Interview und Text: Andreas Höll und Falko Zemmrich
ethnologik: Erläutere unseren Lesern doch in groben Zügen das MASN und deine Aufgaben dort.
Benjamin Hirschfeld: Das MASN ist eine Vernetzungsinitiative von Ethnologiestudenten. MASN steht für Moving Anthropology Student Network, Moving, weil das Netzwerk immer in Bewegung bleiben und nicht einrosten sollte. Zudem finden die Konferenzen, welche die Mitglieder des MASN organisieren, immer an anderen Orten bzw. in anderen Ländern statt. Ziel der Vernetzung ist es, die Kommunikation unter Ethnologiestudenten voranzutreiben und einen internationalen Austausch an Wissen, Informationen und Ideen zu fördern. Dabei sollen gemeinsame (Feld-)Forschungen geplant und Berufsperspektiven aufgezeigt werden. Durch die Konferenzen, die jedes Mal von Studierenden verschiedener Institute organisiert werden, kann man zu dem das Vorstellen und Diskutieren seiner Arbeiten vor einem internationalen Publikum üben. Außerdem erlernen die Organisatoren „praxisnah“ die Techniken der Fördermittelbeantragung und Ausrichtung einer großen Tagung.
ethnologik: Wie und wann hast du eigentlich das erste Mal vom MASN gehört?
Benjamin: Vom MASN bzw. von der Idee, ein europäisches Ethnologienetzwerk zu entwickeln, habe ich zum ersten Mal im Dezember 2004 gehört. Ein Freund von mir, Clemens Sayer, hatte damals eine Email von einem Wiener Ethnologiestudenten erhalten, der uns einlud, bei der Gründung bzw. Entwicklung eines solchen Netzwerks mitzuarbeiten. Clemens und ich hatten an Pfingsten desselben Jahres gemeinsam mit einigen Freunden das seit langer Zeit erste „deutschsprachige“ Symposium organisiert, mit dem Ziel, andere deutschsprachige Ethnologie-Studenten kennen zu lernen und sich mit ihnen über aktuelle Probleme und Herausforderungen sowohl innerhalb der Lehre und dem Fach als solchen, wie auch im universitären Kontext (z.B. BA/MA-Neuregelungen) auszutauschen. Die Frage nach einem internationalen, d.h. in diesem Fall über die deutschen Sprachgrenzen hinaus organisierten Netzwerk lag schon bei diesem Symposium auf der Hand, doch erst die Initiative der Österreicher hat das Ding ins Rollen gebracht.
ethnologik: Hängt das MASN dann sozusagen mit den Ethnologiesymposien zusammen, bei denen sich Ethnologiestudenten aus dem deutschsprachigen Raum, wie bspw. das letzte Mal in Göttingen, treffen?
Benjamin: Gewissermaßen. Die Idee ist die gleiche, die deutschen „Vertreter“ des Gründungstreffens stammen aus diesem Kontext und haben bei dem Gründungstreffen im Februar 2005 in Wien den anderen Teilnehmern dieses Meetings die aus diesem ersten Symposium erwachsenen Ideen vorgestellt. Die anderen Studierenden dieses Treffens kamen übrigens aus Österreich, Slowenien, Polen, Spanien und Serbien. Diese hatten jeweils eigene Ideen aus vorangegangenen regionalen Treffen und Konferenzen mitgebracht, die Größe und Ausrichtung des MASN (der Name kam auf diesem Treffen zustande), wurde lange und hitzig debattiert.
ethnologik: Ist das Ethnologiesymposium im Gegensatz zum MASN also auf den deutschsprachigen Raum beschränkt?
Benjamin: Ja, bisher ist das Ethnologiesymposium auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. (Auch gab es beim Symposium immer wieder Ansätze, auch außerhalb des jährlichen Treffens den Kontakt zueinander aufrecht zu halten, beispielsweise über eine Website, doch dies ist bisher nicht geschehen). Das MASN unterscheidet sich außerdem noch in einigen weiteren Punkten, vor allem was die Konferenzen angeht. Diese sind in der Regel 4 Tage lang und teilen sich in mehrere Ober(Tages-)themen auf. Die eingereichten papers werden von einer internationalen Jury ausgesucht, bei der jeder mitmachen kann. Die Konferenzen fanden bisher in Hotels statt, mit dem Ziel, alle Teilnehmer beieinander zu halten. Beim Symposium schlafen die Studierenden entweder in Turnhallen oder bei Freunden, was zwar den Vorteil des günstigen Wohnens und vereinfachten Ausrichtens hat, doch dafür läuft man Gefahr, sich in Pausen oder abends nach dem Symposium zu trennen.
ethnologik: Wie funktioniert eigtl. die Arbeitsteilung, Organisation und Abstimmung zwischen den Mitgliedern des Netwerkes? Was sind die Kommunikationsmittel, die ihr hauptsächlich benutzt? Gibt es eine Führungsriege, welche die Entscheidungen trifft oder seid ihr eher dezentral organisiert?
Benjamin: Das Netzwerk ist basisdemokratisch organisiert, es gibt weder Kopf noch Autoritäten. Wir wollen schließlich das gebündelte Wissen der Studenten zusammenbringen und es jedem zur Verfügung stellen. Als beste Methode erschien uns die zweigeteilte Struktur: erstens das Internet als eine Plattform, über die alle Studierenden tagtäglich miteinander Kontakt halten können, beispielsweise über unsere hierfür entwickelte Website www.movinganthropology.org und unsere Newsgroup movinganthropology@yahoogroups.com, und zweitens über jährliche Konferenzen, bei denen sich zwischen 60-100 Studierende aus verschiedenen Ländern treffen und austauschen. Natürlich fallen Aufgaben an, es gibt also Leute, die „mehr“ für die Aufrechterhaltung des Netzwerks machen. Diese haben jedoch ideellerweise keine zusätzlichen Rechte innerhalb des Netzwerks. Es sollte in jedem Land Kontaktpersonen geben, die Informationen über das Netzwerk weitergeben. Diese national coordinators lesen also regelmäßig ihre Mails, besuchen die Konferenzen oder zumindest die letzte Konferenz und stehen so für Fragen als Ansprechpartner zur Verfügung.
ethnologik: Vom 4.-7. November findet in Blaubeuren die 4. MASN Konferenz statt. Was erwartet einen Ethnologiestudenten dort, wie läuft so ein Treffen ab?
Benjamin: Das Oberthema der Konferenz lautet: Exploring Anthropology
- Perspectives on Interactions, Changes & Challenges. Wir erwarten zwischen 80-100 Gäste aus dem In- und Ausland die zu den Themen: Anthropology of Migration, Anthropology of Media, Anthropology of the Senses und Anthropology of Crisis/ in Crisis Situations, ihre Vorträge, Roundtable Discussions und Workshops, sowie
abends Filme und Photoausstellungen präsentieren. Wir werden versuchen, den Aufenthalt im „Heinrich-Fabri-Haus“, einem der Universität Tübingen angeschlossenen Tagungsgebäude, möglichst günstig und zugleich spannend zu gestalten. Neben dem Diskutieren und Hören von Vorträgen hoffen wir, wie auch auf den letzten Treffen, den teils weit angereisten Studenten Raum und Zeit zu bieten, um neue Freundschaften und Kontakte zu schließen, die sie nach den Treffen bestätigen oder reaktivieren können. So weiß ich nicht nur über eigene Erfahrungen von Studenten, die sich immer wieder über das Internet treffen, gegenseitig in ihren Heimatländern besuchen, und auf wissenschaftlicher Ebene gegenseitig bei Problemen und Ideen helfen oder ergänzen.
ethnologik: Welche Erfahrungen hast du mit den letzten drei MASN Konferenzen gemacht? Welche positiven und negativen Erfahrungen hast du, haben die Teilnehmer gesammelt?
Benjamin: Alles in allem habe ich und ich glaube, ich spreche für die meisten anderen, auf den Treffen ausschließlich positive Erfahrungen gemacht, ein gutes Feedback bekommen und mein Interesse für unser Fach um ein vielfaches erweitert und gestärkt. Wenn ihr Lust habt zu kommen, dann schreibt eine „Reservierung“ an die Adresse: application-germany@freenet.de.
ethnologik: Die Homepage und alle Infos sind in Englisch geschrieben, ist dies auch die lingua franca der Treffen, mit der sich die Teilnehmer verständigen? Gab es sprachliche Probleme?
Benjamin: Englisch war unsere Kommunikationssprache auf unserem ersten Treffen in Wien im Februar 2005 und wir haben uns gefragt, was wir machen wenn Leute ohne gute Englischkenntnisse etwas vorstellen wollen. Aber als Ethnologen mit zumeist guten Englischkenntnissen und oft auch weiteren Sprachen im Petto dachten wir, dass wir im Notfall einfach selbst als Dolmetscher einspringen. Es kommt zwar immer wieder zu leichten Kommunikationsschwierigkeiten, doch die Atmosphäre ist doch generell so familiär, dass es niemals ein Problem war, den Vortragenden zu bitten, langsamer zu sprechen oder etwas zu wiederholen. Manchmal hat das zu lustigen Situationen geführt, beispielsweise als beim letzten Treffen in Polen der halbe Tisch bei einem Workshop dem Leiter bei der Formulierung seines Berichts geholfen hat. Und genau darum geht es ja auch: sich gegenseitig helfen, ob auf sprachlicher oder inhaltlicher Ebene, finanziell oder bei technischen Fragen. Deshalb wollten wir eine Art vertrautes Netzwerk aufbauen, bei dem junge Menschen bis zum Doktorgrad ohne Hemmungen oder Vorurteile in unserem doch oft komplexen Fach gemeinsam in Aktion treten.
ethnologik: Du hast vorher geschrieben, dass beim Treffen 2005 in Wien Ethnologiestudenten aus Österreich, Slowenien, Polen, Spanien und Serbien dabei waren. Sind es mittlerweile schon Teilnehmer aus mehreren Ländern geworden?
Benjamin: Wir müssen unterscheiden zwischen der Website und der Newsgroup, auf der inzwischen um die 1000 Studierende aus über 60 verschiedenen Ländern mit einem eigenen profile angemeldet sind, und den drei bisherigen Konferenzen in Österreich, Kroatien und Polen, bei denen inzwischen ca. 250 verschiedene Studierende aus zumeist europäischen Ländern vertreten waren. Spontan fallen mir ca. 16-17 dieser europäischen Länder ein, von Portugal bis Russland, von Norwegen bis Malta. Das war auch zu Anfang unser Ziel, ein Netzwerk auf europäischer Ebene. Doch über die Website hat sich die Menge der Interessierten auch vergrößert, und jeder ist willkommen, das MASN auszubauen. Eine Herausforderung ist hierbei natürlich die Kostenfrage bei der Anreise und Aufenthalt (Visa/ Reisekosten). Ausnahme waren hier auf den Konferenzen einige Austauschstudenten und Doktoranden von weither, beispielsweise aus Pakistan oder den USA. Über Sponsoren versuchen wir die Kosten des Aufenthalts geringer zu gestalten. Die deutsche Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) und der Unibund der Universität Tübingen haben uns beispielsweise schon Gelder zugesagt, bei einigen angeschriebenen Ministerien und Stiftungen steht uns eine Antwort noch aus. Einige internationale Ethnologievereinigungen haben wir auch schon angeschrieben, doch leider haben die meisten von ihnen ebenfalls kaum finanzielle Ressourcen. Auch über Sachspenden freuen wir uns, von Schreibmaterial über Getränke (z.B. Kaffee von GePa und Bier von Alpirsbacher und Berg). So können wir den Angereisten, wenn schon nicht gänzlich, doch zumindest teilweise die Aufenthaltskosten reduzieren. Und, was uns ganz besonders freut: Auch einzelne Fachschaften unterstützen uns!
ethnologik: Welche Pläne für die Zukunft habt ihr mit euren Konferenzen? In welche Richtung sollten sich, deiner Meinung nach, die Treffen entwickeln?
Benjamin: Ich denke, die Konferenzen, die nunmehr auf Grund der höheren Nachfrage halbjährlich stattfinden, werden so oder in ähnlicher Form weiterlaufen. „Alte“ steigen mit zunehmender (Doktor-)Arbeit aus oder treten zumindest in den Hintergrund, „Neue“ dafür ein. Die Nachfrage ist groß. Sicherlich rückt mit immer flexibleren und günstigeren Reisemöglichkeiten die Möglichkeit näher, auch außerhalb des europäischen Kontinents solche internationalen Treffen zu organisieren. Ansätze und Freiwillige zur Ausrichtung dieser haben sich zumindest schon inoffiziell gezeigt. Wir in Deutschland haben einen gemeinnützigen Verein gegründet („MASN-Germany“), der langfristig eigene Projekte wie beispielsweise Ausstellungen oder eigene Workshops von Anthropologiestudenten fördern soll. Die österreichischen Initiatoren haben ihre Erfahrungen und ihr Hobby zum Beruf gemacht und sich als Arbeitsgruppe, die Workshops und Schulungen anbietet, sowie Konferenzen organisiert neu gegründet („Moving Anthropology Social Network-Austria“). Mehr hierzu auf www.masn-austria.org.


Mai 17th, 2010 at 7:18 pm
Abgefahren!!! Wirklich ein cooler Artikel. Freue mich immer was neues von dir zu lesen!