Disciplinez-vous, citoyens!
Überwachung, Disziplinierung, Bestrafung.
Text: Falko Zemmrich.
„[A]lle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“. (Karl Marx)[1]
„Es ist darum möglich, daß das Verbrechen ein politisches Instrument darstellt, das vielleicht für die Befreiung unserer Gesellschaft ebenso kostbar sein wird, wie es für die Befreiung der Negersklaven notwendig war; wäre es denn ohne Verbrechen zu dieser gekommen?“ (Michel Foucault)[2]
Kaffee mit Rum. Es war ziemlich kalt an diesem Montagabend und wir suchten uns einen bequemen Platz. Ich bestellte die Getränke und die nette Bedienung vom CADU[3] nahm unsere Wünsche gewissenhaft auf. Doch störte mich etwas. Genau über unserem Tisch, an der Decke befestigt, befand sich eine Überwachungskamera. Eine mit einem Dome-Objektiv, dessen schwarze Oberfläche es unmöglich macht, zu erkennen, in welche Richtung nun eigentlich gefilmt wird (ähnlich Abb. 1). Angesprochen auf das Überwachungsinstrument und hingewiesen auf den fehlenden datenschutzrechtlichen Hinweis für die Gäste, erklärte mir die Bedienung freundlich, dass ihr Chef die Kamera vor kurzem installiert habe, damit aber — wie beruhigend — nur die Mitarbeiter überwacht würden und man nie wissen könne, ob dieser nun im Nachbarzimmer vor dem Monitor sitzt oder nicht.

Abb. 1: Dome-Objektiv
Totalperspektive. Ob man morgens aufsteht und in die neuen Busse der MVG steigt, mit der U-Bahn ins Zentrum fährt, am Geldautomaten 20 Euro abhebt, seine Bücher in der Universitätsbibliothek zurückgibt, am Bahnhof noch die Tageszeitung kauft, in der Post noch einen Brief aufgibt oder durch die Fußgängerzone in der Innenstadt schlendert, mittlerweile begleiten uns Kameras auf vielen Wegen (Abb. 2).
Überwachte Bürger, überwachte Stadt. Neben der ausufernden privaten Kameraüberwachung nutzen auch staatliche Organe die Möglichkeiten der Videoüberwachung öffentlicher Straßen und Plätze oder aber auch der visuellen Erfassung und Speicherung von Teilnehmern an Kundgebungen z.B. in München, wobei die rechtlichen Bestimmungen zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Bürger immer öfter nicht beachtet werden.[4] Doch sind Kameras nur ein Element einer viele Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens umfassenden Kontrolle. Neben den visuellen Techniken kristallisieren sich in einer Großstadt wie München im täglichen Leben ihrer Bewohner so viele andere Faktoren der Überwachung heraus.[5] So werden beim Einkaufen über Kundenkarten Daten über die Konsumenten erhoben (Payback), von Versicherungsunternehmen und der SCHUFA Holding AG vermittels Verfahren des sog. scoring, Menschen in verschiedene Klassen[6] scheinbar solventer oder riskanter Menschen eingeteilt, Bewerber bei Einstellungsgesprächen dazu gebracht — natürlich nur freiwillig — bestimmte Drogenscreenings mitzumachen und ganze Datensätze ihrer Kunden von der Deutschen Post AG gewinnbringend verkauft.[7] Diese Aufzählung muss fragmentarisch bleiben und wir haben es hier mit Phänomenen zu tun, die bereits angewendet werden. Andere Verfahren befinden sich in der Entwicklung oder sind bestenfalls Zukunftsmusik. Die Äußerungen des derz. Innenministers Dr. Wolfgang Schäuble (CDU) zur Onlinedurchsuchung von Computern von Seiten des Staates, die mittlerweile in zahlreichen Landespolizeigesetzen legalisierte Verwendung von IMSI-Catchern zur Ortung von Mobiltelefonen und deren Inhabern[8] oder aber auch das angestrengte Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung, bei dem alle Verbindungsdaten (E-Mail, Telefon, Internet, SMS) und evtl. auch der Standort von Mobiltelefonen ein halbes Jahr gespeichert werden sollen, sprechen eine deutliche Sprache.
An der Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft befindet sich zurzeit die RFID[9] Technik. Hierbei handelt es sich um berührungslos auszulesende und mit einer einzigartigen Nummer identifizierbare Chips, deren Produktionskosten mittlerweile so günstig geworden sind, dass sich auch eine massenhafte Verwendung lohnt. Diese Chips sind inzwischen in die neuen Reisepässe integriert, wurden aber auch schon während der Fußballweltmeisterschaft in den Tickets verwendet. Dabei wurde sogar die Personalausweisnummer zur eindeutigen Identifikation des Karteninhabers gespeichert, was nach dem Passgesetz eigentlich verboten ist. Ginge es nach dem Hersteller Philips oder der Metro AG, die diese Technik bereits in ihrem Future Store in Rheinberg testet, würden RFID Chips schon bald flächendeckend eingesetzt. Auch wenn diese Chips durchaus Vorteile bieten, stellt sich die Frage, wie einzelne RFID Chips, die ja auch in Kleidungsstücke, Joghurtbecher, Kunden- und Kreditkarten, Bargeld usw. integrierbar sind, aus der Ferne (evtl. ohne Wissen des Trägers) abgelesen werden sollen und gleichzeitig sichergestellt werden kann, dass mit den Daten vertrauenswürdig umgegangen wird. Aber inwieweit sollten die Bürger hier den Unternehmen überhaupt vertrauen, die ja von diesen Daten leben? Inwieweit kann der einzelne noch sicherstellen was wer von ihm weiß?
Informationelle Selbstbestimmung. Im Rahmen des Volkszählungsurteils von 1983 leitete das Bundesverfassungsgericht aus dem verfassungsmäßigen Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und der Unantastbarkeit der Menschenwürde das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ab. Die Richter wiesen vor dem Hintergrund moderner Datenverarbeitung darauf hin, dass eine Rechtsordnung, in der die Bürger nicht wissen, wer was über sie speichert, nicht mit der Gesellschaftsordnung des Grundgesetzes vereinbar ist. Der Bürger kann sich, wenn er nicht weiß, was über ihn gespeichert wurde, demnach nicht frei entfalten.[10] 23 Jahre später sieht die Realität anders aus. Was die private Wirtschaft angeht, geben die meisten Menschen zahlreiche Daten mittlerweile freiwillig von sich preis, wobei man an dieser Freiwilligkeit oft zweifeln kann, denn wer hat schon Lust, sich seitenlange AGB’s oder kleinstgeschriebene Datenschutzhinweise durchzulesen. Was den staatlichen Bereich angeht, werden im Rahmen des propagierten Kampfes gegen „den“ Terrorismus, auch immer mehr Daten gesammelt (genetischer Fingerabdruck, Flugpassagierdaten, Datenbanken, Ausländerzentralregister, Rasterfahndung u.v.m.) doch ist der Widerstand vergleichsweise gering.[11] Warum?

Abb. 2: Kamera in Berliner U-Bahnhof.
Empirie und Abstraktion. Manch einer mag nun entgegenhalten, dass doch die Kontrolle und Überwachung von Menschen in der Öffentlichkeit durchaus sinnvoll und nützlich sein kann, dass damit Verbrechen verhindert und Verbrecher abgeschreckt werden können, gar terroristischen Anschlägen entgegengewirkt werden könne. Doch hier möchte ich differenzieren. Zum einen ist es fragwürdig und überhaupt nicht wissenschaftlich erwiesen, dass bspw. durch Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen, Verbrechen verhindert werden und die diesbezüglichen Studien sind oft ideologisch motiviert.[12] Andererseits möchte ich Überwachung und Kontrolle, Disziplinierung und Strafe als strukturelle Funktionen einer Gesellschaft, in ihrer mittlerweile immer totaler werdenden Ausdifferenzierung, nicht mit der auf empirischer Ebene teilweise ja sogar sinnvollen Anwendung solcher Techniken vermischen.
Wenn wir die Frage beantworten wollen, warum in unserer Gesellschaft Überwachung, Disziplinierung und Normierung solche Ausmaße annehmen, können wir nicht nur auf der Ebene einzelner (verhinderter) Anschläge oder Gewalttaten verhaftet bleiben.
Überwachen und Strafen. Michel Foucault untersuchte in seinem Werk Überwachen und Strafen die Entwicklung von Disziplinierung, Bestrafung und Überwachung exemplarisch in der frz. Gesellschaft, ausgehend vom Mittelalter über die Neuzeit bis zur Gegenwart. Er ging dabei sehr konkret auf die verschiedenen Machttechniken ein, die gerade in den Gefängnissen, Strafpraktiken- und strategien, den Zellenwagen, den modernen Panoptiken usw. deutlich werden. Kurz er widmete seinen Blick einer (Mikro)Physik der Macht. Dabei entdeckte er in den spezifischen Überwachungs- und Strafpraktiken eine ganze „Ökonomie der Macht“[13] aber auch eine „Ökonomie des Körpers“[14]. Die Praktiken der Überwachung und Strafe verweisen so auch auf die politische Sphäre und „[d]ie peinliche Strafe [des Mittelalters] ist auch als ein politisches Ritual zu verstehen. Sie gehört auf ihre Weise zu den Zeremonien, in denen sich die Macht manifestiert“[15]. Im Mittelalter überwogen noch Techniken der Marter. Der Souverän als König fühlte sich durch die ungesetzlichen Taten eines Untergebenen persönlich angegriffen und wehrte bzw. rächte sich vermittels Folter am Körper des Ungesetzlichen. Dabei handelt es sich um ein Zeremoniell, in dem die Souveränität des Königs wiederhergestellt wird. Die Marter erfüllt hier eine rechtlich-politische Funktion.[16] Die Marter, das Geständnis des Ungesetzlichen und die terrorisierende und abschreckende Wirkung auf die Gesellschaft drücken hier nicht Gerechtigkeit aus, sondern stellen lediglich die Macht wieder her.[17] Mit der Zeit veränderte sich aber dieser funktionale Zusammenhang und im 18. Jh. traten „milde Strafen“ an die Stelle der Folterpraktiken. In einer Gesellschaft zunehmender Produktivität, der Vermehrung der Reichtümer und der Aufwertung der Eigentumsbeziehungen mit strengeren Überwachungsmethoden, passten sich die Strafpraktiken an die neue Situation an und der Verschiebung der Straftaten weg von den Gewaltdelikten hin zu Eigentumsdelikten entspricht eine Ausweitung und Verfeinerung der Strafpraktiken.[18] An die Stelle von Folter traten langsam die sog. humanen Strafen.
Geburt des Gefängnisses. Die milde Strafe wirkt nun aber in einer kalkulierten Ökonomie der Strafgewalt, in der sich der Zielpunkt der Gewalt weg vom Körper hin zum Geist verschiebt. Zur Seele, doch ist diese Seele in einer Ökonomie der Strafe und des Wissens angesiedelt und erscheint als „Korrelat einer Machttechnik“.[19] Wohingegen im Mittelalter das Wissen um den Körper entscheidend war, ist nun das Wissen um die Seele des Ungesetzlichen, des Delinquenten immer wichtiger. Wissenschaftler sind nun bemüht die Gesinnung des Straftäters zu verändern und Wissen um ihn zu erlangen.[20] „Das Gefängnis funktioniert als ein Wissensapparat“[21].
Disziplin und Wissen. Michel Foucault beschreibt ausführlich, wie sich in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft (Gefängnissen, Fabriken, Krankenhäusern, Kasernen, Schulen) Disziplinen, also „Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig/ nützlich machen […]“ entwickeln[22] und das alles geschieht bedingt durch eine Ökonomie der Macht. „Zusammen mit der Überwachung wird am Ende des klassischen Zeitalters die Normalisierung zu einem der großen Machtinstrumente“[23]. In den Fabriken der industriellen Produktion, in den normierten Schulen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern bedienen sich Institutionen der Disziplin als eines Typs der Macht, die Disziplin wird zur Technologie[24], die im gesellschaftlichen Ganzen funktioniert um immer größer werdende Menschenmassen und den immer größer werdenden Produktionsapparat zu ordnen[25]. Das Wissen um den Straftäter, den Soldaten, den Patienten, den Schüler, den Arbeiter ist dabei integraler Bestandteil einer sich entwickelnden Disziplinargesellschaft und in diesem Zusammenhang sind auch die Kriminalistik, Militärwissenschaft, Medizin, Psychiatrie, Pädagogik, Soziologie usw. zu betrachten.

Abb. 3: Konzept des Panoptikums v. J. Bentham. 18. Jh.
Panoptikum. Das Panoptikum (Abb. 3) ist ein von Jeremy Bentham um 1787 entwickeltes Konzept zum Bau von Gefängnissen, Fabriken und ähnlichen Gebäuden. Dieser Gebäudearchitektur liegt das Prinzip eines ringförmigen Gebäudes zugrunde, in dessen Mitte sich ein Turm befindet, von dem aus man in die ringförmig um den Turm angeordneten und mit Fenstern auf beiden Seiten versehenen Zellen blicken kann. Die Insassen, Patienten, Schüler in diesen Zellen können dabei sich gegenseitig, aber auch den Wärter in der Mitte nicht erkennen. Der Wärter, ob anwesend oder nicht, es reicht seine scheinbare Anwesenheit, kann aber potentiell immer alle und jeden sehen.[26] Die Hauptwirkung besteht in der „[…] Schaffung eines bewußten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen, der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt“[27].
Moderne Überwachungstechniken. Das dem Panoptikum zugrunde liegende Prinzip der Überwachung, des Sehens und Nicht-Gesehenwerdens, der totalen Überwachung und Disziplinierung, findet seinen Ausdruck nun an vielerlei Orten auch unserer modernen Gesellschaft. Nicht nur in dystopisch überzeichneter Form bei Orwell[28], sondern auch in unserer heutigen Gesellschaft wirkt das panoptische Prinzip durch die Institutionen. Kommen wir noch einmal zurück auf das eingangs erwähnte Beispiel der Kameraüberwachung im Café. Wenn die Bedienung überwacht wird, ohne zu wissen ob jemand hinter der Kamera sitzt, wenn man durch die Stadt schlendert, ohne zu wissen wer einen gerade auf dem Bildschirm heranzoomt um zu erkennen, ob man nicht eine Zigarette auf den Boden geworfen hat, wenn man auf einer genehmigten Kundgebung von schwarz-militärisch gekleideten USK-Beamten der bayrischen Polizei permanent und nah gefilmt wird, ohne zu wissen, ob nach Beendigung der Demonstration ein Bilddatenabgleich durchgeführt wird, wenn man am Telefon aufpasst was man sagt und in der E-Mail überlegt was man schreibt, was ist dies anderes, als permanente Disziplinierung, Normierung in ihrer modernsten Form. In der heutigen Disziplinargesellschaft wirkt das panoptische Prinzip verstreut, versteckt, an Orten von denen man es gar nicht erwartet, auf vielerlei Art und Weise und immer geht es auch um Wissen. Wissen um die Handlungen einer Person, Wissen um die Kaufgewohnheiten, Wissen um den Inhalt von Briefen, Telefonaten, E-Mails, Wissen um die Solvenz eines potentiellen Käufers, Wissen um die Seele des Konsumenten aber auch Wissen um die Feinde einer Gesellschaft die in der Warenform denkt und regiert.
Non-lethal-weapons.[29] Der Verschiebung der Disziplinarpraktiken weg vom Körper hin zum Geist entsprechen dabei auch moderne Formen der Aufstandsbekämpfung und Massenkontrolle. Wohingegen traditionellerweise tödliche Schusswaffen das Disziplinierungsbild der Polizei prägten, existieren in den Vereinigten Staaten und auch teilweise in Europa zahlreiche Forschungsprogramme zur Entwicklung moderner Waffen, die nicht mehr rein äußerlich am Körper ansetzen sondern direkt das Bewusstsein ansprechen bzw. einschränken (Abb. 4, 5). Moderne Waffen dienen dabei nicht nur der Beherrschung bereits bestehender Konflikte sondern auch der vorbeugenden Verhinderung von unerwünschten Handlungen bei Aufständen, Kundgebungen, Demonstrationen usw. Beispielsweise verbinden „demonen“, also directed energy munition, die Wirkung von Strahlen, Gasen und Schall, um Massen in ihrem Verhalten zu lenken und zu beeinflussen. Aber auch Schocklähmungswaffen wie der taser, der mittlerweile in ganz Europa eingeführt wird, wirken disziplinierend. Akustische Waffen, Strahlenkanonen, biologische und chemische Kampfstoffe — alle „human“ weil nicht tödlich — werden in diesem Zusammenhang entwickelt und teilweise schon eingesetzt. Es entwickelt sich eine „ […] ,totale Technik’ im Kampf gegen Unzufriedenheit, Unruhe und Terror“[30].

Abb. 4: Non lethal Kinetic Impact Weapon, illicit short distance utilisation. Anti G8 Demonstrationen in Seattle/ Vereinigte Staaten.

Abb. 5: „Humane“ Waffe Shocker.
Gemarterter, Delinquent, Terrorist. Michel Foucault zeigt, die moderne Machtökonomie produziert einen Justizapparat und sein Objekt. An die Stelle des Gemarterten im Mittelalter trat der Delinquent der Neuzeit, der vom Strafapparat als Zielscheibe der Strafgewalt produziert und als Gegenstand der Strafgewalt hergestellt wird.[31] In der Tat ist die Rückfallquote enorm und die größte Gruppe der derzeit rund 80.000 Inhaftierten in Deutschland ist wegen Eigentumsdelikten eingesperrt.[32] Die Delinquenten der kapitalistischen Gesellschaft und ihre Verbrechen widersprechen der Gesellschaftsstruktur dabei nicht prinzipiell. Nein, indem die moderne Strafjustiz Delinquenten en masse produziert, schließt sie andere Personen aus dem Justizapparat aus. „Das Gefängnis bezeichnet, isoliert und unterstreicht eine Form der Gesetzwidrigkeit, die symbolisch alle anderen zu umfassen scheint, die es ihm aber gerade gestattet, die anderen Formen zu übersehen oder zu tolerieren“[33]. Die Delinquenten der kleinen Vergehen gegen die kapitalistische Logik des Eigentums und der Ausbeutung stehen zu dieser eher in einem funktionalen und „strukturinternen Widerspruch“[34]. Die vom kapitalistischen Justizapparat produzierten Delinquenten lassen sich kontrollieren und überwachen (Haft und Bewährung), die Gruppen an Delinquenten lassen sich unterwandern und Denunzianten lassen sich anwerben (V-Männer, Verfassungsschutz). Unter dem Vorwand der Kontrolle der Delinquenten lässt sich die gesamte Bevölkerung überwachen.[35] Und was produziert unsere gegenwärtige Gesellschaft, welche Kategorien schafft der entwickelte Kapitalismus an seiner „ideologischen Peripherie“, was macht eine immer totaler werdende Überwachung erst möglich, welche Mechanismen müssen in wirtschaftlich fortgeschrittenen Gesellschaften geschaffen werden, um eine wirklich fortschrittliche Überwachung der Bevölkerung zu gewährleisten? Kann es nicht sein, dass die Menschen die totale Disziplinierung und Überwachung erdulden und deren Produkt, den entwickelten Delinquenten der (Post)Moderne, als Terroristen verdammen und auf ihn herabschauen, so wie es einst die Menschen des Mittelalters mit dem Königsmörder taten (Abb. 6)?

Abb. 6: Fahndungsplakat des BKA. Wiesbaden 1975.
Endnoten:
[1] Marx, Karl; Engels, Friedrich 1983: Werke. Band 25. „Das Kapital“. Bd. III. Siebenter Abschnitt. Berlin/ DDR: Dietz. 825.
[2] Foucault, Michel 1995 [frz. Orig. 1975]: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/ Main: Suhrkamp. 374-5.
[3] Café an der Uni, Ludwigstr. 24, München.
[4] 21. Tätigkeitsbericht des Landesbeauftragten für den Datenschutz. Gemäß Art. 30 Abs. 5 des Bayerischen Landesdatenschutzgesetztes. Berichtszeitraum 2003/2004. München: 48-54.
20. Tätigkeitsbericht des Landesbeauftragten für den Datenschutz. Gemäß Art. 30 Abs. 5 des Bayerischen Landesdatenschutzgesetztes. Berichtszeitraum 2001/2002. München: 111-122.
[5] Blum, Elisabeth 2003: Schöne neue Stadt. Wie der Sicherheitswahn die urbane Welt diszipliniert. Basel; Berlin.
[6] Hier nicht im streng marxistischen Sinne als Besitzer/ Nichtbesitzer der Produktionsmittel verwendet.
[7] Tangens, Rena; padeluun (Hrsg.) 2006: Schwarzbuch Datenschutz. Ausgezeichnete Datenkraken der BigBrotherAwards. Hamburg: Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg.
[8] Ibid.: 76.
[9] RFID: „Radio Frequency IDentification“. Dt. „Identifizierung per Funk“.
[10] Urteil des Ersten Senats vom 15. Dezember 1983 auf die mündliche Verhandlung vom 18. und 19. Oktober 1983. 1 BvR 209, 269, 362, 420, 440, 484/83.
[11] Vgl. dazu den interessanten Vortrag von Dr. Markus Demleitner vom 13. März 2006 in der Universität Ulm. Thema: Polizeiliche Datenbanken. Online einsehbar als Videodokument unter:
ulm.ccc.de/ChaosSeminar/2006/03_Polizeidatenbanken?highlight=%28ChaosSeminar%2F2006%29
[12] Tangens, Rena; padeluun (Hrsg.) 2006: 56-60.
[13] Foucault, Michel 1995 [frz. Orig. 1975]: 47.
[14] Ibid.: 36.
[15] Ibid.: 63. [Anm. F.Z.]
[16] Ibid.: 64.
[17] Ibid.: 65.
[18] Ibid.: 99.
[19] Ibid.: 129.
[20] Ibid.: 162.
[21] Ibid.: 164.
[22] Ibid.: 175.
[23] Ibid.: 237.
[24] Ibid.: 277.
[25] Ibid.: 280.
[26] Ibid.: 256-7.
[27] Ibid.: 258.
[28] Orwell, George 1950 [engl. Orig. 1948]: Neunzehnhundertvierundachtzig. Rastatt; Stuttgart.
[29] In Zusammenhang zu diesem Thema, das ich hier nur kurz streifen kann, verweise ich auf zwei sehr lesenswerte Bücher von Olaf Arndt, dem ich zu verdanken habe, auf diesen Bereich moderner Machtausübung hingewiesen worden zu sein:
Arndt, Olaf 2005: Demonen. Zur Mythologie der Inneren Sicherheit. Recherchen über „politische Technologien“ zur Steuerung und Begütigung unruhiger Massen. Hamburg: Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg.
Arndt, Olaf (Hg.) 2005: TROIA. Technologien politischer Kontrolle. München: belleville Verlag Michael Farin.
[30] Arndt, Olaf (Hg.) 2005: 5.
[31] Foucault, Michel 1995 [frz. Orig. 1975]: 327.
[32] Steinke, Ron 2006: Einer geht noch rein. In: JungleWorld 50. Ausgabe vom 13.12.2006. Berlin.
[33] Foucault, Michel 1995 [frz. Orig. 1975]: 356.
[34] Godelier, Maurice 1970: System, Struktur und Widerspruch im „Kapital“. Internationale Marxistische Diskussion 8. Berlin: Merve Verlag. 21.
[35] Foucault, Michel 1995 [frz. Orig. 1975]: 363.
Bilder:
[in dieser Form nur auf der Online-Version des Artikels]
Abb. 1: Andrea Mair 2007
Abb. 4: Foto: Bildanhang zum Bericht der STOA-Kommission des EU-Parlamentes über
„crowd control“. Steve Wright. Omega Foundation. Manchester 2001.
Abb. 5: Bildanhang zum Bericht der STOA-Kommission des EU-Parlamentes über
„crowd control“. Steve Wright. Omega Foundation. Manchester 2001.
Abb. 6: Foto: Archiv 451, Ligsalzstr. 11, München.


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