Macht — eine Analyse

Text: Wolfgang Carlos Thoma.

Die Thematik Macht kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Schon Thukydides erkannte in seiner Darstellung des Peloponnesischen Krieges (Melierdialog) die Macht als Antrieb politischen Agierens. Um 1513 thematisierte Niccolò Machiavelli in „Il principe“ die Machterlangung und Machtanhäufung, während sich John Locke 1689 für die Gewaltenteilung (nur legislativ und exekutiv) aussprach. Auch im 18. und 19. Jahrhundert beschäftigten sich eine Reihe Theoretiker mit dem Staat und der Machtlegitimität. Zu nennen wären neben Rousseau auch Hegel und Marx. Sie legten Wert auf die Legitimität und Aufgabenverteilung des Staates und seiner Macht. Zu dieser Zeit haben sich Machtformen eröffnet, institutionalisiert, verselbstständigt, die sich bis in die heutige Zeit auswirken, ja schrecklich verfeinert haben (diesbezüglich verweise ich auf unsere weiteren Artikel). Im Zeitraum der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre befassten sich diverse Wissenschaftler mit der Thematik der Macht. Zu nennen wären unter anderem Bachrach, Baratz, Lukes, Arendt und Foucault, die sich mit der Frage der Dimensionalität der Macht auseinander- setzten. Im Laufe der Zeit hat sich die Definition ausdifferenziert und abgespalten. Die Zentren der Macht haben sich vervielfacht, ihre Benennung hat sich anonymisiert. Macht scheint in allen Bereichen des Individuums und der Gruppe zu agieren, sich zu bedingen, aufeinander zu treffen und zu unterdrücken. Die Macht der Gefühle, die Macht des Willens, die Macht über den Partner, die Macht im Straßenverkehr, die Macht des Arztes, die Macht des Künstlers, die Macht der Medien, die Macht des Staates, die Macht der größtmöglichen Unabhängigkeit im internationalen System, um nur ein paar Machtbeziehungen aufzuzeigen. Machtbilder sind allgegenwärtig, alltäglich, visuell erfassbar/ erfahrbar, unbewusst, dem Auge verschlossen.
In diesem Artikel wird eine Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik der Macht angestrengt. Es ist durchaus bewusst, dass dieses Thema mit ein paar Seiten Abhandlung, seinem Bedeutungsstandpunkt nicht gerecht wird, doch wird eine kurze Analyse angestrebt. Dazu werden zuerst (1.) zwei grundlegende Machtverständnisse thematisiert, um folgend (2.) eine Systematisierung zu formulieren, die sowohl eine jeweils differenzierte Sicht der Macht, als auch Gemeinsamkeiten darstellen soll.

1. Grundsätzliche Machtverständnisse

a) power over als Verständnis, Macht über eine Person zu haben. Eigene Interessen, Ideen und Meinungen können gegenüber anderen bzw. die eigene(n) Handlungsmöglichkeit(en) können gegenüber den Handlungsmöglichkeiten anderer durchgesetzt werden. Dieser Machtbegriff versteht sich in einer sozialen Beziehung eingebunden. Es handelt sich um ein alltägliches Verständnis; das Verständnis, etwas gegen andere durchzusetzen.

Historisch wurden grundsätzlich drei Dimensionen der Macht theoretisiert.
1) Robert A. Dahl erarbeitete in den 1950er bis 1960er Jahren eine empirische Analyse der Macht als real ausgeübte Fähigkeit (Dahl befasste sich mit der fortwährenden Pluralität der amerikanischen Gesellschaft trotz unterschiedlicher Verteilung der Machtressourcen).
2) Bachrach und Baratz fügten eine — wie sollte es anders sein — nicht visuelle Machtdimension ein. Sie behandelten die Festlegung des agenda-settings in politischen Bereichen (sog. „non-decisions“), besser erklärt als die Fähigkeit zu verhindern, dass bestimmte Tagesordnungspunkte auf die Liste gesetzt werden. (Bachrach; Baratz 1963: 632-642)
3) Steven Lukes setzte eine dritte hinzu: Die Fähigkeit reale Interessen anderer zu unterdrücken, ohne dass es den Betroffenen bewusst wird. (Lukes: 1974)

Power over erwirkt einen grundsätzlich negativen Befund für die Unterworfenen, denn ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Diese Ansicht entspricht dem heutigen Verständnis von Macht als Herrschaft. Liberale Positionen vertreten den Standpunkt der Machtkontrolle, denn Macht ist in einer sozialen Beziehung unausweichlich. Konservative dagegen sprechen sich für einen Erhalt und eine Festigung der Macht aus, denn Gesellschaft ist ohne hierarchische Ordnung unmöglich. Die Autonomie des Einzelnen oder einer Gruppe wird durch den Machtbesitzenden eingeschränkt. Um Macht auszuüben, ist Macht als Fähigkeit nötig und somit ist keine strikte Differenzierung möglich.

b) power to als Verständnis, die Fähigkeit zu besitzen, etwas auch ohne die Zustimmung anderer durchzusetzen. Im Gegensatz zu power over ist die Beziehung hier eine selbstreferentielle, also auf das Handeln des Individuums selbst gerichtet. Voraussetzung ist, dass mindestens einer der Beteiligten in der Lage ist, Macht auszuüben, sprich mehr Macht besitzt als andere, diese aber nicht zwangsläufig einsetzt.
Die Fähigkeit (Macht bedeutet im Gotischen: Fähigkeit, im Lateinischen: potentia — können) der Macht hat im Vergleich zu power over keine negative Konnotation, denn der Fokus richtet sich auf das Individuum oder die Gruppe als Handlungseinheit. Macht wird nicht als negative Wirkung auf andere gesehen und ist nicht auf ein einzelnes Subjekt beschränkt, sondern sie ist gesellschaftskonstituierend, produziert gesellschaftliche Beziehungen und Autonomie. Daraus folgt, dass power to durch die konstitutionelle Generierung wirkt, also nicht nur potentiell vorhanden ist.
Macht muss bei der Analyse also vorher generiert sein, bevor sie ausgeübt werden kann. Somit muss zuerst die Macht als Fähigkeit analysiert werden, bevor ihre Wirkung(-sweise) der Untersuchung unterzogen werden kann. Power to muss power over vorangestellt werden, oder power to ist als vollkommen eigene Form der Macht in einer eigenen Form der sozialen Beziehung zu verstehen.
Power to-Analysen fokussieren die Generierung der Macht und wenn keine Adressaten der Macht untersucht werden, so ist lediglich die Fähigkeit, die Voraussetzung zur Ausübung von Macht relevant. Die Fähigkeit in diesem Sinne ist latent, potentiell, nicht sichtbar.
Selbstverständlich kann man jetzt diesen Standpunkt kritisieren und eine Analyse der Fähigkeit als eher heuristisch abwerten. Betrachtet man den Gedankengang, dass power over nur wirksam sein kann, wenn das entsprechende Potential zur Verfügung steht (power to), sowie potentielle Macht ohne deren Machtausübung und somit sichtbarer Darstellung, überhaupt nicht vorhanden zu sein scheint, kann solch eine Kritik durchaus plausibel erscheinen. Macht bedeutet nicht zwangsläufig Gewalt, jedoch kann Gewalt durchaus zur Machterweiterung missbraucht werden. Ein spezifischer Blick „hinter die Kulissen“ ist also durchaus sinnvoll und dies erfordert eine systematische Erfassung des Phänomens Macht.

2. Systematisierung

Macht mit asymmetrischem Bezug auf Andere (transitive Macht)

Hierbei wird Macht als Durchsetzung des eigenen Willens gegenüber dem Willen anderer verstanden. Die Handlungsoption des X schränkt die Handlungsoption des Y ein, bzw. die Option des Y wird um die Option des X eingeschränkt. Y muss sich nach den Präferenzen des Mächtigeren richten. Ein Vertreter der transitiven, uns alltäglich bekannten Macht wäre Max Weber. Seine Formulierung, „jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1984: 89) ist uns allen bestens bekannt. Allerdings bleibt eine Restmöglichkeit an Widerstand. Macht trifft also auf Gegenmacht (Luhmann : 1975), denn sonst wäre Macht Gewalt oder Zwang. Gewalt wäre instrumental, ein Werkzeug, welches, so überlegen es scheinen mag, gegenüber einer guten Organisation der Wirkungslosigkeit ausgeliefert wäre. (vgl. Arendt 2002 [1970] : 280-284)
Allerdings bleibt auch X noch eine weitere Möglichkeit. Er kann/ sollte die Optionen und Widerstandsmöglichkeiten des Y in seine Kalkulation mit aufnehmen.
Transitive Macht kann institutionalisiert oder aber auch moralisch wirken (siehe z.B. moralische Erwartungen der Bürger an die Politiker, auch wenn diese Machtform fragwürdig erscheinen mag). Die Verteilung der Machtquellen ist bei politischen Auseinandersetzungen heftig umfochten, da sie Nullsummenspiel-Charakter[1] aufweist.

Macht als Selbstreferenz (intransitive Macht)

Ungleich der transitiven Macht ist intransitive Macht keine Willensunterordnung, da der Fokus auf der Generierung/ Konstituierung der Gemeinschaft selbst liegt. Sie wirkt im gemeinsamen Handeln der Gruppenakteure und somit wirkt sie im Selbstbezug.
Macht ist kein Nullsummenspiel[2] sondern entwickelt durch die gemeinsamen Handlungen und Aktionen eine Dynamik der Steigerung, der Interdependenz. Ganz nach aristotelischer Philosophie ist der Mensch ein Gemeinschaftswesen und nur durch die Gemeinschaft ist die Verwirklichung des telos (Endzweck, Ziel) möglich.
Macht ist mit Bezug auf Arendt normativ, absolut und reiner Selbstzweck. Intransitive Macht als öffentlicher und politischer Raum generiert sich aus der Kommunikation, dem Handeln der Menschen und ist zugleich verwirklichte, also aktive Macht (Hannah Arendt trennt zwischen Macht und Gewalt, womit verwirklichte Macht ungleich transitiver Macht zu verstehen ist). „Der politische Bereich im Sinne der Griechen gleicht einer solchen immerwährenden Bühne, auf der es gewissermaßen nur ein Auftreten, aber kein Abtreten gibt, und dieser Bereich entsteht direkt aus einem Miteinander, dem ,mitteilenden Teilnehmen an Worten und Taten’. So entsteht das Handeln nicht nur im engsten Verhältnis zu dem öffentlichen Teil der Welt, den wir gemeinsam bewohnen, sondern ist diejenige Tätigkeit, die einen öffentlichen Raum in der Welt überhaupt erst hervorbringt.“ (Arendt 1967: 191). „Mit realisierter Macht haben wir es immer dann zu tun, wenn Worte und Taten untrennbar miteinander verflochten erscheinen, wo also Worte nicht leer und Taten nicht gewalttätig stumm sind, wo Worte nicht mißbraucht werden, um Absichten zu verschleiern, sondern gesprochen sind, um Wirklichkeiten zu enthüllen, und wo Taten nicht mißbraucht werden, um zu vergewaltigen und zu zerstören, sondern um neue Bezüge zu etablieren und zu festigen, und damit neue Realitäten zu schaffen.“ (ebd.: 194). „Macht ist, wann immer Menschen sich zusammentun und gemeinsam handeln, ihre Legitimität […] stammt aus dem Machtursprung, der mit der Gründung der Gruppe zusammenfällt.“ (Arendt 2002 [1970] : 281) Die Legitimität ist ein prinzipielles Unterscheidungsmerkmal zwischen Macht und Gewalt. Das Machtpotential erschließt sich aus und legitimiert sich durch die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft selbst. Für Hannah Arendt ist dies das Politische und „[a]lle politischen Institutionen sind Manifestationen und Materialisationen von Macht; sie erstarren und verfallen, sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinter ihnen steht und sie stützt“ (ebd.: 42), die legitime Basis der Macht entfällt. „Macht gehört in der Tat zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen, ja aller irgendwie organisierten Gruppen“. (ebd.: 280)
Die Macht organisatorischer Überlegenheit gegenüber reiner Gewalt kann gegeben sein (siehe z.B. die Feldzüge des Hannibal oder Gandhis ziviler Ungehorsam), doch kann auch Arendt nicht bestreiten, dass Gewalt Macht besiegen kann. Fakt ist jedoch, dass, „[w]as niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ (ebd.: 283) Sobald die staatliche Institution Macht zu verlieren scheint, tritt Gewalt auf. Zudem gehen der Machtverlust gegenüber einer fremden Macht und der Gebrauch der Gewalt zur Unterdrückung und Zerstörung dieser mit der Zerstörung der eigenen Machtstrukturen einher.
In „Die Maschen der Macht“ weist Foucault (2005 [1994]: 220-239) deutlich darauf hin, Macht nicht nach westlich etabliertem Rechtsverständnis des Verbots verstehen zu können: „Ich glaube, von diesem juristischen Verständnis der Macht, diesem Machtbegriff, der auf Gesetz und Souveränität, Regel und Verbot aufbaut, müssen wir uns nun befreien, wenn wir nicht nur die Repräsentation von Macht, sondern deren reale Funktionsweise analysieren wollen.“ (ebd.: 224) Machtbeziehungen sind überall vorhanden, „[w]enn wir aber davon ausgehen, dass Macht nicht in erster Linie die Funktion hat zu verbieten, sondern zu produzieren, Lust zu schaffen, können wir verstehen, warum wir der Macht gehorchen und uns zugleich daran erfreuen können, was nicht unbedingt als masochistisch einzustufen wäre.“ (ebd.: 238)
Auch Foucault beschäftigt sich mit Macht und der Gesellschaft. Das Ziel seiner zwanzigjährigen Forschung war es, „[…] eine Geschichte der verschiedenen Formen der Subjektivierung des Menschen in unserer Kultur […]“ (ebd.: 240) zu erarbeiten. Deshalb hat Foucault „[…] Objektivierungsformen untersucht, die den Menschen zum Subjekt machen.“ (ebd.)
Nun, welcher Charakteristik unterliegt der Foucault’sche Machtbegriff?
Zunächst bedarf es der Trennung von der Vorstellung der Macht über Dinge (als objektive Fähigkeit). Auch ist Macht nicht nur als Kommunikationsprozess — im Sinne von Sprache, Symbolik, etc. — zu verstehen. Individuen werden von vielen Machtverhältnissen durchdrungen, die nicht in erster Linie repressiver Art sind. Macht kann nicht besessen werden, denn sie durchdringt jeden Einzelnen wie das kleinste Element und riskiert sich selbst immer wieder aufs Neue. Macht ist in Beziehung zwischen Partnern lokalisiert, deshalb wird weiterhin von Machtbeziehungen ausgegangen.
Machtbeziehungen, Prozesse der Kommunikation und objektive Fähigkeiten sind miteinander verbunden und kommen durchaus als „Gesamtpaket“ zum Einsatz, doch die Verteilung ist unterschiedlich, von Ort, Zeit und weiteren Umständen abhängig.
Durch die Ausübung von Macht wird auf andere Handlungen eingewirkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Verzicht auf Freiheit vorliegt, denn, wie später noch gezeigt wird, ist die Freiheit Voraussetzung für Macht. Gewalt (auch Foucault trennt eindeutig zwischen Macht und Gewalt) ist ein Mittel, wirkt auf Körper oder Dinge und ist als Zwang zu verstehen. Machtausübung hingegen bedeutet Einfluss zu nehmen auf die Wahrscheinlichkeit bestimmter Handlungen. Sie strukturiert mögliche Handlungsbereiche und ist nach Foucault „regieren“. (ebd.: 256) Es kann nicht geleugnet werden, dass Gewalt und die Herstellung eines Konsens’ ausgeschlossen werden können, und manchmal ist beides auch notwendig, doch widersprechen sie dem Prinzip der Machtausübung.
Freiheit ist Voraussetzung für Macht, denn determinierte Handlungen bedeuten Unfreiheit und somit ist keine Machtbeziehung vorhanden. Machtausübung ist ein Ensemble, kann Anreize bieten, verführen, locken, Handlungsmöglichkeiten liefern, erweitern oder erschweren. Machtausübung ist auf Handeln gerichtetes Handeln. „Statt von einem wesenhaften ,Antagonismus’ sollten wir hier besser von einem ,Agonismus’ sprechen — einem Verhältnis, das durch gegenseitiges Anreiben und Kampf geprägt ist und weniger durch einen Gegensatz, in dem beide Seiten einander blockieren, als durch ein permanentes Provozieren“. (ebd.: 257) Transitive Macht stößt auf intransitive Macht, die ambivalente Machtbeziehung hat repressive und produktive Wirkung.
Macht bietet Differenzierung, Zielrichtungen, instrumentelle Modalitäten, Formen der Institutionalisierung und diverse Rationalisierungsgrade (ebd.: 259) und in der heutigen Zeit scheinen sich alle Arten der Machtbeziehung auf den Staat zu beziehen. Oder, wie Foucault sagt: „[…] Machtbeziehungen sind zunehmend ,gouvernementalisiert’[…]“. (ebd.: 260)
„In Gesellschaft leben bedeutet: Es ist stets möglich, dass die einen auf das Handeln anderer einwirken. Eine Gesellschaft ohne ,Machtbeziehungen’ wäre nur eine Abstraktion.“ (ebd.: 258)
Im Konstrukt der Gesellschaft (generiert durch Macht) herrschen Machtbeziehungen, die, wie erwähnt, Handlungsmöglichkeiten ergeben, erweitern oder beschränken. Das käme der intransitiven Machtsystematik gleich.
Nach Pierre Bourdieu werden Machtverhältnisse durch Symbole bzw. die symbolische Macht sichtbar gemacht. Zunächst werden, durch die Symbole der Herrschenden, asymmetrische Verhältnisse in der Gesellschaft durch Kampf etabliert und konstituiert, was transitiver Macht entspräche. Sind diese gesellschaftlichen Unterschiede etabliert und ist eine Klassengesellschaft konstituiert, wird eine legitime Weltsicht strukturiert und ein entsprechender Wahrnehmungsraum geschaffen (intransitive Macht).
Symbole verfestigen durch die Offenlegung die gemeinsamen Orientierungen und Werte.
Im Vergleich zu Arendt fehlt Bourdieu allerdings der gemeinsam geteilte Wertekatalog, der grundlegend für intransitive Macht ist, denn sie konstituiert das Gemeinwesen als einen gemeinsamen und symbolisch prägenden Handlungsraum, einen Raum gemeinsamer Orientierungen und Handlungen, der erst das menschliche Zusammenleben ermöglicht. Betrachtet man Niklas Luhmanns Thesen, wird das besonders deutlich. Macht ist demnach ein Kommunikationssystem, bei dem man sich Kredite gibt und Leistungen erwartet. Zur Steigerung des einen, ist die Erhöhung des anderen notwendig. Somit steigert sich die Macht durch die gemeinsame Handlung.

Transitive Macht benötigt power over, jedoch ist sie nicht nur als Macht über jemanden zu verstehen, denn der Unterschied liegt in der Möglichkeit der Gegenbewegung, des Widerstandes.
Intransitive Macht generiert einen Raum des Gebens und Nehmens, der spezifischen Erwartungshandlung, der eigenen Selbstbeschränkung und zugleich der Handlungserweiterung. Macht in transitivem Sinne wirkt also repressiv und produktiv zugleich. Sie ist die verwirklichte Fähigkeit der Machtausübung und damit von power to zu unterscheiden.
Sowohl transitiver als auch intransitiver Macht ist gemein, dass sie durch die Machtausübung gesellschaftlich strukturierend wirken. Gesellschaft ist durch transitive Macht strukturiert, durch intransitive Macht konstituiert und erhalten. Beide Machtverständnisse strukturieren die Gesellschaft, bedingen sich gegenseitig, sind komplementär. Symbole wirken als Sichtbarmachung und Festigung der gesellschaftlichen Struktur.
Oder in den Worten Foucaults: „In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion“. (Foucault 1994 [1975]: 250)

Transitive Macht

Bezug auf andere
Wille
bewirkt
steuert
Verwirklichung
Machtausübung
Handlungsraum verschränkt
instrumental

Intransitive Macht

selbstreferentiell
Symbolik
repräsentiert
integrierend
(Selbst-)Ermächtigung
Machtproduktion
Gemeinsamer Handlungsraum
Selbstzweck

Fußnoten:

[1] Aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften und der Mathematik (game theory) entsprungen. Ein Nullsummenspiel entsteht, wenn zwei Parteien gemeinsam agieren. Exakt den Teil, den Partei B verliert, gewinnt Partei A. Die Summe der Gewinne und Verluste ergibt somit genau Null.

[2] Analog ist ein Nicht-Nullsummenspiel mit ungleichen Ergebnissen definiert. Zum Beispiel wäre Kooperation ein Nicht-Nullsummenspiel. Im „politischen Realismus“ ist genau diese Theorie der ungleichen Ergebnisse ein Grund für die staatliche Abneigung vor Kooperation.

Quellen:

Zur strukturellen Basis:
Göhler, Gerhard: Ringvorlesung „Grundbegriffe der gegenwärtigen politischen Theorie“, 14.11.02.

Zitierung:
Arendt, Hannah:
Macht und Gewalt, 1970 in: Politisches Denken im 20. Jahrhundert — Ein Lesebuch; Hrsg. Münkler. H., 5. Auflage, München, Piper Verlag GmbH, 2002, S. 280-284.

Macht und Gewalt, 1970, 2. Auflage, München, R. Piper & Co. Verlag, München, 1971, S. 42.

Vita Activa oder Vom tätigen Leben, 1967, 5. Auflage, R. Piper & Co. Verlag, München, 1987.

Foucault, Michel:Überwachen und Strafen, 1975, Frankfurt/M, Suhrkamp Verlag, 1994, S.249f.

Die Maschen der Macht und Subjekt der Macht, in: Analytik der Macht, 1. Auflage 2005, Frankfurt/M, Suhrkamp Verlag,, S. 220-239, 240-263.

Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe. Mit einer Einführung von J. Winckelmann, 6. Aufl., Tübingen, UTB, 1984, S. 89.

Inhaltliche Erwähnung:
Bachrach, P., Baratz, M.:
1963: Decisions and Non-Decisions. An Analytical Framework. In: The American Political Science Review 57. Heft 3. S. 632-642.

Luhmann, Niklas: 1975: Macht, Tübingen, UTB.

Lukes, Steven: 1974: Power. A Radical View. London.

13 Responses to “NIM: Thoma, Wolfgang C.: Macht”

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