Fragen: Gabriela Garrido
Text: Alexander Knorr
ethnologik: Warum hast du dich dafür entschieden Ethnologie zu studieren? Hattest du vorher schon eine Vorstellung davon, was Ethnologie ist?
A. Knorr: In meinen Seminaren und darüber hinaus predige ich immer wieder, und mit wachsender Begeisterung, die Auffassung, dass der ethnologische Feldforscher bis zu einem gewissen Grad seine eigene Persönlichkeit zur Disposition stellt. Das gilt auch hier, fürchte ich, da ich davon ausgehe, dass eine ehrliche Antwort erwartet wird. So kann ich nicht anders, als eine längere Geschichte zu erzählen, autobiographisch und persönlich — confession time. Vergangenes Jahr, nach ein paar Gläsern — oder Flaschen? — Wein, meinte Kurt Beck, an die Studenten denkend, zu mir: „Wenn die wüssten, was wir für Leute sind.“ Are you ready? Are you hangin’ on the edge of your seat? All right, then let’s hit it … here we go:
Wahrscheinlich liegt alles daran, dass ich in meiner Kindheit und Jugend zu viele Comics gelesen und zu viele Spielfilme gesehen habe. Und daran, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die über Reisen und Expeditionen schon lange mit Afrika, dem arabischen Raum und Asien zu tun hatte. In meinem Elternhaus bin ich mit einer umfangreichen Bibliothek groß geworden, die auch viel Ethnologisches enthielt und vor allem die Werke „großer Entdecker“ wie Captain Sir Richard Francis Burton, Sven von Hedin oder Sir Aurel Stein. Mit 16 war ich zum ersten Mal in Indien, und von da an regelmäßig jedes Jahr mehrere Monate in Asien. Dort konnte ich an ein persönliches Netzwerk andocken, das schon vor mir aufgebaut worden war und bekam dadurch, zumindest in meinem Selbstverständnis, einen anderen Zugang als der „reguläre traveller”. Eine gewisse, sehr eklektische, Kenntnis der „klassischen“ Literatur und Erfahrungen jenseits des backpacker-Kanons führten aber nicht auf den direkten Pfad zur Ethnologie. Vielmehr fusionierte all das mit Themen, Ideen und Vorstellungen aus Comics und Spielfilmen. Gegenwart und Historie von Pakistan, China, Tibet, Nepal, Indien, Karakorum und Himalaja — prima. Das, was „die Alten“ getan, erlebt und geschrieben haben — prima. Das, was sich in meinen eigenen „asiatischen Tage-, Notiz- und Skizzenbüchern“ findet — hervorragend. Jetzt galt es nur noch, eine „Karriere“ zu konstruieren, die es erlaubte, alles auszuleben: Comiczeichner werden. Was sonst?
Das erste Jahr nach der Schule verbrachte ich als Illustrator und Graphikdesigner in einem Werbeatelier, soweit ich nicht in Europa und Asien unterwegs war. Dieses Jahr brachte mich zwar dem tatsächlichen Beruf des Comiczeichners näher, aber entfernte mich von den Geschichten und Charakteren in Comics und Spielfilmen, fesselte mich an den Zeichentisch.
Zusammen mit einem Freund, einem Berufs-Backgammonspieler, war ich schon zwei oder drei Wochen in Frankreich unterwegs und musste langsam wieder zurück an den Arbeitsplatz. Aus einem Hotelzimmer in der Nähe des Place de l’Opéra habe ich meinen damaligen Chef angerufen, um ihm zu sagen, ich würde erst eine Woche später kommen. Seine Frau war am Telefon, so setzte ich es ihr auseinander. Irgendwann fragte sie: „Wo sind Sie denn eigentlich?“ Auf meine Antwort „Jetzt gerade? In Paris,“ sagte sie nur „Echt? Toll!“ Eine Woche später kam ich zurück, kündigte und fuhr via Pakistan und China nach West-Tibet, nach Shangri-La.
Wieder zurück vom verbotenen Hochplateau holte mich der Staat ein. Die reine Wehrpflicht war für mich keine Option — wenn schon, dann richtig. Erst mal zwei Jahre, natürlich bei einer so genannten „Spezialeinheit“. Nach Mitternacht mit dem Fallschirm aus Flächenflugzeugen oder Hubschraubern springen, um dann sinnlos mit einem riesigen Rucksack, Nachtsichtgerät vor das Gesicht geschnallt und mit dem Gewehr in der Hand, stolpernd durch den finsteren Wald zu irren. Comics! Spielfilme! Und das alles live! Klingt naiv? Ist es auch. Bodenlos. Bei der Vorbereitung des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr (Somalia) war ich noch beteiligt, aber zu meinem „Einsatz“ kam es nicht mehr, meine Dienstzeit ging kurz davor zu Ende. Aufgrund der eigenartigen Einheit, bei der wir waren, haben aber meine Freunde, die länger blieben, „alles mitgemacht“: Somalia, Bosnien, Kosovo und Afghanistan. Alles andere als auch nur im Entferntesten romantisch. Hätte ich das, was Richard Burton im 19. Jahrhundert geschrieben hatte — er kam als Offizier der East India Company nach Asien — nicht nur gelesen, sondern auch verstanden, wäre mir das schon früher klar bewusst geworden. Anscheinend hatte ich nach zwei Jahren aber doch irgendetwas begriffen, denn ich wollte nicht mehr Offizier, nicht mehr Soldat sein. Der bevorstehende Somalia-Einsatz war nicht der Grund. Im Gegenteil. Aus meiner damaligen Perspektive war das in meiner Rechnung ein Argument auf der Pro-Seite. Nein, es war das Militär an sich, die Art zu leben, die Funktion, die man auszuüben hat, die Zustände, und der Herr, dem man schlussendlich dient. Damit meine ich nicht die Bundesrepublik, sondern den Endzweck, andere Menschen in Fetzen zu reißen. Alle meine Freunde aus dieser Zeit, ganz gleich ob mittlerweile auch Ehemalige, oder noch im Dienst, teilen exakt die gleichen Ansichten. Die heuer veröffentlichte, von der Universität Passau groß angelegte Studie über die Bundeswehr bestätigt uns. Und hätten die Verantwortlichen des gegenwärtig laufenden Einsatzes der NATO in Afghanistan gelesen, was Richard Burton geschrieben hat…
Abschied vom Militärdienst. And the comics in my mind kicked in again, or still… nächster Plan: Luftfahrzeugführer in Erprobung und Entwicklung, landläufig Testpilot. Während meines ersten Urlaubs vom Militär hatte ich das verdiente Geld bereits in eine erste Pilotenlizenz investiert (PPL-A), und auf meine Bewerbung hin hat mir die Luftwaffe entsprechende Verträge angeboten. Doch das wäre wieder der gleiche Herr gewesen. Außerdem, hey — Berufsoffizier bis zum 42. Lebensjahr. Seid ihr verrückt? Und schließlich war Neil Armstrong nicht nur Zivilist und Testpilot, sondern auch Ingenieur. „Der Stoff aus dem die Helden sind.“ Erst mal wieder nach Indien, dann aus dem Transhimalaja direkt an die TU München, Luft- und Raumfahrttechnik studieren, nebenher so viel fliegen wie möglich. Das Problem, dass ich mit der Fliegerei habe, ist, dass man zwar unmittelbar, speziell als Ingenieur-Luftfahrzeugführer, mit der komplexesten Technik zu tun hat, welche die Menschheit ersonnen hat, aber im Wesentlichen nichts mehr mit Menschen. Und auch nichts mehr mit Asien. Ich wurde nie Testpilot.
In München war ich schon mal, eine Neuorientierung war zwingend geworden, etwas zu finden, was mir endlich erlaubte, den Wust an Assoziationen und Bildern in mir auszuleben. Eine kurzzeitige Retro-Verwirrung führte mich fast an die Kunstakademie, doch dann fand ich Ethnologie als Studienfach.
Um endlich die Fragen zu beantworten: Diese ganze Geschichte gipfelte in der Entscheidung, Ethnologie zu studieren. Und ja, ich hatte eine Vorstellung davon, was Ethnologie ist, aber hier gilt nach wie vor, was ich vor Jahren in einem anderen Interview mit der Ethnologik sinngemäß sagte: Vom ersten Tag an wurden meine Erwartungen übertroffen, und von Woche zu Woche gefällt mir Ethnologie als Wissenschaft, als Sichtweise der Welt und als Lebensstil mehr. Nicht die Zustände an den Universitäten, sondern die Ethnologie selbst, die Kollegen in der Profession, die Studenten und was sie aus der Ethnologie machen. Das gilt bis zum heutigen Tag — wenn ich’s mir jedoch recht überlege, im Augenblick bin ich zwar nicht mehr an einen Zeichentisch, dafür aber an einen Schreibtisch gefesselt…
ethnologik: Glaubst du, es ist möglich, Ethnologie durch das Auswählen gewisser Schwerpunkte gezielt im Hinblick auf eine spätere Verwendung zu studieren?
A. Knorr: In diesem Zusammenhang sei es mir erlaubt, „Verwendung“ in zweierlei Bedeutung zu verstehen: Zunächst, die Verwendung eines Ethnologen als Ethnologen auf einem Arbeitsplatz außerhalb der Universitäten und Museen — das ist jetzt eine, etwas dem militärisch-bürokratischen Jargon entsprechende Interpretation, zugegeben. Dann, die konkrete Anwendung des im Ethnologie-Studiums Erworbenen, an einer wie auch immer gearteten Stelle. Prinzipiell ist es meiner Meinung nach möglich (ein angemessenes Studienangebot vorausgesetzt), in beiden Fällen sein Ethnologie-Studium entsprechend eines antizipierten „Danach“ zu gestalten — ich weiß nur nicht ob mir das gefällt, und ob ich das für sinnvoll erachte, denn „es kommt doch eh’ immer alles anders“.
Eine Universität ist keine Ausbildungsanstalt für die Industrie — dafür hat man aus guten Gründen die Fachhochschulen geschaffen und das ist keineswegs ironisch oder gar polemisch gemeint, ganz im Gegenteil. Eine Universität ist auch keine Grundlagenforschungs- und Patentfabrik, deren einziger Zweck das Befeuern der Kessel der Ökonomie ist. Das erbringen bis zu einem gewissen Grad die Technischen Universitäten. Eine moderne Universität darf aber auch kein polierter, elfenbeinerner Spielplatz für ätherisch schwebende Schöngeister sein. Ja, was dann? Sie muss alles drei in einem ausgewogenen Verhältnis leisten. Alles das, bis auf die Patente vielleicht, trifft auch auf die Ethnologie als universitäre Disziplin zu. Im Idealfall wird an einem Institut wie dem unseren auch für Aufgaben außerhalb der Universität ausgebildet, Grundlagenforschung wie anwendungsbezogene Forschung betrieben und Erkenntnis um ihrer selbst willen erlangt. Nur dann wird die Ethnologie sowohl den Anforderungen philosophischer Ideale, als auch denen der empirischen Tatsachen gerecht.
Wenn man nun an so eine moderne Universität kommt, um Ethnologie zu studieren, ist man normalerweise so um die Anfang 20. Es dürfte mehr als deutlich geworden sein, dass ich in diesem Alter keine Ahnung hatte, wer ich war, oder wo es hingehen sollte. Pubertät und Teenagerjahre glücklich hinter einen gebracht, sind die Anfang-Zwanziger immer noch sehr formbare Jahre, nach der langen Schulzeit zum ersten mal „frei“, in den meisten Fällen nicht durch persönliche Verpflichtungen gebunden, voller Energie. Aber eben auch nicht gerade mit besonders viel Orientierung und Lebenserfahrung ausgerüstet vor „der großen Welt“ stehend — ohne jemandem zu nahe treten zu wollen. Bei allem Widrigen, Dramatischen und Tragischen in dieser Welt, ist sie doch großartig und reichhaltig. Diese Welt gilt es zu entdecken, Erfahrung in ihr zu sammeln, es gilt, Stück für Stück sich selbst zu definieren, und das zu finden, was man in der Welt tun kann und möchte. Es gibt immer diese Ausnahmen, die mit 12 Jahren bereits genau wissen, was sie wollen, und das dann konsequent umsetzen, bis zum Schluss. Aber das sind eben Ausnahmen, meiner Erfahrung nach sind die meisten von uns anders geartet. Auch wenn ich „erst“ mit 24 oder 25 angefangen habe, Ethnologie zu studieren, fehlte mir damals vollkommen der Überblick, der notwendig wäre, um ein Studium gezielt auf eine spätere Verwendung oder Anwendung hin zusammenzustellen. Ich staunte einfach nur, jede Woche mehr, über das, was mir die Ethnologie da aufschloss, immer mehr, nicht weniger werdend, sondern beschleunigend ungeheure Horizonte versprach, diese Versprechen einlöste und die Horizonte auch eröffnete. In den Räumen, welche diese Horizonte aufspannten, fand ich dann „meinen Weg“. Dieses freie, kreative und mit Möglichkeiten angefüllte Milieu kann ein Fach wie die Ethnologie aber nur bieten, wenn es im Stile der oben umrissenen „modernen Universität“ organisiert und angeboten wird. Diejenigen, die sich Anfang 20 bereits vollkommen im klaren darüber sind, was sie wollen, mögen an einer Fachhochschule, einer Technischen Universität, oder eben einen dezidiert anwendungsbezogen entworfenen Studiengang studieren, denn sie würden sich mit Ethnologie nicht wohl fühlen.
Ganz unabhängig von dem eben Gesagten, ist es durchaus mein Eindruck, dass unserem Curriculum mehr anwendungsbezogene Themen und Inhalte ganz gut täten.
ethnologik: Welche Vorstellung von der Arbeitswelt hattest du, bevor du anfingst Ethnologie zu studieren?
A. Knorr: Wie gesagt, unmittelbar nach meinem Abitur, welches mir der Freistaat Bayern 1990 geschenkt hat (ich hätte es mir nicht gegeben), habe ich ein Jahr lang in der freien Wirtschaft, in der Werbeindustrie, dann zwei Jahre lang beim Militär gearbeitet. Während der paar Semester, die ich an der TU München Luft- und Raumfahrttechnik studiert habe, war ich einige Monate als Praktikant bei der DASA (heute EADS, oder wie auch immer). Von daher hatte ich eine gewisse Vorstellung von drei Bereichen der so genannten Arbeitswelt — und wusste, dass ich dort nicht mehr hin wollte. Nichts gegen die genannten Arbeitsfelder (und ich möchte auch keine dieser Zeiten missen), aber es hatte sich herausgestellt, dass sie „einfach nicht Meins“ sind. Ganz aufrichtig, Ethnologie habe ich begonnen zu studieren, weil ich „Schriftsteller werden wollte“ — Höhenflüge, Größenwahn und Selbstüberschätzung, denn dazu reicht es bei mir nicht, denke ich … das ist aber auch nicht weiter schlimm. Und, von diesem Bereich der Arbeitswelt hatte ich wirklich keine, aber auch gar keine Ahnung. Anders ausgedrückt: Bei meinem Entschluss Ethnologie zu studieren, habe ich völlig idiosynkratisch gehandelt und mir keine realistischen oder gar analytischen Gedanken über die Arbeitswelt gemacht. Die Möglichkeit war da, es lasteten kein finanzieller Druck und keine persönlichen Verpflichtungen auf mir. Ganz so verkehrt ist es dann bis jetzt ja auch nun wieder nicht gelaufen…
ethnologik: Die Universität als Institution wird von der Gesellschaft finanziert. Glaubst du, dass der einzelne Student eine gewisse Verantwortung hat, mit seinem Studium etwas zu bezwecken, das der Gesellschaft nutzt?
A. Knorr: Trotz aller Widrigkeiten, wie etwa hohen Mietpreisen und generell hohen Lebenshaltungskosten hier in München, sind wir alle enorm privilegiert. Überhaupt alle, die in Deutschland leben sind hoch privilegiert, verglichen mit dem Großteil der Weltbevölkerung. Wir schwimmen sozusagen auf der Crèmesuppe, und diejenigen unter uns, die auch noch etwas studieren und/oder arbeiten können, was sie ausfüllt, was sie sich selbst ausgesucht haben, was ihnen Spaß macht, die schwimmen ganz oben — auch wenn man vielleicht für sein Studium selbst Geld verdienen muss. Diese Privilegien sind nun wahrlich kein Grund, sich in die Ecke zu setzen, Asche auf das eigene Haupt zu streuen, und reuig in Depressionen zu verfallen, weil es dem Rest der Welt „wesentlich schlechter geht“. Aber mit diesen Privilegien kommt, so denke ich, eine Verpflichtung: nämlich, die Verantwortung für sie zu übernehmen, und „etwas daraus zu machen“. Eine Verpflichtung all denjenigen gegenüber, die nicht in den Genuss dieser Privilegien kommen, sowie all dem und denen gegenüber, welche diese Privilegien ermöglichen. Das ist nicht zuletzt „die Gesellschaft“.
Die Frage ist jedoch, was genau man unter „Nutzen für die Gesellschaft“ versteht. Nach meinem Verständnis ist dieses Spektrum sehr breit. Auch für Ethnologen beginnt es mit augenfälligen Tätigkeiten, wie sie den öffentlichen Diskursen zu entnehmen sind: Arbeitsplätze im ökonomischen und politischen Bereich, in der Bildungs-, Sozial- und Migrationsarbeit, sowie in der Publizistik etwa. Wobei wir mit letzterem, Print- und elektronischen Medien, Verlagen etc., bereits an dem Bereich kratzen, zu dem ich mit meinem Argument hin möchte.
Auch wenn man nach seinem Ethnologiestudium nicht etwas arbeitet, was landläufig „direkten gesellschaftlichen Nutzen“ bringt, so fungiert man doch als Multiplikator für die Erkenntnisse und die Sichtweisen, welche einem — hoffentlich — vermittelt wurden. Das ist für die Gesellschaft häufig wichtiger, als eine Steigerung des Bruttosozialprodukts. Für vollkommen verfehlt halte ich, Studium und dessen gesellschaftlichen Nutzen in Zahlen, Lebensarbeitszeit oder gar Euro, gegeneinander aufzurechnen, denn wir reden hier von Dingen, die nicht abzählbar, nicht in naiven Parametern notierbar und in ein kartesisches Koordinatensystem eintragbar sind.
ethnologik: Als du mit deinem Studium fertig geworden bist, warst du auch dem Problem gegenübergestanden, dass du irgendwie Geld verdienen und dich in gewisser Weise verkaufen musstest?
A. Knorr: Nein, denn ich bin überprivilegiert. Aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen machte mein Großvater es zu einer Tradition, dass einem in meiner Familie das Studium einschließlich Promotion finanziert wird. Natürlich wollte ich gar nicht promovieren, sondern nach dem Magister direkt in das Schriftstellerdasein überwechseln. Beim Bier hat mir Frank Heidemann dann klargemacht, dass das Thema, das ich mir ausgedacht hatte, wenn überhaupt, dann für eine Dissertation geeignet sei. Daraus entstand der Plan, mit der Magisterarbeit als Vorarbeit den theoretischen Teil „zu erledigen“, um dann mit der Doktorarbeit „das richtige Ding“ zu schreiben. Das passte zu meinem inneren Vorhaben — die „Metatrickster“ sollten zwar eine Dissertation werden, aber gleichzeitig der erste Schritt zum Schriftstellertum. Ich sagte Frank damals auch, dass ich nicht an der Universität bleiben wollte. Er lächelte nur und meinte, das habe er in meinem Alter genauso gesehen. Im letzten Drittel der Arbeit an der Dissertation wurde mir dann die Assistentenstelle am Institut angeboten. Matthias Laubscher bot sie mir ein einziges Mal an und ließ mich dann in Ruhe. Frank und Kurt waren hartnäckiger, aber ich lehnte standhaft ab, weil ich befürchtete, dass mit der Arbeit als Assistent mein Buch nie fertig werden würde — so wie es mir jetzt mit meiner Habilitationsschrift geht. Als die Dissertation abgegeben war, nutzte Matthias Laubscher trocken und ansatzlos den psychologischen Moment, das Tal, in welches man unmittelbar nach so einem Abschluss hinabfährt. Er rief mich in aller Herrgottsfrüh zuhause an, und meinte, wir müssten miteinander reden, ob ich zu ihm ins Büro kommen könnte. Während des ganzen Weges zum Institut dachte ich: „Herrjeh, die Diss. ist Mist!“ War sie nicht, er legte mir die Sachlage dar, fragte mich, was ich denn jetzt machen wolle, setzte mich gelinde gesagt unter Druck, et voilá. Unterm Strich, in Kurt Beck, Frank Heidemann und Matthias Laubscher hatte ich Leute, die mich vor dem Hintergrund ihrer überlegenen Erfahrung betrachteten und auf mich Acht gaben. Anscheinend konnten sie mit dieser Comicfigur, die da aufgetaucht war, „was anfangen“.
ethnologik: Glaubst du, dass sich Studenten heute besser verkaufen können? Merkt man das z.B. in Referaten?
A. Knorr: Wenn damit gemeint ist, ob sich Studenten heute besser präsentieren, besser in der Lage sind, sich, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in ein günstiges, überzeugendes Licht zu rücken, als „in meiner Zeit“, lautet die Antwort: Nein. Meinem Eindruck nach aber herrscht unter Teilen der Studenten eine stärkere Begeisterungsfähigkeit, „Leidenschaft“ für Ethnologie, wenn man so will, und eine höhere Bereitschaft, sich in Dinge tiefer einzuarbeiten, Eigendynamik zu entwickeln in der Verfolgung von Ethnologischem. Diese Begeisterung schlägt dann auch häufig bis zu den Referaten durch. Natürlich sind die Referate nicht durch die Bank besser geworden als „damals“ und natürlich ist die Studierendenschaft heterogen zusammengesetzt, von, nach meinem Dafürhalten, herausragenden Leuten, bis hin zu Pappnasen, die, um ihrer selbst willen, besser etwas anderes tun sollten — wie immer und überall. Aber, alles in allem, gilt im positiven Sinne das, was mir Johannes Raum einmal sagte: „Wir haben unsere Studenten gar nicht verdient.“ Ich kann auch nichts damit anfangen, wenn sich Leute in dem Sinne „verkaufen können“, dass sie blenden, sich größer und toller machen als sie es sind. Aber ich finde es großartig, wenn Leute mit Begeisterung und Überzeugung methodisch und didaktisch korrekt und fundiert vortragen. Magnus Treiber plant u.a. Lehrveranstaltungen in denen genau das vermittelt werden wird.
ethnologik: Was hältst du davon, dass Praktika für Ethnologen bei der Bundeswehr angeboten werden?
A. Knorr: Nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen diesbezüglichen Geschichte und Erfahrung bin ich dem gegenüber sehr ambivalent eingestellt. Auf der einen Seite muss einem klar sein, welchem Herren man hier dient, und ich bezweifle, dass viele aus der Leserschaft der ethnologik eine Tätigkeit beim Militär vor ihrer persönlichen Ethik problemlos rechtfertigen könnten. Auf der anderen Seite sind das Militär und die Auslandseinsätze Realitäten und auch noch demokratisch legitimiert. Zu Bedenken gilt es auch, dass, wenn Ethnologen die entsprechenden Stellen nicht besetzen, dann werden es andere tun — vielleicht Leute, die wir lieber nicht dort sehen würden. Und dann, man muss ja im Regelfall auch Geld verdienen, wenn einem auch noch die Chance geboten wird, mit dem, was man gerne tut, Ethnologie eben, den eigenen Schornstein zum Rauchen bringen zu können … allerdings sollte man sich von ökonomischen Drücken auch nicht in einen ethikfreien Raum aus Pragmatismus und Opportunismus drängen lassen. Es muss einem klar sein, dass man in solchen Institutionen als Funktionär in ein bereits existierendes System eingebettet wird, Strukturen und Machtverhältnissen unterworfen. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass Ethnologen auf solchen Stellen vielleicht etwas von ihrer ethnologischen Perspektive, von ihren Einstellungen, auf das System übergehen lassen können — von Innen, nicht von Außen.
Vor einigen Jahren hat Markus Höhne, mittlerweile am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle, bei uns eine Magisterarbeit über das militärische Eingreifen in Somalia geschrieben. Zwölf Jahre nach den Ereignissen habe ich diese Arbeit gelesen und mir wurde klar, was wir in der Vorbereitung damals eigentlich getrieben haben, wie alleine gelassen wir von der Politik waren, was die Information über und das Verstehen der soziokulturellen und politischen Situation am Horn von Afrika betraf. In jeder Hinsicht wären Markus’ Einsichten damals dringend vonnöten gewesen.
Wiederum auf einer anderen Seite: Die Streitkräfte sind am funktionierenden, nicht am entscheidenden Ende der Kette. Die Bundeswehr hat einen generellen Auftrag, der gerade, eigentlich seit Ende des Kalten Krieges, neu formuliert wird, und bekommt von der Politik konkrete Aufträge, die sie auszuführen hat, solange diese in allen Aspekten (Inhalt und Entschlussfassung) grundgesetzkonform sind. Das heißt, ein Einspritzen ethnologischer Kompetenz in das Militär hat zwar u.U. Einfluss auf taktische, und in gewissem Umfang auch auf strategische Planungen, nicht aber auf grundsätzliche Entscheidungen.
Das klingt alles sehr kompliziert. Ist es auch — aber niemand hat je behauptet, dass unsere Welt einfach sei. Wittgenstein hat, wie immer, recht: „Die Welt ist das, was der Fall ist“ und Militär und Auslandseinsätze sind der Fall. Davor den Kopf, wenn auch nicht in den Sand, aber in die eigenen Moralvorstellungen zu vergraben und die empirische Wirklichkeit schlichtweg zu ignorieren, kann, nach meinem Dafürhalten, gerade für Ethnologen nicht richtig sein. Entsprechendes gilt für ethnologische Tätigkeiten bei den Nachrichtendiensten, im Auswärtigen Amt und in der Industrie.
ethnologik: Was ist deine Hauptmotivation dafür, an der Universität tätig zu sein?
A. Knorr: Das Bündel an Privilegien, ich habe noch eine „richtige“ C1-Assistentenstelle, welches mir erlaubt, genau das zu tun, was mir am sinnvollsten erscheint und was mir am meisten Spaß macht: Ethnologie in Forschung und Lehre. Die unterschiedlichsten Formen und Aspekte menschlichen Lebens, Fühlens, Denkens und Handelns sehen und im besten Falle auch verstehen zu lernen. Der Umstand, dass an einer (richtigen) Universität das alles nicht in einem akademischen Vakuum hängen bleibt, sondern dass da die Studenten sind. Das Abhalten von Lehrveranstaltungen, das Reden und Diskutieren mit Studenten, die Auseinandersetzung mit ihren Gedanken, Überlegungen, Ideen und Vorstellungen, mündlich wie schriftlich, all das sorgt dafür, dass mein Lesen, Schreiben und Reisen nicht zum Hedonismus verkommt, sondern — hoffentlich — einen unmittelbaren Sinn entfaltet, der über meine eigene Person hinausgeht. Gerade in den letzten Jahren, seit die Reformen, sprich Personalabbau und Bologna-Prozess, begonnen haben, ist die Arbeit hier streckenweise zu einer Quälerei ausgeartet. Das soll jetzt kein Jammern werden — ich kann’s ja jederzeit „hinschmeißen“ — aber die Menge an Zeit und Energie, die wir investiert haben, um uns gegen die Widrigkeiten aus Bürokratie und Universitätsstruktur zu behaupten, schreit wirklich zum Himmel. Was bin ich hier mit Kurt Beck, nicht selten bis drei Uhr morgens, über Strukturpapieren gesessen, wie oft treffe ich Frank Heidemann spätabends am Wochenende am Institut, ohne dass wir uns verabredet hätten. Wie viele Stunden habe ich zusammen mit Matthias Laubscher in Gremien und Arbeitsgruppen, sowie in Verhandlungen mit Kollegen benachbarter Fächer verbracht. Wie oft weiß ich Irmgard Oberressl im Büro neben mir, lange nach Einbruch der Dunkelheit — auch im Sommer. Aber das scheint überall so zu sein — Millionen stehen auf der Straße, und die, die Arbeit haben, machen den Job von dreien. Im Falle eines Hochschullehrers: Forscher, Lehrer und Administrator. Publizieren, vortragen, unterrichten, betreuen, „reformieren“, vermitteln, improvisieren … so viel nicht-akademisches: Briefe, Konzeptpapiere, Berichte, Evaluierungen, Anträge … nicht nur ich, wir fahren hier häufig Arbeitswochen jenseits der 60-Stunden Grenze. Und dann, wenn alles an Ignoranz und Inkompetenz, Kurzsichtigkeit, Unprofessionalität, Trägheit und fehlendem Engagement der „Anderen“ und der „Drüberen“ zu zerschellen droht, wenn es beginnt, dass mir selber Dinge „runterfallen“, Termine etwa, weil meine Batterien langsam leer werden, bin ich schon manchmal so weit, zu denken: „Wisst Ihr was … ich fahr’ nach Indien und leg’ mich erst mal drei Monate in Goa an den Strand, schaue aufs Meer, und passe auf, dass der Horizont nicht kippt. So vorbereitet geht’s dann von da aufs Dach der Welt, um den Horizont dort — der viel größer ist — zu überprüfen“. Aber dann kommt doch so viel zurück. Nicht nur über Veröffentlichungen, Vorträge und Tagungen, sondern in den ethnologischen Gesprächen mit den Kollegen und Freunden am Institut. Und mit den Studenten. Es kommt soviel zurück von den Studenten, die sich begeistert um die Ethnologie bemühen, die sich kümmern um und engagieren für ihr Institut, für ihr Fach, für die Ethnologie, die Menschen und die Welt. Die Studenten die hier was mitnehmen, eine andere Sicht der Dinge, hinausgehen in die Welt, zurückkommen und/oder -geben. Das klingt jetzt so groß, aber ich meine es genau so. Den Teufel werd’ ich tun, gegenüber einer Bildungsbürokratie, die der militärischen so ähnlich ist, aufzugeben — nicht bei dieser Wissenschaft, diesen Kollegen und diesen Studenten. „Braveheart” — genau so wie diejenigen von Euch, die sich so reinhängen, will ich versuchen zu handeln, die Verantwortung übernehmen für die Privilegien, die mir verliehen wurden. Meine Hauptmotivation dafür, an der Universität tätig zu sein? Weil Ethnologie großartig ist!
ethnologik: Gibt es eine grundsätzliche Botschaft, die du den Studenten in den Seminaren vermitteln möchtest?
A. Knorr: Eine? Vielleicht das meiste steht bereits auf die eine oder andere Art weiter oben, aber bezogen auf das eigentlich intendierte, generelle Thema dieses Interviews: Lasst Euch nicht irre machen von dem Gerede, man bräuchte heutzutage einen „stromlinienförmigen Lebenslauf“. Am besten mit zwölf Abitur, mit 19 promoviert, mit 21 bereits sechs Jahre einschlägige Berufserfahrung und vier Jahre bei einer consulting Firma im Ausland verbracht haben. Manche Dinge, nämlich diejenigen, welche wirklich etwas wert sind, brauchen ihre Zeit. Sich zurechtzufinden in der Welt, den eigenen Kurs suchen, braucht Zeit. Ein Studium braucht Zeit — Ethnologie sollte man zwar nicht all zu langsam, aber eben auch auf keinen Fall zu schnell studieren. Nach der geltenden Prüfungsordnung könnte man das ganze Ding in ein paar Semester per Gewalt über den Tisch reißen, aber dann hat man gar nichts, außer einem Abschluss. Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt esoterisch klingt: In die Ethnologie muss man hineinwachsen.


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