Seyni Cissoko. Senegalesische Musiktradition in München
Text: Jakob Wetzel
Seyni Cissoko ist Musiker. Seit seiner Geburt. Als Sohn einer Musikerfamilie.
1965 im Senegal, Westafrika geboren, lernte er von seinem Vater schon in frühem Alter das Spiel auf der Kora, der westafrikanischen Kalabassen-Harfe. Von seinem Vater, der selbst ein Koraspieler und Griotsänger war, wurde Senyi in Folge seiner Familientradition zum Griot ausgebildet.
Griots sind Sänger, die meist in Begleitung der Kora eine bestimmte Form des Gesanges vortragen. Der Gesang impliziert dabei längere Texte, deren Inhalte große Teile des kulturspezifischen Wissens in oraler Form umfassen. Somit werden die Griots als Bewahrer der Geschichte, der Musik und der oralen Literatur ihrer Tradition angesehen. In traditioneller Form sind die Inhalte der Lieder Erzählungen bedeutender Ereignisse der Stammesgeschichte, beispielsweise von Kriegen oder Heiligen, von Machthabern und Brüderlichkeit. Dabei geht es weniger um die „künstlerische oder leidenschaftliche“ Ausarbeitung eines Liedes, als vielmehr um das Erzählen historischer oder gegenwärtiger Ereignisse durch den Griot. Heutzutage impliziert der Gesang der Griots hingegen auch die Darstellung persönlicher Gefühle wie Liebe und Leidenschaft, wobei der Griot als Musiker die Möglichkeit besitzt, seine Musik künstlerisch auszuarbeiten.
Das Spiel auf der Kora und die Fähigkeiten gesanglicher Textbildung erlernt der Griot vom eigenen Vater. Ebenso können die Lieder der Griots während der Arbeit oder zur Unterhaltung im häuslichen Bereich gesungen werden. Dadurch wird die Musik und ihr Wissen so vor allem im Rahmen der Familie von einer Generation an die Nächste weitergegeben. Durch das Zuhören und Nachsingen, also durch Rezeption und Imitation, internalisieren die jungen Mitglieder der Familie auf diese Weise die grundlegenden Formen und Strukturen der Melodik und Textbildung ihrer musikalischen Tradition. Die Heimat der Griots ist das Siedlungsgebiet der Mandingke- Völker, welches sich über die heutigen westafrikanischen Staaten Mali, Senegal und Gambia erstreckt. Bis heute ist dort die Tradition der Griots anzutreffen.
Seyni Cissoko kommt ursprünglich aus dem Senegal. Seine Familie stammt von der dort äußerst bekannten Griot- Sippe der „Cissoko“ (auch „Sissoko“ geschrieben) ab. In seiner Heimat erlernte auch er das Spiel auf der Kora von seinem Vater und war Mitglied unterschiedlicher Griot- Ensembles, in denen er die Möglichkeit besaß, sich im Spiel auf der Kora und im Gesang weiterzubilden. Ende der 80er Jahre kam er nach Europa. Er folgte einer Einladung nach Paris, wo er mit einer Gruppe afrikanischer Musiker zusammenarbeitete und Konzerte gab. Nach dem Ablauf seines Visums bemühten sich viele Bekannte, vor allem aus der dortigen Musikerszene, um eine Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung. Die afrikanische Musikszene der Weltmetropole erschien dem Kora-spieler jedoch zu überladen. Seyni war in Paris einer von hunderten Griots und Kora-spielern der Stadt. So verließ er Paris und blieb nach Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung zunächst in Konstanz, wo er an der dortigen Universität, zusammen mit örtlichen Musikern, verschiedene musikalische Projekte erarbeiten und verwirklichen konnte. Sein Ziel war es, nach diesen Auftritten nach Afrika zurückzukehren. Bei einem Aufenthalt in München lernte Seyni dann seine Frau kennen. Und Seyni blieb. Seit 17 Jahren lebt er nun mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Süden von München.
Während ein Mitglied bekannter Griot-Familien in Afrika den Stand des Griot-Sängers zu seinem Beruf machen kann, ist es hier in München für den 42-jährigen Senegalesen noch immer schwer, von seiner eigentlichen Berufung und familiären Tradition, der Musik, zu leben. Denn hier gibt es weder einen Gönner oder Machthaber, der einen Griot zur Verbreitung seines Namens oder zur Unterhaltung auf Feierlichkeiten in eine feste Anstellung nehmen würde. Und so arbeitet Seyni mittlerweile nebenbei- in einer deutschen Firma. Doch Griot ist er geblieben.
„Es hat nicht gereicht, nur von der Musik zu leben“, sagt er. Und doch bleibt die Musik seine Berufung. So spielt er auf privaten Veranstaltungen oder gelegentlichen öffentlichen Musikfestivals in ganz Bayern- zur Unterhaltung.
Auch der Vermittlung seiner Musik, seines Wissens und seiner Tradition als Griot kommt Seyni nach. Als Instrumentallehrer gibt er interessierten deutschen Schülern Unterricht im Kora-Spiel; und zwar so, wie er selbst es von seinem Vater gelernt hat – ohne Noten, im traditionellen Stil. Denn Seyni selbst hat das Notenlesen nie gelernt. Im traditionellen Stil des Griot-Gesanges ist dies auch nicht nötig. Seiner Beschreibung zufolge hat er beim Singen eines Liedes eine bestimmte inhaltliche Idee im Kopf, welche im Verlauf seines Vortrages gesanglich ausgearbeitet wird. Denn anders, so meint er, wäre die inhaltliche Fülle eines Griot-Liedes gar nicht memorierbar. Dabei stützt er sich auf eine bewährte Memotechnik, indem er auf textlicher und musikalischer Ebene bestimmte vorgefertigte Strukturen anwendet, die er bereits internalisiert hat. An diesen vorgefertigten und schematisierten Inhalten seiner Musiktradition kann sich der Musiker während der musikalischen Kreation orientieren, und so ist es ihm möglich, sein Lied auf größtenteils improvisierte Weise herauszubilden.
Es geht also um die Darstellung von bewährten und vorgegebenen textlichen und musikalischen Inhalten durch den Musiker im gegenwärtigen Moment der Darstellung des Liedes – ein Spannungsfeld zwischen objektiven Vorgaben aus der musikalischen Tradition der Griot und subjektiver Darstellungsformen durch den Musiker selbst.
Seyni spricht in diesem Zusammenhang von den vielfältigen Möglichkeiten des Koraspiels. Für ihn ist die Kora das „vollkommenste Instrument“, auf dem er verschiedenste Musikstile darstellen und miteinander verbinden kann. Einerseits bewahrt er so die Spielweise und Kenntnisse seiner Tradition und kann diese andererseits mit unterschiedlichen Musikstilen wie Jazz oder klassischer abendländischer Musik kombinieren. Die Kora bietet ihm zufolge alle Möglichkeiten der musikalischen Darstellung. Es liege lediglich am Musiker, an seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, die Fülle der Möglichkeiten seines Instrumentes zu nutzen.
Und Seyni selbst nutzt diese Möglichkeiten. In Solo-Peformances mit Kora und Gesang oder in Kombination mit anderen afrikanischen und europäischen Musikern. Auch verschiedene Auftritte und jahrelange Zusammenarbeit mit einem Münchener Orchester haben ihn als Griot-Musiker geprägt. Im Spiel mit der Kora möchte er sein Wissen aus verschiedenen Musikkulturen vereinen. „Die Kora gehört den Großeltern, den Vorfahren“ meint er, und spielt dabei auf seine Verpflichtung als Griot gegenüber der Tradition seiner Musikkultur und seines Instrumentes an. Denn über die Kora, eines der Hauptinstrumente der senegalesischen Musikkultur, hat er das Wissen seiner Vorfahren vermittelt bekommen.
Aber er möchte auch seinen eigenen Weg gehen. Seinen eigenen Weg als Musiker. Er möchte in seiner Musik die Tradition erweitern, möchte sie weiterentwickeln und mit anderen Musikstilen verbinden.
Alle paar Jahre fliegt er in den Senegal. Dort besucht er seine Familie, seine mittlerweile erwachsenen Kinder aus erster Ehe. Hier lebt auch sein Cousin, der für ihn die Kürbis- Kalabassen mit der dünnen Tierhaut bezieht, die Seyni zur Herstellung neuer Kora-Harfen mit nach Deutschland nimmt – für ihn selbst und für seine Schüler. Zurück in Deutschland gibt Seyni dann weiter Auftritte und Unterricht im Kora-Spiel, um Geld zu verdienen und um das zu tun, zu dem er als Sohn einer Griot-Familie geboren wurde.
„Ich lebe davon. Das ist meine Tradition“, sagt er und folgt seiner Berufung und seinem Herzen- als Griot und als Musiker.
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Der „Arbeitskreis Musikethnologie“ möchte im November einen Auftritt in der LMU organisieren, in dem der senegalesische Musiker einerseits seine Musik darbietet und andererseits verschiedene Aspekte seiner Musiktradition erklärt, sowie von seinen eigenen Erfahrungen als Griot in Afrika und in Europa erzählt. Das Konzert wird frühzeitig an den schwarzen Brettern der Institute für Musikwissenschaften, Musikpädagogik und Ethnologie angekündigt. Der „AK Musikethnologie“ des Instituts für Ethnologie in München und die „Freunde der Musikwissenschaft“ freuen sich über zahlreiche Besucher.


Januar 11th, 2008 at 4:08 pm
Hallo Herr Wetzel,
ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir eine Kontaktadresse oder Telefonnr. von Herrn Cissoko zukommen lassen könnten. Wir würden wg. unseres Sommerfests am 13. Juli gerne Kontakt mit ihm aufnehmen.
Mit freundlichen Grüßen
Claudia Guter
Geschäftsstelle Ausländerbeirat
Tel. 233-21598