Macht und Musik
Text: Arbeitskreis Musikethnologie.
Eine Sängerin, die wegen ihrer Musik aus dem eigenen Land verbannt wird, dafür aber Pässe sieben anderer Länder erhält, ein deutscher Schlagzeuger, der das Gamelan nach Deutschland bringt, ein Derwisch, der sich zur Musik immer weiter in Trance tanzt, ein Mädchen, das beim Anblick von Take That in Ohnmacht fällt.
Musik hat Macht.
Musik hat Macht über die Gefühle des Menschen, Musiker haben Macht, gehört zu werden, Regierende haben Macht über Musiker und deren Musik, Musik hat Macht über Musik… . Die Liste ist fast beliebig fortsetzbar, die Zahl der Beziehungen und Assoziationen scheint endlos zu sein. Im Arbeitskreis Musikethnologie haben wir in diesem Semester versucht, einige dieser Stränge weiter zu verfolgen. Dieser Artikel soll einen Teil der Odyssee nachvollziehen, die wir bis dato hinter uns haben, die jedoch (glücklicherweise) keinerlei Aussicht auf ein baldiges Ende hat.
Musiker und politische Macht
Wer spielt also in dem hier betrachteten Netz von Beziehungen mit? Zunächst einmal wird die Musik von denen vertreten, die sie ausüben, also von den Musikern. Dabei gibt es zwei Positionen, welche diese einnehmen können: Zum einen können sie Macht ausüben, zum anderen kann Macht auf sie ausgeübt werden. In diesem Artikel möchten wir diese beiden Positionen einmal genauer beleuchten.
Die Macht des Musikers
Als erstes übt der Musiker natürlich eine Macht aus, wenn er musiziert. Er erhält die Macht, wenn er gut genug ist, sein Publikum zu „bezaubern“, es in seinen Bann, bzw. in den Bann seiner Musik zu ziehen. Außer dieser rein oder abstrakt musikalischen Macht, gibt es jedoch noch ein weiteres musikalisches Mittel, welches meistens auf konkretere Weise eine gewisse Botschaft vermitteln kann, nämlich den Gesang. In diesem kann ganz unverschleiert die eigene Meinung kundgetan werden, beispielsweise zur politischen Situation des Landes, zu einzelnen Machthabern, etc. Auf der einen Seite ist es dabei häufig so, dass Kritik, die sich durch das Vehikel der Musik äußert, noch eher zugelassen oder angenommen wird, als rein verbale Kritik. So ist es z.B. bei den Yoruba Nigerias, welche mit ihren „sprechenden Trommeln“[1] Taten und Entscheidungen von Herrschern verspotten oder gar anklagen können, was jedoch in Worten ausgedrückt niemals gebilligt würde.[2]
Daraus ergibt sich ein weiterer Punkt: Musik muss erst einmal von der Hörerschaft verstanden werden. Wer die benutzte Sprache nicht spricht, wird die in der Musik enthaltene politische Botschaft nicht verstehen. Zum Beispiel gilt die Musik des in Frankreich geborenen Spaniers Manu Chao und seiner ehemaligen Band Mano Negra, in Lateinamerika als höchst politisch, während sie in Deutschland hauptsächlich als Partymusik gespielt wird. Der Hauptgrund liegt wohl darin, dass Manu Chao hauptsächlich auf spanisch singt.[3]
Aber es sind nicht immer nur die Texte, die vom Publikum verstanden werden müssen. Auch über die Melodie können viele geheime Botschaften übermittelt werden. So existierten in Südafrika lange zwei Nationalhymnen. Eine staatliche, die das Land bei offiziellen Anlässen repräsentierte, und eine inoffizielle Hymne, namens „Nkosi Sikelel` iAfrika“, die von den schwarzen Apartheidsgegnern gesungen wurde und daher von den Behörden verboten worden war. Mitte der 1980er Jahre wurde jedoch ein Lied veröffentlicht, in welchem die Melodie der inoffiziellen Nationalhymne in den Basslauf eingebaut war. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Lied („Weeping“ von Bright Blue) vor allem in der Untergrundszene zum Hit und wurde unzählige Male gecovert. Erst sehr spät entdeckte die Regierung den versteckten Inhalt und das Lied wurde sofort verboten.[4]
Womit wir überleiten wollen, inwiefern politische Einflüsse auf Musiker wirken können.
Die Macht über die Musiker und ihre Musik
Mit dem letzten Beispiel wird klar, welchen Machteinfluss politische Regime auf Musik ausüben können. Wenn sie befürchten, dass ihnen die Inhalte gefährlich werden könnten, versuchen sie diese zu verbieten und zu unterdrücken. Am einfachsten geschieht dies durch direkte Einflussnahme auf die Musiker, zum Beispiel indem man sie einsperrt, oder, wie im Falle Miriam Makebas, ihnen den direkten Kontakt mit ihrer Fangemeinschaft verbietet. Makeba, die eine bedeutende Rolle während der Apartheid in Südafrika spielte, durfte, nachdem sie nach England und Amerika gereist war um Preise entgegenzunehmen, nicht wieder einreisen. Sie konnte über 30 Jahre nicht in ihre Heimat zurückkehren.[5]
Genauso können aber auch Machthaber, die sich dem Einfluss der Musik bewusst sind, diese zu ihrem Zweck einsetzen. Nationalhymnen dienen beispielsweise in erster Linie dazu, ein
Einheitsgefühl zu erwecken, sowie vielleicht auch den „Charakter“ einer Nation auszudrücken.[6]
Ein Beispiel, bei dem die Regierung versuchte ihre Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, entstammt ebenfalls der Zeit der größten Unruhen in Südafrika. Damals wurde ein Projekt ins Leben gerufen, das aus der Kooperation zahlreicher namhafter Künstler bestand, die in sieben verschiedenen Sprachen ein Friedenslied mit dem Titel „Together We Will Build A Brighter Future“ komponieren sollten. Diesem Projekt wurde starke Kritik entgegengebracht. Man warf der Regierung vor, von der Krisensituation abzulenken und zudem Unmengen an Steuergeldern für einen Akt zu verschwenden, der offensichtlich der Propaganda dienen sollte. Die Künstler jedoch fühlten sich in ihrem eigenen Terrain bedroht, da Musik bisher immer von den Regimegegnern eingesetzt worden war. Den Teilnehmern des Projekts wurde daher Käuflichkeit und Doppelzüngigkeit vorgeworfen und die Künstler wurden in zwei Lager gespalten.
Die öffentliche Ablehnung war schließlich so groß, dass sämtliche Kopien noch vor Verkaufsstart zurückgerufen wurden. Die Absicht des Regimes, ein musikalisches Friedensprojekt durchzuführen, war in diesem Fall fehlgeschlagen.
Musik nimmt einen großen Teil unseres alltäglichen Lebens ein, zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst. Dabei stellt die Musik, wie die Sprache, einen Weg dar, miteinander zu kommunizieren (siehe auch Artikel „Arbeitskreis Musikethnologie“ in der ethnologik Herbst 2006). Sie sollte deshalb nicht nur isoliert aus dem Kontext ihrer eigenen Kultur heraus betrachtet werden, sondern auch darüber hinaus. Denn als Vermittler bietet sie die Chance, einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis, zur Akzeptanz und Anerkennung beizutragen.
Fußnoten:
[1] Die Sprache der Yoruba ist eine Tonsprache. Dadurch, dass sich die Tonhöhe der Trommeln während dem Spielen variieren lässt, können damit Abläufe getrommelt werden, die dem Eingeweihten verständlich sind, ohne dass es eines Wortes bedarf.
[2] Euba, Akin 1990: Yoruba Drumming. Bayreuth.
[3] Robecchi, Alessandro 2001: Manu Chao. Musik und Freiheit. München.
[4] Byerly, Ingrid B. 1998: Mirror, Mediator, and Prophet. The Music Indaba of Late-Apartheid South Africa. In: Ethnomusicology 42: S.1-44.
[5] Makeba, Miriam 1987: Makeba, my story. New York.
[6] Ob Nationen einen Charakter haben, ist nicht Thema dieses Artikels.


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