Schuaplattleralltag oder: Beim Trinken sind alle gleich!

Text: Jakob Wetzel.

Ankunft 20 nach 7, raus aus den Jeans, weg mit T-Shirt, Socken, Turnschuhen — `Nei in´d Lederhosn, Loferl[1] über´d Wadln, d´Haferschua o und Aschauer Huat mit Gamsbart aufgsetzt.
Das einzige was bleibt und nicht bayerisch ist: die Unterhose. Die sieht man nicht. Es werden noch die Plastikblumen im Ausschnitt zurechtgerückt und der Haardutt derart fixiert, dass er auch einen Wirbelsturm überstehen würde. Die langen Holzlöffel, die nun wirklich nicht zum Essen benutzt werden, und die Goasln, die wohl noch nie ein Pferd anfeuern durften, werden mitgenommen, dann geht es nach oben.

Was gerade mit vielen fremdwortartigen Begriffen beschrieben wurde, ist eine Verwandlung, die den Folgen eines Froschkönigkusses in nichts nachsteht. Verschwunden sind der Ingenieur von BMW, die Verkäuferin von Edeka, die Medizinstudentin und der Heavy-Metall Schlagzeuger. Was herausgekommen ist, dass sind Schuaplattler und Dirndln.
Jetzt geht es also nach oben, in den Festsaal des berühmtesten Gasthauses der Welt, in dem an jedem Abend ein Stück bayerischer Kultur vorgetragen wird. Dargestellt wird. Aufgeführt wird. Vermittelt wird. Sagen wir, wo jeden Abend ein Stück bayerisch genannte Kultur „passiert“: der bayrische Abend oder — die „Hofbräuhaus-Show“. Dieser schon im Namen enthaltene Anglizismus weist bereits darauf hin, an wen sich diese Darbietung richtet. Doch dazu später mehr.

Worin besteht also dieses Programm von „bayerischer Tradition und Folklore wie in der guten alten Zeit“, wie es auf der Homepage des Hofbräuhauses angepriesen wird?
Da wäre zunächst einmal die Festkapelle, die die Zuhörer mit Volksmusik beglückt. Die Musiker tragen ebenfalls Lederhosen und sehen so aus, als ob sie gerade vorher noch mit der Kutsche von Sinnbach am Inn[2] abgeholt worden wären. Die Musik könnte originaler kaum sein und so kommt kaum einer auf die Idee, dass der Saxophonspieler aus Bulgarien kommt und Sepp nur so eine Art „Künstlername“ ist. Auch dass der quietschfidele Trompeter, der schon an die 65 Lenze zählt, aus Tschechien stammt, würden wohl nur wenige vermuten. Dann ist da noch der italienische Bassspieler und, um das nicht zu unterschlagen, einige gebürtige Bayern. Wir können mit Stolz behaupten, ein internationales Ensemble zu sein.

Zu dieser bayerischen und wie immer wieder gerne betonten „gmiatlichen“ Stimmungsmusik kann der Besucher bayerische Speisen zu sich nehmen. Also Schwein in seinen sämtlichen Zubereitungsformen, Knödel von Faustgröße, Sauerkraut, ach ja, und Bier natürlich. Was man eben so findet, wenn man in Amerika „Bavaria“ in die Suchmaschine eintippt. Womit wir beim Thema wären: Wer besucht überhaupt diesen Ort, an dem man noch echte Bayern in natürlicher Umgebung beobachten kann, wie sie ihrem Alltag nachgehen.
Es sind meist Leute, die nur für kürzere Zeit in Bayern verweilen. Touristen aus Amerika, Japan, Russland und dem Rest der Welt, aber auch aus anderen Teilen Deutschlands. Tatsächlich durchaus auch „gebürtige Bayern“, wenngleich deutlich in der Minderzahl. Viele von ihnen, so zum Beispiel, die sehr zeiteffizienten Japaner, sind nur wenige Stunden im Lande und möchten daher in kurzer Zeit so viel von „Bayern“ wie nur möglich mitnehmen.

Und was bekommt man denn nun eigentlich zu sehen? War nicht im Titel vom Schuaplattln die Rede?
Erstmal wird auf der Bühne in klarer Formation der bayerische Volkstanz aufgeführt, bei dem mit den Handflächen zum Takt der Musik auf Schenkel und Schuhflächen geschlagen wird. Wenn das mit genug Kraft passiert, ist es ziemlich laut. Dazu kommen die Formationstänze und Walzer mit den Dirndln, sowie das Rockschlagen, bei dem sich die Dirndl drehen, während ihre Röcke von einem daneben knienden Buam nach oben geschlagen werden. Zur Musik wird mit den Löffeln geklappert und Holz gehackt, dass die Späne fliegen.
All dies geschieht auf einer Bühne am Ende des Saales, so dass es für alle gut sichtbar ist. Der Hergang wird jedes Mal zuvor auf Deutsch und Englisch erklärt, damit auch allen klar ist, was hier eigentlich passiert.

Das ist aber noch nicht alles. Ist der Auftritt auf der Bühne beendet, so kommt zunächst die Fotorunde. Dabei mischen sich die Artisten (so werden wir auch genannt), die zuvor noch recht unnahbar auf der Bühne standen, unter die Besucher. Natürlich wurden die Artisten schon zuvor eifrig gefilmt und fotografiert. Langsam bahnen sie sich jetzt einen Weg durch die Reihen der Zuschauer, die häufig noch mit dem Essen beschäftigt sind. Am Anfang werden eher zaghaft und fast heimlich ein paar Fotos geschossen. Sobald dann aber klar ist, dass fotografiert werden darf, ja, dass man sich sogar posieren kann, gibt es nur noch schwer ein Vorwärtskommen.

Als erstes ist da der Tisch mit den jubelnden und schon etwas vom Bier betrunkenen Italienern. Sie haben keine Scheu einen dort zu postieren, wo sie es gerne hätten oder schieben einen auch mal weg, wenn sie gern ein Foto mit dem Mädel alleine möchten. Hat man dann die lärmende Menge hinter sich und wendet sich zum Weitergehen, so trifft man auf die höflich, doch beharrlich in Reihe wartenden Japaner. Eine Reihe, die jedoch manchmal schier nicht zu enden scheint, da jeder ein Foto mit der eigenen Kamera möchte. Irgendwo dazwischen wird dann noch der Seniorengruppe von der energischen Reiseleiterin ihr Recht verschafft. Ein paar Deutsche, die dazwischen sitzen, schauen etwas peinlich berührt von ihrem Bier auf und erinnern sich vielleicht an die echt-authentische Derwischshow, die sie bei ihrem letzten Türkeiurlaub gesehen haben.

Hat man seinen Rundgang beendet, muss man sich erst einmal die vom strahlenden Dauerlächeln schmerzenden Mundwinkel massieren.
Dann kommen die Programmpunkte an die Reihe, bei denen das gesamte Publikum mitmachen darf. Dazu gehören selbstverständlich das „Prosit der Gemütlichkeit“ und das gemeinsame Schunkeln bei Tische. Jedoch ist bei der Polonäse die Gemeinsamkeit und bunte Durchmischung noch größer. Ungeachtet von Alter oder Nationalität ziehen Deutsche, Chinesen, Kroaten, Südafrikaner, manchmal auch Brasilianer und Thailänder, in einer langen Schlange durch den ganzen Saal. Bis das Ganze schließlich in einem großen Durcheinander auf der Tanzfläche endet.

Ein weiterer Programmpunkt, der meistens sogar eine noch höhere Beteiligung hervorruft, ist das Fahnenauftragen. Beim Eintreten hat jeder Gast die Möglichkeit, sein Herkunftsland anzugeben. Zu einem späteren Zeitpunkt wird dann eine zweite Begrüßung abgehalten. Sämtliche Länderflaggen, der an diesem Abend Anwesenden, werden einzeln und begleitet von einem kleinen „Tusch“ auf die Bühne getragen und dann dort aufgestellt. Dazu kommt noch ein Standartsatz der 10 am häufigsten gebrauchten Flaggen, die jedes Mal aufgetragen werden, egal ob an einem Abend tatsächlich jemand aus diesem Land anwesend ist, oder nicht. Während dem Hochtragen, was natürlich Aufgabe der Mädels ist, stehen die Buam an beiden Seiten der Bühne bereit, um überenthusiastische Besucher im Zaum zu halten.

Es wird also die erste Flagge aufgetragen. Die Erste und wohl wichtigste ist die der USA. Dann die japanische. Japan hat sich seinen Rang, falls es denn überhaupt so etwas wie Abstufungen gibt, wohl durch seinen großen Besucheranteil verdient. So geht es weiter , bis dann irgendwann die russische Flagge kommt. Tatsächlich sind die Russen nicht die einzigen, die dazu neigen, sich ihrem Land oder zumindest ihrer Flagge als Repräsentant so verpflichtet zu fühlen, dass sie bei Sichtung derselben, ihr sofort entgegeneilen. Aber es kommt durchaus öfter einmal vor. Sie sollen hier lediglich als Beispiel dienen. So passiert es also manchmal, dass ein Russe entzückt losrennt und auf die Bühne stürmen will, um dem Mädel beim Schwenken der Flagge zu helfen. Wenn alles gut geht, steht ihm jedoch bereits beim Bühnenaufgang ein Bursche im Weg und er muss sein Vorhaben aufgeben. Hat er es sich jedoch erst einmal in den Kopf gesetzt, schafft es aber nicht an dem Wächter vorbeizukommen, so geschieht es häufig, dass er später hinter der Bühne erscheint und bereit ist, dreistellige Trinkgelder zu zahlen, um mit der Flagge noch einmal vor zur Bühne zu rennen oder doch wenigstens ein Foto schießen zu dürfen. Wird er dann zu Hause erzählen, er habe die russische Flagge in Bayern gesehen? Oder will er die anderen Anwesenden überzeugen, nach Russland zu kommen? Oder vielleicht auch nur zeigen, dass er die Farben Rot, Blau und Weiß schön findet?
Es gibt aber auch noch Situationen, in denen etwas mehr passiert. Zum Beispiel, wenn zunächst die chinesische Flagge aufgetragen wird und dann, etwas später, die von Taiwan. Das Problem dabei ist, dass die taiwanesische Flagge zwar vom Hofbräuhaus anerkannt wird, nicht aber von Deutschland und schon gar nicht von China. Da kann die Empörung schon mal groß sein. Einmal sprangen die Chinesen auf und versuchten dem tragenden Mädel die taiwanesische Fahne zu entreißen. Da dies misslang und die Fahne dann gemeinsam mit allen anderen — auch mit der chinesischen — auf der Bühne aufgepflanzt wurde, versuchten die Chinesen dies sofort zu korrigieren. Als auch das misslang, stand die Gruppe (wie sich später herausstellen sollte), eine hohe Delegation der Regierung, geschlossen auf und verließ den Saal. Bis auf die leichte Verärgerung der Plattler über dieses unerwünschte Vorkommnis hätte die Sache damit vergessen werden können, doch die Gekränkten schickten umgehend einen Brief an das Tourismusamt, um ihren Unmut über die unerhörte Situation ausdrücken. Dieses Schreiben wurde selbstverständlich an die Leitung des Hofbräuhauses weitergeleitet, welches wiederum den Plattlern Bescheid gab, solche Geschehnisse doch bitte in Zukunft zu vermeiden.
Die darauf folgenden Lösungsvorschläge sahen folgendermaßen aus: Entweder keine der beiden Flaggen aufzutragen, wenn Vertreter beider Länder zugegen sind. — Dies könnte jedoch zu Verstimmung auf beiden Seiten führen. Oder man trägt nur die chinesische auf. — Dies war jedoch nicht mit dem Gerechtigkeitssinn der Plattler vereinbar. Doch schließlich wurden die beiden Flaggen an entgegen gesetzten Enden der Bühne aufgestellt, was seither, bis auf ein leichtes Stirnrunzeln, keine weiteren Reaktionen bei den Beteiligten hervorrief.[3]

Und so passieren immer wieder interessante, lustige und verwunderliche Dinge an diesem Ort, an dem sich noch ein Stückchen „Urbayertum“ erhalten hat oder vielleicht besser gesagt, ausgewählt und eingefangen wurde, um in verständlicher oder vorzeigbarer Form zu erscheinen. Wer es nicht glaubt oder neugierig geworden ist, der komme zur „Original Hofbräuhaus-Show“ und sehe es sich einmal an!

Fußnoten:

[1] Am Ende des Textes findet sich ein Glossar der ungewöhnlichsten bayerischen Begriffe.
[2] Zufällig gewählte durch Alex Knorr inspirierte Ortsangabe.
[3] Zumindest sind dem Protagonisten dieses Textes keine weiteren Reaktionen aufgefallen.

Bayerisches Begriffsglossar:

Schuaplattler — häufig einem Trachtenverein angehörende Ausführende des Schuaplattlertanzes (Beschr. im Text), männlich, auch Buam.
Dirndl — die dazugehörenden Frauen, auch Madl oder Mädel.
Loferl — wollene Wadelwärmer.
Gamsbart — die Nackenhaare eines Hirsches, traditionellerweise selbst erlegt, die auf den Hut gesteckt werden.
Haferlschua — bayerisches Lederschuhwerk, das an der Seite geschnürt wird.
Goasln — Peitschen zum Lenken einer Kutsche, die mit dem Takt der Musik zum Knallen gebracht werden.

6 Responses to “Wetzel, Jakob: Schuaplattleralltag”

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