Text: Peter Niedersteiner

[…] werde mich in die Berge von Bandung zurückziehen, weil ich momentan dem ethnologischen Feldforscherburnout sehr, sehr nahe bin und mich nicht mehr aus meiner Arbeit heraussehe. Und auf Anraten meiner Professorin und mehrerer Ethnologen hier vor Ort, sollte ich mich so schnell wie möglich hier aus dem Staub machen, um die nötige Distanz und Abgeklärtheit (soweit das hier möglich ist) wieder zu finden. Going native lässt grüßen!“

Mas Tom

E-Mail an mich vom 21.08.2007

Als ich diese Zeilen lese, sitze ich gerade in einem Internetcafé der lebendigen Jalan Jaksa in Jakarta, wo meine Freundin und ich vor wenigen Stunden gelandet sind. Thomas Stodulka, der Absender, ist ein alter Freund meiner Geschwister, dem ich es zu verdanken habe, dass er mich am Ende meiner Schulzeit auf den Gedanken gebracht hat, Ethnologie zu studieren. Ich bin schon sehr neugierig darauf, wie sich seine Forschung entwickelt und diese E-Mail lässt mich nun alles erwarten und die Spannung weiter steigen. Wir brechen am nächsten Tag per Zug in das südjavanische Yogyakarta auf, um Thomas dort bei seiner Feldforschung und Arbeit mit den dortigen Straßenkindern und

-jugendlichen zu besuchen.

Der Weg auf Yogyas Strasse

Während seiner Studienzeit in Göttingen ist der gebürtige Oberbayer das erste Mal nach Indonesien gekommen und wollte, wie er heute sagt „naiverweise“, unbedingt etwas mit Straßenkindern machen.

Schließlich landete er im Milas, einer Einrichtung die den Kindern Unterschlupf und Perspektive geben will. Im dortigen Open-House steht ihnen täglich die Tür offen und wer Unterstützung bei seiner Ausbildungsidee sucht, ist hier an der richtigen Adresse. Ebby, selbst aus Deutschland, hat diesen Ort geschaffen und ließ sich überzeugen, Thomas für vier Monate in eine ausgelagerte Station, nach Parangtritis, an den Strand vor Yogyas Türen zu schicken. Dort machte er am eigenen Leib die ersten Erfahrungen damit, was es heißt auf der Straße zu leben, aber auch, wie schwierig es ist, der fremde Ethnologe mit Rückflugticket zu sein. Nach dieser anstrengenden Zeit wurde jedoch für ihn deutlich, dass ihn das Leben der Jugendlichen fasziniert. Er wollte die besonderen Umstände und deren Auswirkungen auf die jungen Menschen verstehen lernen, unter denen sie am Rande und dennoch für alle offensichtlich in der javanischen Gesellschaft ihren Platz einnehmen. Zurück in Deutschland schloss er seine Magisterarbeit zum Thema „See you in hell! Straßenkinder in Yogyakarta/ Indonesien“ ab, wobei er sich verstärkt mit Emotionsethnologie auseinandersetzte. Nach dem Abschluss konnte Thomas ans Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld wechseln und dort mit Prof. Birgitt Röttger-Rössler auch seine heutige Doktormutter finden. „Big Boys don’t Cry — Emotionalität, Körperlichkeit und Identität männlicher Straßenjugendlicher in Yogyakarta“ lautet der Titel seines erfolgreichen Exposés an den DAAD, zu dessen Umsetzung er nun für etwa eineinhalb Jahre nach Indonesien gekommen ist.

Allerlei nebenbei

Neben seiner Forschung hält Thomas auch ein Seminar an der Universität Yogyakarta (UGM) zum Thema „Visuelle Anthropologie“. Die Lehratmosphäre macht ihm etwas zu schaffen, da es die Studenten gewohnt sind passiv zuzuhören und seine Diskussionsanregungen à la Writing-Culture zumeist im Sande verlaufen. Mir kommt die Beschreibung irgendwie peinlich bekannt vor. „Jedoch“, so fügt er mit einem Lächeln hinzu, „gibt es drei bis vier Köpfe, die richtig Spaß machen!“

Dass Thomas in Yogyakarta Fuß gefasst hat, zeigt sich auch beim Besuch des von ihm mitinitiierten Kinoki. Nach der Idee des freien Zugangs zu visuellen Medien für alle, trifft sich hier täglich ein buntes Publikum, um zusammen auf Großleinwand, Filme und Dokumentationen zu schauen, oder ein Konzert einer der vielen, lokalen Bands zu feiern. Zusammen mit vier javanesischen Freunden eröffneten sie vor zwei Jahren dieses gemütliche Hinterhof-Café, aus dem er sich mittlerweile jedoch aufgrund seiner Doktorarbeit zurückziehen musste.

Auf der Straße

Bei seiner Forschung ist es für ihn wichtig, eine angewandte, aktive Ethnologie zu betreiben und letztendlich nach dem Feldaufenthalt kein stummes, unbeachtetes Zeugnis abzulegen, sondern einen fortwirkenden Anteil am Alltag, zumindest einiger Menschen zu haben. In wenigen Worten beschreibt er während einer kurzen Diskussion seine Forschungsmethode: „Emotionsethnologie kann nicht als passive, beobachtende Forschung funktionieren, auch wenn ich mir das manchmal wünschen würde. Ohne dem Gegenüber Einblick in die eigenen Emotionen zu gewähren, bekommst du so gut wie keine Infos und da ich auf der Suche nach Geschichten und nicht nach Daten bin, bleibt mir nichts anderes übrig, als auch viel von mir selbst preiszugeben“. Ihn interessiert, allen voran, das Individuum als Akteur und dessen Verhältnis zur Gruppe. Wie verschafft sich das Individuum ein Umfeld in dem es sich wohl fühlt? Fragen wie diese dienen ihm bei der Forschung als Orientierungshilfe, wobei er nicht an vermeintlich generalisierbaren Antworten interessiert ist, sondern an den einzelnen, spezifischen Geschichten.

Wie schnell der Feldaufenthalt jedoch, besonders bei der emotionsethnologischen Forschung, zu einer schweren, geistigen Belastung werden kann, schildert er uns eines Abends bei einem der zahlreichen, gemütlichen Treffen: „Wahrscheinlich würde ein Kollege, der für längere Zeit mit einer Karawane in der Sahelzone reist, sagen: ,Was willst du eigentlich? Du kannst abends in dein zu Hause gehen, ein Bier trinken und vielleicht noch Champions League schauen!’ Bei mir ist es aber so, dass meine Forschung zu mir nach Hause kommt und da ich mich auf den städtischen Raum konzentriere, sind die Aufgaben meist unübersichtlich, unerschöpflich und somit sehr kräftezehrend“. Die Zahl der HIV-Infektionen unter den Straßenjugendlichen hat in den letzten beiden Jahren rapide zugenommen. Thomas hat begonnen sich auch um Aidsaufklärung zu kümmern und die Vernetzung lokaler NGO`s voranzutreiben. Mit viel Leidenschaft bastelt er an einem kurzen Film zum Thema, um die Jugendlichen auch durch dieses Medium erreichen zu können. In der Milas fungiert er als eine Art Notarzt, der in allen Situationen gerufen wird, wenn es schnell gehen muss. Die Hilflosigkeit und die fehlende Unterstützung für die infizierten Jugendlichen, lassen Thomas nach Antworten auf drei Fragen suchen, die sich ihm aufdrängen:

1. Wie verändert das Virus die Strategie des Einzelnen im Alltag zu bestehen, bzw. sich wohl zu fühlen?

2. Wie reagiert die Street-Community?

3. Welche Rolle nehmen die NGO`s und Sozialarbeiter ein? Wo und wie kann effizient Unterstützung, bzw. Präventivarbeit geleistet werden?

Aids hat sich somit selbst zu einem Thema seiner Arbeit gemacht.

„Manchmal“, so beschreibt er mir, „versucht man einfach nur zu verstehen, warum sich die Leute so irrational verhalten, dass es irrationaler gar nicht mehr geht!“ Wir müssen beide lachen, weil wir wieder bei einer der klassischen Grundfragen der Ethnologie angelangt sind. „Dann bist du dir wieder so was von sicher, etwas verstanden zu haben und nachvollziehen zu können, was in den Leuten vorgeht und irgendwann wird dir schlagartig klar, dass das Ganze nur in deinem Kopf stattgefunden hat“. Diese Grundangst, plötzlich mit leeren Händen dazustehen, begleitet Thomas beständig bei seiner Forschung. Ich denke, dass diese Angst, selbstkritisch gewendet, einen positiven Grundstock für eine angewandte Ethnologie sein kann, um flexibel und reaktiv zu bleiben und den Ethnologen vorsichtig zu machen.

Einschneidende Erlebnisse ereigneten sich für Thomas jedoch in der letzten Zeit, als zwei Jugendliche, die ihm sehr nahe gekommen waren, an Aids starben. Kurz aufeinander folgend, hatte er sie in sein Haus aufnehmen müssen, da sie im Endstadium zu schwach waren, um weiter auf der Straße zu leben. „Und das Allerschlimmste ist, dass ich in absehbarer Zeit wieder in diese Situation geraten könnte. Wie soll ich dann reagieren?“ stellt er mit hilfloser, fast resigniert wirkender Stimme in den Raum. Mir wird klar, dass Thomas hierauf in seiner E-Mail angespielt hat, dass ihm die Forschung über den Kopf wächst und dass er eine Verschnaufpause dringend nötig hat. Teilnehmende Beobachtung bedeutet in seinem Fall, nicht etwa über die Schulter der Jugendlichen zu schauen oder durch ihre Augen sehen zu lernen, sondern sich auf seine eigene, oftmals sehr persönliche Art zu öffnen, wobei die geforderte Distanz, um dem gefürchteten „going native“ zu entgehen, wohl kaum aufrechtzuerhalten ist. Diesen schmalen Grat balancieren zu lernen, bleibt dem Ethnologen zumeist selbst überlassen. In welchem Moment man vom „going foreign-going native-Drahtseil“ stolpert, von der eigenen Forschung überschüttet, im Bett der Probleme der ehemals „Anderen“ aufwacht, wird während des Studiums bestenfalls anhand von Beispielen erörtert, meist jedoch mit der Forderung nach dem ominösen „Gefühl für die Situation“ abgehakt. Mir als unerfahrenem Studenten schaudert.

„Dennoch bin ich froh hier sein zu können“, fährt er fort, „Ich habe das Gefühl, eine besondere Art von Ansprechpartner für die Jugendlichen zu sein“. Ihm vertrauen sie an, dass sie sich mit dem tödlichen Virus infiziert haben, was in der javanischen Gesellschaft ihrem sozialen Tod gleichkommen würde, da das Thema Aids nicht nur als Tabuthema gilt, sondern auch oftmals als selbstverschuldete Strafe. Thomas steht als „Orang bule“[1][1] außerhalb dieser sozialen Ordnung und ist dennoch auf seine eigene Art und Weise ein wichtiger Teil davon geworden.

Und danach?

Wenn man sich über eine längere Zeit an einem fremden Ort derart viel aufgebaut hat, dann verringert sich die Distanz zwischen dem „Hier und Dort“ und man beginnt sich zu Hause zu fühlen. Für die Zukunft hat Thomas viele Pläne, jedoch scheint eines klar zu sein: Dass er und Yogyakarta sich wohl nicht mehr aus den Augen verlieren werden. Der Traum einer kleinen Produktionsfirma zur Unterstützung lokaler Filmprojekte würde ihn genauso reizen, wie das Herausbringen eines ethnologischen Sammelbandes über Yogya und Umgebung. Auch in Deutschland würde er gerne ein Seminar an einer Universität leiten. Im nächsten Frühjahr soll seine Doktorarbeit soweit fertig sein, dass er für einige Zeit nach Deutschland zurück kann. Doch, soviel hat er mir jetzt schon versichern können, die ersten, zaghaften Schritte in Richtung seiner Träume sind bereits unternommen.



1 Weißer oder Weiße

10 Responses to “Drahtseilakt über Yogyas Straße”

  1. Joana Stuempfig Says:

    Ich arbeite selbst seit drei Jahren mit Strassenkindern in Brasilien und habe als studierte Dokumentarfilmerin das Filmen als ein hervorragendes Mittel kennengelernt, um sich diesen Kindern nicht nur anzunaehern, sondern auch um ihnen eine Moeglichkeit zu geben sich selbst ein bisschen naeher zu kommen und sich auszudruecken. Da ich momentan selbst daran arbeite eine Doktorarbeit in diesem Bereich vorzubereiten wuerde mich der Kontakt zu Thomas Stodulka sehr interessieren.
    Wenn also der Autor dieses Artikels dies liest, ware es sehr nett, wenn er meine email joana-stuempfig@gmx.net an ihn weitergeben wuerde. Aber auch sonst freue ich mich ueber Kontakten zu Leuten, die dieses Thema interessiert…

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