… schauen aus schwarzen Löchern irgendwohin, in die Ferne. Sie leben. Ein eigentümliches, beunruhigendes Leben, scheinbar nicht von dieser Welt und aus einer fernen, fremden Zeit. Ich betrachte sie so konzentriert und exakt wie möglich. Die eine Maske, gleichsam versteckt in der Ecke hinter der Theke: Schräg gestellte, überproportional lange Augenschlitze, ein aufgerissener Mund, mit Zähnen bewehrt, gerahmt von dickwulstigen Lippen. Hellbeige Barthaare, unwirklich eckig, fallen bis zu den Mundwinkeln. Sie sind das einzig Helle. Das Holz, fast so schwarz wie das Innere der Augenschlitze, ist mit festen, groben Schlägen in eckige Formen gehauen. Eine Aura konzentrierten Schreckens umgibt das Kunstwerk.
„Munchs Schrei“. Den Gedanken muss ich unwillkürlich laut gesprochen haben. Lächelnd dreht sich die Besitzerin des kleinen Ladens zu mir um. „Faszinierend, das Stück, nicht wahr? Sie ist etwas ganz Besonderes.“ Die Frau ist wohl Anfang 50, ihre Bewegungen sind flink und freundliche Lachfältchen sitzen in der Ecke ihrer blauen Augen. Etwas beschämt erledige ich meine ethnologische Pflicht: „Aus welchem Land stammt die Maske?“ „Schauen sie sich erstmal im Laden um, wir können uns dann später unterhalten.“ Nun gut, das war wohl die falsche Frage.
Links von der Eingangstür stehen etwa 10 geschnitzte Holzstatuen, daneben eine Reihe kleinerer, fein gearbeiteter Specksteinfigürchen, etwa faustgroß. Sie alle haben ein gemeinsames Motiv. Ineinander verschmolzene Körper oder Gesichter. Ein Figürchen fällt besonders auf: Zwei stilisierte Menschen verschmelzen im Tanz an Armen und Beinen, so dass die Körper einen perfekten Kreis bilden. Die Köpfe sind kugelrund und gesichtslos. Ich meine zu verstehen: Ein Menschenpaar besteht aus 2, ist dennoch 1, doch bleibt und ist es 2. Anschaulich ist die philosophische Theorie der Dialektik dargestellt: Der Gegenpol der These ist die Antithese, doch folgt aus beiden etwas völlig Neues; die Synthese. Oder, ethnologisch relevant: Struktur ist mehr als die Summe ihrer Teile.
Langsam gehe ich zu den größeren Holzfiguren. Auf einem der Schilder steht folgendes: „Blasebalg. Mit offensichtlich sexuellen Motiven.“ Eine ellenlange, glattpolierte Stange ragt in die Höhe. Auf halber Länge sind zwei tellergroße, nun luftleere Säcke befestigt. Offensichtlich!
Die Art der Statue neben dem Blasebalg ist in verschiedenen Gegenden Afrikas zu finden: Ein fast hüfthoher, schmal gehungerter Mensch aus verbranntem Holz. Arme, Torso und Beine bilden ein in der Länge stark gestrecktes Oval, die Beine sind im Kniegelenk nach außen gewinkelt. Der Kopf ist ebenfalls gestreckt, das Kinn spitz. „Sie dürfen die Statue ruhig in die Hand nehmen.“ Nach einer Pause fügt sie bedeutungsschwer hinzu: „Afrikanische Kunst ist meist sehr robust.“ Vorsichtig hebe ich die Figur auf Augenhöhe. Sie ist schwer, als wäre sie aus Metall.
Ich schließe die Augen und lasse meine Fingerspitzen über die Oberfläche tasten. Sie ist rauh wie leicht verwitterter Stein und verströmt eine warme Kühle wie gerade erwärmter Sand. Die Form ist vertraut und fremd zugleich. Zweifellos ein Mensch; ebenso aber Ast; ebenso Form; künstlich und doch natürlich gewachsen.
Vorsichtig stelle ich die Statue an ihren Platz zurück und gehe zur Theke. „Nun“, frage ich „welches Stück gefällt ihnen am besten?“ Die Frau überlegt lange. Unschlüssig geht sie durch den Raum, betrachtet sorgfältig, wendet sich hin- und hergerissen von einem Objekt zum anderen. „Schwer zu sagen. Der Blasebalg gefällt mir.“ Sie lacht, irgendwie anzüglich. Schließlich geht sie zurück zur Theke und zeigt auf die tiefschwarze Maske, die einen so sehr an Munchs „Schrei“ erinnert. Wieder überlegt sie lange. „Ich finde, diese hier hat eine ganz besonders starke Aura.“ Ich schlucke. Ja.
„Meinen sie, dass sich hier die harte afrikanische Wirklichkeit widerspiegelt? Hohe Kriminalität, schlechte wirtschaftliche Verhältnisse, Leid durch Hunger?“
„Nein, ganz und gar nicht.“ Energisch schüttelt sie den Kopf.
„Aber, ist denn nicht Kunst immer ein Spiegel der sozialen Realitäten?“
„Wie kommen sie denn darauf? In dieser Maske lässt doch nichts auf soziale Realitäten oder wirtschaftliche Verhältnisse schließen! Für mich hat sie einen rein menschlichen Ausdruck, aber jeder sieht etwas Anderes darin. Man fühlt sich an etwas erinnert.“ Irgendwie bin ich ernüchtert.
„Vielleicht ist es auch nur ein westliches Vorurteil, dass Werke aus anderen Ländern zwangsläufig das darstellen, was sie von uns unterscheidet.“
„Waren sie denn schon einmal in Afrika?“
„Nein, noch nie.“ Sie setzt zu einer längeren Erzählung an.
„Eine Freundin von mir hat mal ein Jahr auf einer Farm in Nigeria gelebt. Sie kam ganz verändert zurück. Man erlebt so viel Gastfreundschaft, jeder hilft dem Anderen wo er es vermag. Es ist Demut, was sie in Afrika erlebt hat. Respekt und Demut vor dem menschlichen Leben.“
Hinter mir fällt die Tür mit einem leisen Knacken ins Schloss. „Afrika“ ist einen Schritt näher an mich heran gerückt.

One Response to “Die Masken …”

  1. Nestor Fetherolf Says:

    hoping all the best for bret michaels and his daughter. Get well soon bret!

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