„Kampf um Respekt. Eine ethnographische Studie über Sexarbeiterinnen“
Martina Schuster, 2003, Studien und Materialien Band 24, TVV Tübingen
Rezension: Frances Egerer, Sarah Alison Young, Tanja Kubes, Nora Ndrenika, Hannah Schilling, Stephanie von Ehrlich-Treuenstätt
Die Ethnographie „Kampf um Respekt“ von Martina Schuster, ist 2003 im Verlag Tübinger Vereinigung für Volkskunde als Magisterarbeit erschienen. Die Arbeit beruht auf einer 10-wöchigen Feldforschung aus dem Jahre 1999, welche die Autorin im Zuge eines Praktikums bei einem Huren-Selbsthilfeprojekt in Nürnberg durchführte. Sie beschreibt darin Alltagserfahrungen von Sexarbeiterinnen und individuelle sowie kollektive Strategien zu deren Bewältigung. Zwei zentrale Forschungsfragen führen den Leser durch die Ethnographie und bilden das Gerüst der Argumentation:
1.Inwieweit sind die Handlungsspielräume durch gesellschaftliche Bedingungen bestimmt?
2.Welche Strategien haben Sexarbeiterinnen entwickelt, um sich trotz der gesellschaftlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung Freiräume zu schaffen?[1]
Im Huren-Selbsthilfeprojekt „Kassandra“ engagieren sich Prostituierte für ihre politische, rechtliche und soziale Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Das Werk Schusters beschreibt detailliert die Lebenswelt und Handlungsspielräume von Sexarbeiterinnen. Einstieg, Ausstieg und Wiedereinstieg in den Beruf Prostitution und die Notwendigkeit eines Doppellebens werden beleuchtet. Die Forscherin thematisiert den praktischen Berufsalltag, das Verhältnis zum Kunden und die Professionalität. Die ungleiche rechtliche Stellung in der Gesellschaft wird anhand von Beispielen anschaulich gemacht und es wird belegt, dass in Deutschland Gewalt gegen Prostituierte juristisch als „minderschwerer Fall“[2] bewertet wird. Im letzten Kapitel formuliert die Autorin ihre Hauptthese: Sexarbeit kann unter den derzeit üblichen Arbeitsbedingungen zum Burnout führen[3]. Das Syndrom Burnout wird als „Erschöpfung in Folge von Überanstrengung der eigenen Kräfte, Energie und Ressourcen“[4] beschrieben. Einleitend werden die sozialpsychologischen Forschungen zum Thema vorgestellt. Anschließend erklärt Schuster, weshalb die Sexarbeit ein erhöhtes Risiko birgt, am Burnout zu erkranken. Die Ursachen hierfür sind besondere Belastungsmomente wie Ohnmachtsgefühle, Konkurrenz, Verlust der Intimsphäre, Gewalterfahrung, institutionalisierte Diskriminierung und sozialgesellschaftliche Stigmatisierung. Anschaulich wird das Syndrom durch die einträglich erklärten und mit Beispielen unterfütterten Begriffe „Depersonalisation“[5] und „Dehumanisierung“[6].
Um Lebensbedingungen und Deutungsmuster von Sexarbeiterinnen in ihrer Tiefe erfassen zu können, arbeitet Schuster mit einem kulturwissenschaftlichen Ansatz. Sie wählt die Ethnographie als subjekt- und lebensweltlich bezogenen Forschungsansatz und orientiert sich an der von Barney Glaser und Anselm Strauss in Chicago entwickelten Methode der Grounded Theory [7]. Diese verwendet die Forscherin in ihrer Arbeit um qualitative Daten zu ordnen. Sie verzichtet bewusst auf eine Hypothesenbildung im Vorfeld und entwickelt diese erst im Feld. Ihre Datensammlung erfolgt durch teilnehmende Beobachtung und basiert auf neun narrativen Interviews, sowie der Auswertung von Fragebögen zu Gewalterfahrung. Die im Laufe der Feldforschung entwickelte These überprüft sie durch eine zweite, eintägige Feldphase im Esslinger Gesundheitsamt. Eine Konsequenz ihres methodischen Vorgehens ist die Kategoriebildung, wobei Daten ständig einer komparativen Analyse unterzogen werden, um sie schließlich auszuwerten und zu kodieren. Diese Kategorien stellen die Grundlage ihrer Interpretation und zugleich die Themenkomplexe ihres Werkes dar: methodisches Vorgehen, rechtliche, soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Lebenswelt und Handlungsspielräume von Sexarbeiterinnen sowie die Diagnose Burnout.
Schusters Werk lehnt an Studien von Girtler[8], Hoigard/Finstad[9] und Giesen/Schuhmann[10] an, die sie diskutiert und durch neue Perspektiven ergänzt. Sie führt zwei feministische Ansätze an, deren Ausgangspunkt die Stellung der Frau im Patriarchat ist. Die Perspektive nach Giesen/Schuhmann sieht Prostitution als Emanzipation an, während der entgegengesetzte Standpunkt der Studie von Hoigard/Finstad Prostitution als Ergebnis der Unterdrückung der Frau darstellt. Des Weiteren dient der Autorin eine Studie des Wiener Prostitutionsmillieus von Girtler, welche besonders auf das Verhältnis zwischen der Prostituierten und dem Zuhälter eingeht.
Neu in der Fachsdiskussion über Sexarbeiterinnen ist der Aspekt der Selbstbestimmung der Prostituierten, welche ohne äußeren Zwang ihren Beruf ausübt. Schuster sieht Prostituierte als „[…] Akteurinnen, die ihre Situation auf subjektive und kollektive Weise deuten, die Entscheidungen treffen und Kompetenzen erworben haben, um mit ihrer gesellschaftlichen Stigmatisierung zurecht zu kommen.“[11] Sexarbeiterinnen werden nicht mehr als hilflose Opfer ihres Schicksals, sondern erstmals als selbstständige „Geschäftsfrauen“[12] dargestellt. Ihr Beruf wird mit anderen Dienstleistungsberufen gleichgesetzt, und bringt somit auch die gleichen Begleiterscheinungen und Berufsrisiken - wie beispielsweise Burnout - mit sich.
Eine klassische Hürde der Feldforschung in der eigenen Gesellschaft ist die fehlende Distanz zum Forschungsgegenstand und das Innehaben einer politischen Meinung. Diese Problematik ist auch in Schusters Arbeit zu beobachten. Zudem wird durch ihre aktive Mitarbeit bei „Kassandra“ die nötige Objektivität nicht gewahrt. Es scheint vielmehr, dass die Autorin von den Einzelschicksalen der Frauen persönlich berührt und ihre eingangs feministische Position durch die Arbeit noch verstärkt wurde. Da die Frauen auf ihrer Selbstkonzeption als feministische, emanzipierte „Geschäftsfrauen“[13] bestehen[14], geben sie nur selektive Information an die Forscherin weiter. Obwohl Schuster teils an Aussagen ihrer Interviewpartnerinnen zweifelt oder sie für unvollständig hält, werden diese Bedenken weder weiter ausgearbeitet noch in ihre Thesenfindung miteinbezogen. Anhand einer Netzwerkanalyse hätte dies vermieden werden können. Die negativen Effekte des Milieualltags, Zuhälterei und Drogenkonsum werden nur marginal behandelt. Beispielsweise werden Zuhälter als „Manager“[15] und Life-Coach für Make-up, Frisur und Outfit[16] dargestellt. Gewalt, emotionale und finanzielle Abhängigkeit sowie Unterdrückung werden hingegen in Relation dazu vernachlässigt.
Der klar strukturierte Aufbau der Studie und die Offenlegung der Methode sind positiv hervorzuheben. Schuster führt den Leser anhand ihrer Fragestellung durch das gesamte Werk und es gelingt ihr, die These verständlich und schlüssig darzulegen. Die Autorin beantwortet ihre Fragestellungen. Interessante und bisher unbeachtete Forschungsfelder werden angesprochen und neue Perspektiven eröffnet, wie etwa die sozialpsychologische Erforschung von berufsbedingten psychischen Erkrankungen von Sexarbeiterinnen.
Für den Leser ist es schwierig, bei dem brisanten Thema Prostitution die mikroperspektivischen Aussagen nicht zu verallgemeinern und auf weitere Teile des Milieus zu übertragen. Die Repräsentativität der Studie kann und darf daher nur auf das Prostituierten-Projekt Kassandra in Nürnberg begrenzt gesehen werden. Wünschenswert wäre ein Abschlusskapitel über mögliche weitere Forschungsfelder gewesen, die direkt an die Arbeit anknüpfen. Dazu könnten Untersuchungen mit Prostituierten aus verschiedenen sozialen Schichten oder auch die Situation ausländischer Prostituierter gehören. Selbst-Hilfeprojekte in anderen Städten würden sich als Vergleichstudien anbieten. Interessant wäre auch zu verfolgen, wie sich die rechtliche Situation und die soziale Akzeptanz von Sexarbeiterinnen in Zukunft verändern.
[1] Schuster, Martina, „Kampf um Respekt – eine ethnografische Studie über Sexarbeiterinnen“, 2003, TVV Tübingen, S. 10.
[2] idem S.95
[3] idem S. 22, S. 117
[4] idem S.103
[5] idem S.105
[6] idem S.105
[7] idem S.23, Grounded Theory, zu Deutsch: ´Gegenstandsnahe Theoriebildung´.
[8] Girtler, Roland, 1994, „Der Strich. Die Erotik der Straße“, Wien (erweiterte Neuauflage).
[9] Hoigard, Cecilie/Finstad, Liv, 1987, „Seitenstraßen. Geld, Macht und Liebe oder der Mythos von der Prostitution“, Hamburg.
[10] Giessen, Rose-Marie/Schuhmann, Gunda, 1980, „An der Front des Patriarchats. Bericht vom langen Marsch durch das Prostitutionsmilieu“, Bensheim.
[11] Schuster, 2003, S. 23
[12] idem S.114
[13] idem S.114
[14] idem S.79
[15] idem S. 74, 76
[16] idem S.74


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