Interview mit Dr. Wolfgang Habermeyer, Lehrbeauftragter des Instituts für Ethnologie und Afrikanistik der LMU München

Interview: Alexander Grunert, Falko Zemmrich, Ben Kerste, Gabriela Garrido, Andreas Höll

Text: Gabriela Garrido und Andreas Höll

ethnologik: Wir wollen unseren Lesern Ideen liefern indem wir verstärkt mit und von Ethnologen, die sowohl im akademischen Bereich als auch außerhalb der Universität tätig sind, Interviews führen und Reportagen erstellen. In der Vergangenheit hat es uns immer gefreut, wenn wir uns mit solchen Leuten unterhalten haben und dabei Ideen bekamen, was man mit der Ethnologie nach dem Studium machen kann.

W. Habermeyer: Da haben wir gleich einen wunderbaren Dissens. Ich sage es jetzt mal provokant: Wenn ich es für ein Ethnologiestudium notwendig habe zu wissen, was ich hinterher damit anfangen kann, dann studiere ich schon falsch. Man muss diese Illusion einfach begraben. Mit der Ethnologie kannst du nach dem Studium in der Regel im Sinne einer Erwerbsarbeit oder eines Berufs nicht viel anfangen. Es können sich zwar immer wieder irgendwelche Sachen ergeben, aber so richtig als Ethnologe, als Ethnologin arbeiten kann man nicht. Das Fach Ethnologie studiert man, weil es einen persönlich interessiert und weil man es aus anderen Gründen für wichtig hält.

ethnologik: Wir geben dir zwar in gewisser Weise Recht, weil wir das Fach auch aus persönlichem Interesse studieren. Aber glaubst du nicht, dass man auch gezielt Schwerpunkte im Hinblick auf eine Verwendung nach dem Studium aussuchen kann?

W. Habermeyer: Glaube ich nicht, weil ich nicht wüsste welchen Schwerpunkt man in einem Studium der Ethnologie wählen könnte oder sollte, um die Ethnologie hinterher in irgendeiner Art und Weise eher in Erwerbsarbeit umsetzen zu können. Denn das Eigentliche an der Wissenschaft besteht darin, dass man dabei nach und nach Verbindungen herstellt, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie existieren. So etwas geht allerdings momentan mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge verloren. Denn je stärker man sich auf bestimmte Studieninhalte fokussiert, weil man glaubt sie wären brauchbar, umso mehr verhindert man diese gelenkten „Zufälligkeiten“, die eigentlich das Wesentliche eines Studiums ausmachen.

ethnologik: Welche Vorstellung von Arbeit hattest du vor deinem Studium?

W. Habermeyer: Da ich aus einem Arbeiterhaushalt komme, hatte ich einen relativ klassischen Begriff von Arbeit. Ich habe ab meinem 15. Lebensjahr alle Oster-, Pfingst- und Sommerferien gearbeitet. Deshalb habe ich damals als 18-, 19-Jähriger viele Tätigkeiten, für die man Geld bekommt, nicht unbedingt als Arbeit eingeschätzt. Ich habe mir vielmehr gedacht: „Aha, es gibt also Leute, die ein Hobby haben und dafür auch noch bezahlt werden. Aber Arbeit ist das nicht!“ Das ist ein ganz wichtiger Unterschied im Habitus zum Beispiel gegenüber Lehrer- oder Professorenkindern. Sie haben eine ganz andere Vorstellung davon, für was man Geld verlangen darf, weil es Arbeit ist, sie haben einen ganz anderen Anspruch ans Leben, an das, was ihnen zusteht. Es ist für sie viel selbstverständlicher, dass man auch davon leben kann, sich seinen Interessen zu widmen. Für mich aber bedeutete Arbeit damals ganz sicher nicht, persönlichen Interessen nachgehen zu dürfen.

ethnologik: Was sagst du zu dem Spannungsverhältnis zwischen den eigenen Interessen und der Relevanz unseres Fachs. Mit Relevanz meinen wir, dass konkrete Fakten verlangt werden und man sich als Wissenschaftler positionieren und der Gesellschaft gegenüber legitimieren muss?

W. Habermeyer: Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass die Ethnologie gesellschaftlich relevant ist, dass man die Ethnologie wirklich braucht. Ich würde aber die Frage, warum die Ethnologie wichtig ist und worin ihr gesellschaftlicher Nutzen besteht, völlig von dem entkoppeln wollen, was diese Gesellschaft an handfesten Resultaten von der Universität bzw. von Ethnologen erwartet. Unsere Selbstdefinition, also unsere eigene Definition darüber, was wir selber wollen, was wir selber können, muss völlig frei sein von Erwartungshaltungen auf Seiten der Gesellschaft in Bezug auf eine unmittelbare Verwertbarkeit. Eigentlich ist es ganz simpel, Ethnologie ist die Wissenschaft, die sich mit den verschiedenen Kulturen beschäftigt und zum Ziel hat, ein gegenseitiges Verständnis der Kulturen untereinander und ein friedliches Leben miteinander zu erreichen. Und wenn es etwas gibt, was auf dieser Welt notwendig wäre, dann ist es das. Aber unmittelbar verwertbare Ergebnisse können wir dabei der Gesellschaft in der Regel nicht liefern. Selbstverständlich müssen wir uns gegenüber unserer eigenen Gesellschaft, die die Ethnologie an den Universitäten bezahlt, auch legitimieren, das ist klar. Diese Legitimation läuft jedoch nicht über unmittelbare Verwertungsinteressen sondern anders — aber das ist ein weites Feld, darüber können wir vielleicht ein anderes Mal diskutieren.

ethnologik: Trotzdem haben wir aber das Problem, dass an der Uni Stellen gekürzt werden und wir nicht erklären können, wofür wir relevant sind.

W. Habermeyer: Die Frage nach der Relevanz ist halt eigentlich erst der zweite Schritt. Diesen zweiten Schritt kann man jedoch nur dann in der rechten Weise machen, wenn man wirklich ernsthaft den ersten Schritt gemacht hat. Der erste Schritt ist die Frage an uns selbst: Was ist Ethnologie? Wie definieren wir selbst Ethnologie? Worum geht es da und worum geht es da nicht? Was können und wollen wir leisten als Ethnologen und was nicht? Warum ist das eine Wissenschaft und keine Frage z.B. der Weltanschauung usw. usf.? Wenn man diesen ersten Schritt von vornherein unter dem Aspekt der Verwertbarkeit macht, dann belügt man sich selber, dann lässt man sich verbiegen und gibt nach — und betreibt meiner Ansicht nach keine Wissenschaft mehr. Vor allem aber kommt nicht wirklich das alles heraus, was die Ethnologie an wichtigen Erkenntnissen tatsächlich beibringen könnte. Denn es gibt auf der einen Seite ein Verwertungsinteresse, das die Gesellschaft an uns heranträgt, und es gibt auf der anderen Seite ethnologische Erkenntnisse, die wir der Gesellschaft unbedingt vermitteln müssen, auch wenn diese das vielleicht nicht so ohne weiteres will, weil sie solche Sachen nicht gerne hört. Man muss ja nur einmal daran denken, ob die deutsche Gesellschaft es gerne hört, was wir Ethnologen zum Thema „Rassismus“ sagen. Wie gesagt, ich habe nichts dagegen, wenn man sich überlegt, wo man mit der Ethnologie irgendwie unterkommen kann, aber mir fehlt meistens die wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem ersten Schritt. Man behauptet ja immer, wenn man die Frage nach den Verwertungsmöglichkeiten der Ethnologie erst an die zweite oder dritte Stelle setzt, dann würde eine völlig idealistische Vorstellung von Ethnologie herauskommen. Das hat aber mit Idealismus nichts zu tun, das ist vielmehr ein ganz beinharter Wissenschaftsbegriff. Kultur- und Geisteswissenschaften in einer demokratischen Gesellschaft (vermutlich gilt das auch für Naturwissenschaften, aber ich will mir da ein Urteil nicht anmaßen) sind frei von unmittelbaren Verwertungsinteressen und in dem Moment, in dem man anfängt, Wissenschaft unter die Fuchtel von unmittelbaren Verwertungsinteressen zu stellen, wird Wissenschaft zu einem willfährigen Büttel der gerade herrschenden Meinung und läuft sich auf diese Weise vermutlich über kurz oder lang ohnehin tot.

ethnologik: Die Universität wird als Institution finanziert von der Gesellschaft. Gibt es für dich unabhängig von diesem kapitalistischen Verwertungsinteresse, vor dem du die Universität schützen möchtest, eine gewisse finanzielle „Verantwortung“ der einzelnen Studenten gegenüber der Gesellschaft?

W. Habermeyer: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe lange Zeit Studentenpolitik gemacht, war ziemlich engagiert als Student und glaubte deswegen einen klaren Blick auf solche Fragen zu haben. Ich sehe die Sache heute jedoch komplexer als noch vor zwanzig Jahren und habe keine eindeutige Antwort mehr darauf. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Solange ein Universitätsabschluss in der Gesellschaft den Stellenwert hatte, dass derjenige, der einen solchen Abschluss in der Tasche hat, hinterher auch automatisch einen sehr gut dotierten Job bekam, hat niemand danach gefragt, ob die Uni etwas kosten soll. Damals habe ich gedacht, wenn Kindergärten Gebühren verlangen, dann sollen — nach dem Studium! — auch fette Karrieristen etwas für ihr Studium bezahlen! Jetzt ist das mit den gut bezahlten Jobs überhaupt nicht mehr sicher und plötzlich fragt jeder, wieso man als Student nicht bereit ist, für den Unibesuch etwas zu bezahlen. Das ist doch komisch, diejenigen, die so etwas heute in der Öffentlichkeit am lautesten fordern, nämlich Politiker und Leute aus der Wirtschaft, haben alle ihre Karriere auf der Basis eines kostenlosen Universitätsstudiums gemacht. Und jetzt, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Karriereaussichten definitiv nicht rosig sind, verlangen genau diese Leute, dass Studenten für Ihr Studium etwas bezahlen sollen. Irgendwas stimmt da nicht. Ich finde es jedenfalls katastrophal, dass jetzt mit den Studiengebühren junge Menschen vom Studium abgehalten werden, die alles Recht der Welt hätten zu studieren, die aber leider, leider in die falsche Klasse hineingeboren wurden.

ethnologik: Als du mit deinem Studium fertig warst, hattest du auch das Problem, dass du irgendwie Geld verdienen musstest. Du musstest dich in gewisser Hinsicht ebenfalls verkaufen. Bei wem hast du dich beworben und wie hast du dich verkauft?

W. Habermeyer: Ich habe 1982 zu Beginn meines Studiums einen Taxischein gemacht, bin also während des gesamten Studiums Taxi gefahren. So hatte ich immer eine Möglichkeit Geld zu verdienen. Ich habe relativ lang studiert, nämlich von 1982 bis 1990. Im 17. Semester habe ich meinen Abschluss gemacht (der Durchschnitt lag damals bei uns übrigens bei 15 Semestern!) und da wusste ich schon, dass ich an der Uni weitermachen möchte. Es stellte sich also am Ende des Studiums gar nicht die Frage, welchem Arbeitgeber ich mich jetzt andiene. Umso schlimmer war es nach der Promotion mit 36 Jahren, als ich merkte, dass ich mich in einer Sackgasse befinde. Ich musste nämlich feststellen, dass ich für so gut wie alles zu alt bin bzw. zu alt werde. Wenn ich dann noch habilitiert hätte, wäre ich am Ende mindestens 41, 42 Jahre gewesen: Eine Professur zu ergattern wäre dann unglaublich schwierig geworden. Als aber mein Antrag auf ein Habilstipendium von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) abgelehnt wurde, musste ich mir mit meinen 36 Jahren eh etwas anderes überlegen. Aber für all diese „anderen Sachen“ war ich eigentlich schon zu alt! In dieser Zeit bin ich dann in eine ziemliche Lebenskrise geraten. Und ich musste zum ersten Mal in meinem Leben etwas machen, was bei mir heute noch Würgreize auslöst: Bewerbungen schreiben! Es gibt Menschen, die können das wunderbar, die haben einfach ein Bewusstsein dafür, was sie können und vor allem dafür, was das wert ist. Und deshalb fällt es ihnen nicht schwer, sich bzw. diese Fähigkeiten anzubieten. Ich jedoch habe dabei immer so das Gefühl, als müsste ich rumschleimen, mich wie Sauerbier oder Ramsch feilbieten. 1997, bevor sich dann mein Berufsleben wendete, habe ich einen Job im Callcenter einer Werbemittelfirma gemacht. Das war bitter. Da musste man ungebeten wildfremde Leute anrufen und ihnen irgendetwas verkaufen.

ethnologik: Hat sich mit dieser existenziellen Krise deine Einstellung gegenüber der Art von Studium, wie du es gemacht hast, und gegenüber der Freiheit der Wissenschaft geändert?

W. Habermeyer: Nein, ich bin da eher noch strikter geworden. Da habe ich noch stärker gesehen, dass die Wissenschaft frei sein muss vor der Unterwerfung unter Verwertungsinteressen. Ich habe aber auch gemerkt, dass man da aufpassen muss, dass ich da aufpassen muss. Wenn ich mich weigere, Bewerbungsbögen zu schreiben, kann ich schlecht die Gesellschaft dafür verantwortlich machen, dass ich keinen guten Job kriege. Oder hat das vielleicht doch etwas mit meinem mir von der Gesellschaft vermittelten Habitus zu tun und ich kann daher gar nichts für diese meine Weigerung?

ethnologik: Was hast du nach dem Callcenter gemacht?

W. Habermeyer: Ich bin wieder Taxi gefahren. Und dann erzählte mir eine ehemalige Studienfreundin, es gäbe beim Bayerischen Rundfunk ein neues Projekt, den Bildungskanal BR-alpha, und dass dafür Leute gesucht würden. Ich bin dann als 39-jähriger promovierter Ethnologe beim Bayerischen Rundfunk aufgetaucht und habe zwei Monate lang eine Hospitanz für damals 800 Mark im Monat gemacht. Ich war kein gelernter Journalist und hatte von Redaktionstätigkeit nur rudimentäre Ahnung. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich dort einen ganz bestimmten Teil der Arbeit machen könnte und habe daher dem Bayerischen Rundfunk ein diesbezügliches Angebot gemacht. Sie sind darauf eingegangen und seitdem mache ich dort meinen Job. Der eigentliche Grund, der mich bis heute dabei bleiben lässt, ist, dass mir ein ganz bestimmter Teilbereich meiner Arbeit sehr viel Spaß macht. Ansonsten ist das eine ganz normale Erwerbsarbeit, die mit der Ethnologie nichts zu tun hat. Mein Job hat Vorteile, aber meine Selbstverwirklichung bedeutet er nicht.

ethnologik: Was machst du dort genau?

W. Habermeyer: Ich mache etwas, das einerseits oft ganz langweilig und andererseits gelegentlich sehr interessant ist. Auf BR-alpha gibt es eine Gesprächssendung, die heißt alpha-forum. Sie wird jeden Abend von viertel nach acht bis neun Uhr ausgestrahlt. Noch während der Ausstrahlung wird eine Internetadresse eingeblendet. Dort, auf www.br-online.de/alpha/forum kann man dieses Gespräch in voller Länge nachlesen. Diese Gespräche finden also nicht live statt, sondern werden vorher aufgezeichnet und ich bekomme eine Videokassette von diesen Gesprächen. Mittels einer solchen Kassette verwandle ich dann das gesprochene Wort dieser Sendung in Schriftform, d.h. ich transkribiere dieses Gespräch. Auf der einen Seite ist das reines Sekretariat, weil man das Gespräch halt einfach abtippen muss. Auf der anderen Seite ist es viel mehr. Es spricht niemand Hochdeutsch, trotzdem muss ein gut lesbares Gespräch daraus werden: Ich muss also gesprochene Sprache in Schriftsprache umwandeln. Um das aber wirklich machen zu können, muss man in der Lage sein, jedem Gespräch inhaltlich folgen zu können — vollkommen egal, ob es ein Atomphysiker, ein Schachspieler, ein Politiker, ein Chirurg oder ein Sportler ist, der da mit einem Moderator im Gespräch ist. Wenn sich der Gast versehentlich verspricht, dann hat man das in seinem Sinne stillschweigend zu korrigieren. — Aber da musst halt zuerst einmal merken, dass er sich versprochen hat. Das ist das Problem. — Darüber hinaus muss jeder Eigenname, jeder wissenschaftliche, technische oder medizinische Begriff, muss jeder Ortsname, den ich hinschreibe, richtig geschrieben sein, was natürlich z. T. sehr viel Recherche bedeutet. Der Bayerische Rundfunk legt jedenfalls mit Recht Wert darauf, dass auf seinen Online-Seiten kein Unfug steht. Na ja, und das Zuckerl dabei ist, dass ich gelegentlich selbst solche Gespräche vor der Kamera moderiere. Und das mache ich wirklich gerne.

ethnologik: Glaubst du, dass sich Studenten heute besser verkaufen können?

W. Habermeyer: Ja, sicher. Das lernen sie heute einfach viel eher.

ethnologik: Merkt man das z.B. in Referaten?

W. Habermeyer: Ja, das merkt man schon. Es gibt zwar nach wie vor eine unglaublich große Anzahl von Leuten, die es nicht gelernt haben, ein gutes Referat zu halten. Aber man merkt schon auch, dass etliche Studenten das Halten von Referaten nicht aus dem Grunde lernen wollen, weil sie die sehr schöne menschliche Fähigkeiten besitzen wollen, Leute für ein bestimmtes Thema begeistern zu können, sondern deswegen, damit sie sich selbst besser verkaufen können. Wenn uns damals in einem Seminar jemand gesagt hätte, wir müssten deshalb gute Referate halten, damit wir lernen, uns selbst gut verkaufen zu können, dann wären wir aufgestanden und gegangen — jedenfalls die meisten. Trotzdem, ich versuche sehr wohl meinen Studenten diese Schlüsselqualifikation zu vermitteln. Sie sollen alle nach einem Studium in der Lage sein, auch vor größeren Mengen von Menschen reden zu können — frei, ohne stammeln und ohne Nervenzusammenbruch, vorher oder nachher.

ethnologik: Würdest du heute immer noch Ethnologie studieren?

W. Habermeyer: Ja, unbedingt. Es ist für mich das interessanteste Fach der Welt.

ethnologik: Warum hast du damals überhaupt angefangen Ethnologie zu studieren?

W. Habermeyer: Das ist eine recht lustige Geschichte, die ich schon vielen Studenten erzählt habe. Nach dem Zivildienst habe ich auf einer Autofahrt von Hamburg auf die Insel Amrum über Freunde einen Typen kennen gelernt, der Ethnologie studierte. Als ich ihn fragte, was das ist, denn ich kannte noch nicht einmal dieses Wort, erklärte er mir, in der Ethnologie respektive in der Völkerkunde lernt man etwas über das Sexualleben anderer Völker! Sauber, das hat mich natürlich sofort interessiert. Ich kam aus einem katholischen Elternhaus, bin in Bayern aufgewachsen und das Thema „Sex“ war damals noch ungeheuer kompliziert. Ich habe mir also gedacht: „Super! Da hole ich mir jetzt meine Informationen, um zu beweisen, dass die Art, wie wir hier leben, total verklemmt, falsch, unsinnlich usw. ist!“ Ich kam aus Hamburg zurück und das Erste was ich gemacht habe, war, mich für Ethnologie einzuschreiben.

ethnologik: Und als du dann gemerkt hast, dass es da auch noch um andere Sachen geht?

W. Habermeyer: Wenn man vor dem Studium eine ganz klare Vorstellung hat, was Ethnologie ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man ist enttäuscht, dass die Realität den Vorstellungen nicht entspricht und bricht das Studium ab. Und die Ethnologie entspricht nie den Vorstellungen, die man sich vor dem Studium macht! Oder man schießt die ursprüngliche Vorstellung samt der eigenen Erwartungshaltung an dieses Fach in den Wind und lässt sich auf das ein, was man in einem Studium wie der Ethnologie wirklich an Neuem lernen kann. Und dann wird man ein glücklicher Ethnologiestudent, eine glückliche Ethnologiestudentin und macht auch einen Abschluss in diesem Fach. Ich selbst habe relativ schnell kapiert, dass es in der Ethnologie um etwas anderes geht als darum, mir Informationen zu beschaffen, mit denen ich das etwas engstirnige, klerikale System in Bayern aus den Angeln heben könnte. Und dieses andere hat mich unglaublich fasziniert, vor allem habe ich gemerkt, dass mich theoretische Fragen in der Ethnologie interessieren, Fragen zur Wissenschaftstheorie, zur Theoriebildung, zur ethnologischen Erkenntnistheorie usw.

ethnologik: Was hältst du davon, dass bei der Bundeswehr Praktika für Ethnologen angeboten werden?

W. Habermeyer: Ich halte natürlich überhaupt nichts davon, weil das mit der vorhin beschriebenen Freiheit der Wissenschaft nicht in Einklang zu bringen ist. Wenn wir Ethnologen in Zukunft weltweit mit dem Militär in Verbindung gebracht werden, dann können wir zusammenpacken, dann können wir den Laden zumachen: Wir werden mit den Menschen in den verschiedenen Kulturen auf der Welt nicht mehr arbeiten können, weil uns dann mit Recht niemand mehr vertraut. Die Befreiung der Ethnologie vom Wesen einer Kolonialwissenschaft war ein wichtiger Schritt, um eine anerkannte Wissenschaft zu werden. Die im wahrsten Sinne des Wortes Indienststellung der Ethnologie auf militärischem Gebiet würde das alles zunichte machen. Denn, warum sollte die Bundeswehr Praktikanten aus der Ethnologie brauchen?

ethnologik: Wann hast du angefangen als Lehrbeauftragter an der Uni zu arbeiten?

W. Habermeyer: Den ersten Lehrauftrag hatte ich 1993, als ich das Stipendium für die Promotion bekommen hatte. 1995, am Ende der Promotion, habe ich dann richtig angefangen und seitdem mache ich das mehr oder weniger jedes Semester — außer ich spiele z.B. mit den Studis Theater. Nach all den Jahren als Lehrbeauftragter muss ich vor allem eine Sache zugeben: Bei jedem Seminar, das ich anbiete, bin ich immer derjenige, der selbst am meisten lernt dabei.

ethnologik: Ist das die Hauptmotivation bei deinen Lehraufträgen, dass du selber etwas dabei lernst und gleichzeitig den Leuten etwas mitgeben kannst?

W. Habermeyer: Ich unterrichte deshalb, weil es mir einfach einen Riesenspaß macht, weil ich selber viel lerne dabei und weil ich schon auch ein gewisses Sendungsbewusstsein oder einen pädagogischen Eros habe und deshalb gerne etwas vermitteln möchte. Mir ist irgendwann jedenfalls dieser etwas a-logische Satz aufgegangen, den ich gerne auch an die Studenten weitergeben würde: Man lernt dadurch, dass man das, was man weiß, anderen vermittelt. Wenn man mal erlebt hat, wie das ist, sich jedes Semester dazu zu zwingen ein auch und gerade für einen selbst interessantes Thema vorzubereiten, dann fehlt es einem, wenn man es nicht mehr macht. Und es würde mir vor allem der Kontakt mit jungen Menschen fehlen. Außerdem juckt es mich immer Themen anzubieten, die nicht so zum Mainstream gehören. Als ich vor drei, vier Jahren über zwei Semester hinweg ein Seminar über das „Kapital“ von Karl Marx gemacht habe, dann habe ich das nicht deswegen gemacht, weil ich mir erhofft hätte, aus Studenten Revolutionäre machen zu können. Nein, so was wäre Unfug und vor allem lässt sich Marx nicht umstandslos auf die heutige Zeit anwenden. Meine Überzeugung lautet vielmehr: Mit Marx alleine geht gar nix, ohne Marx erst recht nicht. Ansonsten bin ich ein in der Wolle gefärbter Republikaner und Demokrat — weil alle anderen Staatsformen noch viel schlechter sind. Aber auch so ein Thema wie „Deutschsprachiges Kabarett unter ethnologischen Gesichtspunkten“ passt nicht wirklich in den Mainstream: Aber das macht mir einfach Spaß und ich kann nach all den Jahren aufgrund von Erfahrung wirklich sagen, dass die Studis auch dabei etwas lernen — vielleicht sogar gerade bei solchen Themen. Zumindest bekomme ich ab und zu Feedback in dieser Richtung und das freut mich natürlich, das ist schön.

ethnologik: Gibt es eine grundsätzliche Botschaft, die du in deinen Seminaren rüberbringen möchtest? Also irgendetwas, was du den Studenten vermitteln möchtest?

W. Habermeyer: Wenn man Botschaften vermitteln möchte, dann sollte man in einer Botschaft arbeiten, also in den diplomatischen Dienst gehen. Nein, im Ernst, heute im Seminar über Armut sind wir z.B. auf das Thema „Selbstbestimmung“ zu sprechen gekommen. Klar, über solche Begriffe gehe ich nicht einfach hinweg, sondern das möchte ich dann doch ein wenig ausdiskutiert haben: Ich halte es nämlich nach wie vor für ein ganz grundlegendes Recht von uns Menschen, sich nicht bevormunden zu lassen. Ja, solche Sachen wie Selbstbestimmung, Solidarität, auch internationale Solidarität usw. sind mir wichtig.

ethnologik: Und im ethnologischen Bereich?

W. Habermeyer: Einfach das, was ich von Hermann Amborn gelernt habe. Es geht in der Ethnologie darum, mit Menschen aus anderen Kulturen einen Dialog auf gleicher Augenhöhe zu führen. Das große Problem ist: Wie geht das? Was muss die Ethnologie als Wissenschaft tun, um das zu erreichen? Und zwar, ohne sich permanent vorzugaukeln, dass man das doch schon lange und überhaupt immer schon erreicht hätte. Ein Dialog auf Augenhöhe ist nämlich etwas durchaus Schwieriges — obwohl das ja eigentlich ein „weißer Schimmel“ ist, denn ein Dialog ohne gleiche Augenhöhe ist kein Dialog sondern was anderes. Vor einigen Jahren habe ich jedenfalls gelernt, dass dazu auch Folgendes gehört. Wir verstehen andere Kulturen nur dann wirklich, wir können nur dann in einen Dialog auf gleicher Augenhöhe eintreten, wenn wir uns selbst verstehen und uns in diesen Dialog auch tatsächlich einbringen: Verstehen tut nur der, der auch selbst vom anderen wirklich verstanden werden will! Das hört sich einfach an, ist aber schon auf zwischenmenschlicher Ebene sauschwer, auf der Ebene der Wissenschaft wird das zu einer argen intellektuellen Herausforderung.

ethnologik: Wir danken dir für das Gespräch.

One Response to “Verwertungsinteressen und ethnologische Erkenntnisse”

  1. Angeln am Rhein Says:

    Mahlzeit
    Geniales Post. Da hat mich Altavista erneut an einen hervorragenden Blog geschickt.
    RSS abonniert
    Viele Grüße aus Weil am Rhein Petri Heil

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