Hier kommt die Polizei
Interview: Andreas Höll, Ruth Krause, Lisa Riedner.
Als exekutive Institution eines Staates ist die Polizei unentwirrbar mit dem Thema Macht verknüpft. Dabei wissen wir als Außenstehende meist gar nicht, wie sich Vertreter dieser Institution selbst wahrnehmen. Wir interviewten eine Polizistin mit über achtjähriger Berufserfahrung, um mehr darüber zu erfahren. Nach ihrer zweieinhalbjährigen Ausbildung ist sie gut fünf Jahre uniformiert in München Streife gefahren. Mittlerweile kontrolliert sie seit einem knappen Jahr in zivil Gaststätten auf illegal beschäftigte Personen und andere Straftaten. Wir trafen die, einem von uns gut bekannte, 26-Jährige in einer lockeren 4er Runde. Sie stellte sich unseren Fragen zu ihrem Beruf, der ihr nach wie vor viel Spaß macht. Die folgenden Aufzeichnungen stellen einen Auszug aus diesem 60-minütigen Gespräch dar. Die von uns interviewte Polizistin möchte aufgrund ihrer Tätigkeit anonym bleiben. Das Interview führten Lisa Riedner, Ruth Krause und Andreas Höll.
Welche Gründe waren für dich ausschlaggebend, Polizistin zu werden?
Dass ich mich für die Polizei entschieden habe, war eher eine spontane Entscheidung als ein Kindheitstraum. Meine Mutter brachte mich eines Tages auf die Idee. Zu dieser Zeit habe ich die Wirtschaftsfachoberschule besucht, aber ins Bank- oder Versicherungswesen wollte ich nicht. Mit der Vorstellung, eine geregelte Arbeitszeit zu haben und jeden Tag das Gleiche zu tun, konnte ich mich nicht anfreunden.
Welche Vorstellungen hattest du damals von deinem Berufsalltag bei der Polizei?
Mit der Polizei verband ich schon immer einen gewissen Respekt. Aber wirklich vorstellen, was da auf mich zukommt, konnte ich mir damals noch nicht. Mir gefiel die Vorstellung, Einsätze zu fahren und Menschen in verschiedensten Situationen helfen zu können, was sich auch bewahrheitet hat. Aber der Beruf des Polizisten hat hauptsächlich etwas mit Erfahrung zu tun. Man muss in ihn hineinwachsen. In der Ausbildung wird man zwar gut auf den Beruf vorbereitet, aber das ist die Theorie — die Praxis sieht anders aus. Nach der Ausbildung wird man erst einmal ins kalte Wasser geschmissen und ist schon in jungen Jahren Situationen ausgesetzt, die man als „Normalbürger“ in aller Regel nicht erlebt. Messerstechereien oder Verkehrsunfälle, nicht selten mit tödlichem Ausgang. Darüber habe ich mir davor keine Gedanken gemacht.
Wie ist das für dich, wenn du mit solchen Situationen konfrontiert wirst?
Die Konfrontation mit toten Personen machte mir von Anfang an eher weniger Probleme. Ich mach dann einfach meinen Job, die tote Person registriere ich dabei nicht mehr. Aber bei Messerstechereien oder Ähnlichem mach ich mir auf dem Weg dorthin schon so meine Gedanken, schließlich weiß man nie was einen erwartet. Da hat man schon ein Kribbeln im Bauch. Doch sobald man am Einsatzort angekommen ist und man Menschen helfen kann ist das schlagartig weg. Man macht dann nur noch, was man durch ständige Rollenspiele während der Ausbildung und später in Seminaren automatisiert hat. Zum Glück musste ich noch nie eine Waffe direkt auf jemanden richten und ich hoffe dazu wird es auch nie kommen.
Kannst du uns mehr über deine Ausbildung bei der Polizei erzählen?
Ich war während meiner zweieinhalbjährigen Ausbildung in der Polizeiunterkunft in Königsbrunn. Dort verbringt man Tag und Nacht. Man hat zwar die Möglichkeit nach Dienstende nach Hause zu fahren, da ich damals aber noch nicht volljährig war und keinen Führerschein hatte, konnte ich nur am Wochenende zu meiner Familie. Die restliche Zeit war ich wirklich 24 Stunden am Tag mit meinen Kollegen zusammen. Wir haben gemeinsam gegessen, geschlafen und geduscht. Aber ich möchte die Zeit nicht missen. Es hat die Gemeinschaft gestärkt und viel Spaß gemacht. Wir wurden dort täglich von 7 bis 16 Uhr in Gesetzeslehre, Selbstverteidigung, im Umgang mit der Waffe, dem Marschieren und Sport unterrichtet. Die psychologische Ausbildung wird nur angerissen, aber das kann man später in freiwilligen Seminaren nachholen. Nach der Ausbildung muss jeder ein Jahr zur Bereitschaftspolizei. Dort bin ich Streife gefahren, beispielsweise in Rosenheim, oder auch geschlossene Einsätze wie den Castortransport.
Gibt es innerhalb der Polizei ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl?
Klar, wir verbringen sehr viel Zeit miteinander. Wir müssen uns ja gegenseitig auch vertrauen können. Schließlich lege ich mein Leben in die Hände meines Kollegen und umgekehrt. Da hat man eine gegenseitige Verantwortung und das schweißt zusammen. Es besteht aber die Gefahr, dass Polizisten ausschließlich unter sich bleiben. Gerade bei Kollegen die von anderswo herkommen und hier sonst niemand kennen. Das liegt auch an den Arbeitszeiten, denn wir arbeiten ja in mehreren Schichten und auch oft am Wochenende. Das hat zur Folge, dass man auch nach Dienstschluss noch viel über den Job redet. Man bleibt also Polizist, auch wenn man abends nach Hause geht — es ist eine Lebensaufgabe — aber man muss auch mal abschalten, um den Kopf wieder frei zu bekommen.
Wie ist das Geschlechterverhältnis innerhalb der Polizei?
Mit jüngeren Kollegen gibt es keine Probleme. Sie finden es gut, dass es weibliche Polizisten gibt. Bei den Älteren gibt es da schon manche, die nicht so begeistert sind. Aber da wir in München hauptsächlich junge Streifenpolizisten haben, sind die eher auf dem Land zu finden. Ich selbst hatte da noch keine Probleme, vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mit drei Brüdern aufgewachsen bin. Es kommt auch immer auf einen selbst an, wie man mit anderen Leuten umgeht. Aber sicherlich gibt es das Thema Mobbing auch bei der Polizei.
Wie sind die Bürger deiner Meinung nach der Polizei gegenüber eingestellt?
Das kommt darauf an, ob du hilfst oder strafst. Es ist schon eine erhebliche Maßnahme, in die persönlichen Rechte von Jemandem einzugreifen. Da hat man dann diese endlosen Diskussionen und wird auch schon mal beleidigt. Aber das nehme ich nicht persönlich, sie beleidigen die Uniform und nicht mich.
Wie hast du es gelernt mit diesen Situationen zurechtzukommen?
Anfangs ist das schwer, da wird man schneller mal aufbrausend, aber mit den Jahren wird man ruhiger und man lernt sich zu behaupten. In einer neuen Dienststelle bekommt man für drei Monate einen Einweisungsbeamten zugewiesen, der einen begleitet und dir alles beibringt. Außerdem gibt es freiwillige Stress- und Konfliktseminare die mir persönlich sehr dabei geholfen haben, mit solchen Situationen umzugehen.
Wie viel Handlungsspielraum hast du?
Das Problem bei der Polizei ist, dass man immer mit einem Bein im Gefängnis steht, wenn man etwas tut. Wenn du jemanden anzeigst, könnte er dich auch wegen Verfolgung Unschuldiger anzeigen. Man hat mehr als in anderen Berufen den Druck, keine Fehler machen zu dürfen. Schließlich sieht dich dein Gegenüber als Autoritätsperson und dem muss man natürlich auch gerecht werden. Ich versuche mich immer an die Gesetze zu halten, auch wenn es nur kleine Ordnungswidrigkeiten sind. Denn ich bin ein verantwortungsbewusster Mensch und ich halte mich gern an diese Regeln. Wir haben die Gesetze zu beachten, wie man dabei aber vorgeht, kann jeder für sich selbst entscheiden. Da hat man auch mal Diskussionen mit seinen Kollegen, weil jeder eine andere Arbeitsweise hat.
Gibt es Kollegen, die diese Position ausnutzen?
Es könnte sein, dass es Kollegen gibt, die sich in dieser Position besonders gut fühlen. Bei mir ist das anders. Wenn ich die Uniform anziehe, fühle mich nicht mächtiger, aber ich weiß welche Verantwortung ich zu tragen habe. Ich mag das Gefühl gebraucht zu werden und das verbinde ich mit der Uniform.
Auf was achtet man als Polizist besonders, wen man Streife fährt?
Man achtet darauf, ob jemand offensichtlich eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit begeht, z.B. keinen Gurt angelegt hat oder am Steuer telefoniert. Doch auf was man da im Einzelnen achtet, ist jedem Kollegen selbst überlassen. Es ist schwierig zu beschreiben, es ist einfach ein Gefühl.
Ein Freund von mir trägt Dreadlocks und beschwert sich, dass er ständig kontrolliert wird. Woran könnte das liegen?
Es ist durchaus möglich, dass man unbewusst denkt, der könne Drogen nehmen. Dies liegt vielleicht daran, dass man früher Erfahrungen gemacht hat, bei denen sich der Verdacht bestätigt hat.
Könnte es sein, dass Personen auch aufgrund ihrer Hautfarbe kontrolliert werden?
Es kann durchaus sein, dass ein Schwarzer eher kontrolliert wird, weil er offensichtlich kein Deutscher ist. Auf den ersten Blick, könnte er eine Straftat begangen haben, indem er sich zum Beispiel illegal in Deutschland aufhält. Den kontrolliert man dann schon mal, schließlich hat man ja genug Zeit.
Wie sieht dein Alltag in deiner jetzigen Stelle aus?
Als Gewerbebeamtin arbeite ich viel mit dem Zollamt und dem Kreis- verwaltungsreferat zusammen. Ich bin sowohl im Büro, als auch im Außendienst tätig, das teile ich mir selbst ein. In diesem Bereich hat man es überwiegend mit Ausländern zu tun, doch dass auf alle Straftaten umzumünzen, ist schwierig. Die illegal Beschäftigten haben oft keine Arbeitserlaubnis oder werden von den Gaststättenbesitzern nicht angemeldet. Diese bereichern sich an der billigen Arbeitskraft und an den Steuervorteilen. Manche holen ihre Arbeitskräfte sogar erst nach Deutschland. Natürlich ist es da interessanter solche Gaststättenbesitzer zu überführen, als einen kleinen Schwarzarbeiter. Aber wir kontrollieren die Gaststätten nicht nur auf Schwarzarbeiter, es geht auch um kleinere Delikte wie z.B. Lizenzunterschlagung von Spielautomaten oder Ausschank von Alkohol an Jugendliche.
Siehst du dich als Helfer für die illegal beschäftigten Migranten?
Als Helfer sehe ich mich nicht, die Beschäftigten tun es ja mehr oder weniger freiwillig. Manchmal tut dir der eine oder andere leid, weil er sich eben in einer ausweglosen Situation befindet. Man versteht zwar seine persönliche Situation, aber muss auch seine Arbeit machen. So sind die Gesetze. Ich kann ja auch nicht einfach in die Türkei zum Arbeiten gehen. Aber gut, meine Situation ist leichter, ich habe hier eine Arbeit.
Reagieren die Menschen anders auf dich, je nachdem ob du in zivil oder in Uniform unterwegs bist?
Die Antwort ist für mich schwer zu beantworten, weil ich mit meiner Berufskleidung auch meine Stelle gewechselt habe und jetzt mit anderen Leuten zu tun habe. Eines ist mir allerdings aufgefallen. Als ich in Uniform unterwegs war, sahen die Leute oft nur die Uniform, und nicht mich als Menschen. Man geht beispielsweise in ein Geschäft und alle schauen einen mit fragenden Blick an: „Warum kauft sich die jetzt was zu Essen?“. Das nervt manchmal. Jetzt, wo ich in zivil im Dienst bin, sehen mich die Leute als junge Frau, und dann hört man schon oft ein überraschtes: „Was, sie sind bei der Polizei!“. Jugendliche gehen oft auf Abstand, wenn sie die Uniform sehen. Dann ist es hilfreich, wenn Kollegen in zivil dabei sind. Mit ihnen sprechen die Jugendlichen erfahrungsgemäß eher. Vielleicht, weil für sie Uniform gleich Strafe bedeutet.
Verhältst du dich anders, wenn du in Uniform unterwegs bist?
Ja, man verhält sich in Uniform anders, weil man immer unter Beobachtung steht. Ich war mir dieser Verantwortung immer bewusst und habe mich dementsprechend benommen. Man hat eine Vorbildfunktion. Ohne Uniform wissen die Leute ja nicht, dass ich bei der Polizei bin und das ist dann lockerer.


Februar 10th, 2008 at 4:24 pm
Ich finde, es ist interessant, dass das Interview uns die Tatsache, PolizistInnen seien nur Menschen, zu erkennen hilft.
Nach meinen guten und schlechten Erfahrungen in München als Ausländer kamm ich zu dem Schluss es gibt keine “Polizei”, sondern “PolizistInnen”. Wie die Dame es hier sagte, jeder PolizistIn entscheidet wie er/sie seine/ihre “Arbeit” macht.
Auch interessant finde ich was sie über das kontrollieren auf die Strasse sagt. Ich höre oft beschwerde, dass Schwarzen (oder wie man in der kolumbianischen Ethnologie-Literatur sprechen muss: Afroabstammende)aus rassistischen Gründen viel zu oft kontrolliert werden. Ich glaube aber, es ist nicht eine Frage
der Diskriminierung, sondern der Statistik und der Erfahrung. Ich als kolumbianer musste auch den Verdacht auf Drogenhandeln erleben. Ich hatte nie was mit Drogen zu tun, aber wie könnte der PolizistIn das wissen? Vielleicht hatte er/sie schon ein Paar Drogenhändler geschnappt, von denen die Mehrheit Kolumbianer sind. Das ist kein Grund mich ohne einen Grund zu verhaften, aber zweifeln darf er/sie schon.
Ich glaube also, bei der Begegnung zwischen PolizistIn und Auslaender, eine Akzeptierung der sozialer Wirklichkeit vom anderen Teil stattfinden soll. Der Polizist soll erkennen, nicht alle Auslaender sind illegal, und der Auslaender soll verstehen, er lebt im Moment in einem Land, wo die politische, soziale und ökonomische Lage das Kontrollieren auf die Strasse rechtfertigt. Ich glaube also nicht, es ist grundsätzlich ein Treffen zwischen Mächtiger und unterdruckte sondern ein von Kulturen.
Oktober 22nd, 2010 at 3:54 am
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