert nach wie vor, dass die inzestuöse Tat des Vaters in keiner Weise von seiner Religion getragen oder gerechtfertigt wird.

Die Folgen einseitiger Parteinahme seitens der Medien

Letztendlich ist die aufgebrachte Debatte doch wieder ein Zeichen dafür, dass gegenüber den Gefühlen von Menschen, unabhängig von der Art und Weise ihres Glaubens, stets Achtsamkeit, Umsicht und vor allem Respekt geboten sein sollten. Schon immer mussten Aleviten, die sich der sozialen Kontrolle strenggläubiger Sunniten widersetzten, mit entgegengebrachter Gewalt rechnen. Auch heute noch erfahren sie die einseitige Parteinahme von Teilen des sunnitisch-dominierten Staates, der Sicherheitskräfte und Medien, die bis hin zur Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt reicht und ihre resignierte Abwendung von der Kerngesellschaft weiter fördert [9]. Damit sie in ihrem Umfeld bestehen können ohne ihre Eigenidentität noch stärker hervorheben zu müssen, sollten konfessionelle Grenzen abgeschwächt werden, anstatt diese lediglich zugunsten der Vorabendunterhaltung zu nutzen. Eine Hervorhebung althergebrachter Vorwürfe ist aus migrationspolitischer Sicht jedenfalls in keiner Weise dienlich.

Zitierte Literatur:

[1]Helbling, Jürg o.J.: Sozialethnologie. In: Beer, Bettina; Fischer, Hans (Hrsg.) 2006: Ethnologie. Einführung und Überblick. Berlin, 125

[2]Dressler, Markus 2003: Einblicke in den osmanisch-türkischen Islam. Eine Religionsgeschichte. In: Kalter, Johannes; Schönberger, Irene (Hrsg.): Der lange Weg der Türken. 1500 Jahre türkischer Kultur. Stuttgart; Lindenmuseum, 246

[3] ebd: 250

[4] Halm, Heinz 1988: Die Schia. Darmstadt, 172 und Birge 1937 zit. n. Tasci, Hülya 2005: Identität und Ethnizität in der Bundesrepublik Deutschland am Beispiel der zweiten Generation der Aleviten aus der Republik Türkei. Berlin, 96

[5] dpa, 06.01.2008

[6] dpa, 30.12.2007

[7] Kohl, Karl-Heinz 2000: Die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung. München, 43

[8] Helbling, Jürg o.J.: Sozialethnologie. In: Beer, Bettina; Fischer, Hans (Hrsg.) 2006: Ethnologie. Einführung und Überblick. Berlin, 138

[9] Gümüs, Burak 2001: Türkische Aleviten. Vom Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei. Konstanz, 227-228

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