Was ist „normal“ in München?
Text: Alexander Grunert
Ein verschmitzt an die Wand pinkelnder Mann, ein sechzehnjähriger Junge, der seine Kippe gelassen auf die Gleise schnippt, ein italienischer Gaststättenbesitzer, der seine leeren Kartons gelangweilt auf die Straße wirft — nein, diese Bilder bekommt man in „der schönen neuen Stadt“ nicht zu sehen. Die Gründe für das gute Benehmen hängen unter den Decken. Schwarz getönte Glashauben, welche in sich kleine nicht sichtbare Kameras beherbergen, schicken Bilder aus Klassenzimmern, Kantinen, Bibliotheken, U-Bahnhöfen oder Toilettenvorräumen an unzählige Bildschirme, die vom gelangweilten Überwachungspersonal observiert werden. Kaum ein Raum wird ausgespart und kaum eine Frau muss sich Gedanken darüber machen, ob sie nachts das Haus verlässt. Gelangweiltes Überwachungspersonal? Haben die denn nichts zu tun? Eher nicht, denn allein die Präsenz von Kameras sorgt für ein Gefühl der Kontrolle und lässt den potenziellen Querschläger wohl erst dreimal überlegen, ob er die Tat, die er zu tun im Begriff ist, wirklich ausführt oder nicht. Ein Hoch auf die präventiven Sicherheitsmaßnahmen!
Überall lauern Terror und Verbrechen! „Nun lassen sie mal die Hose runter, denn aufgrund ihrer Frisur haben wir allen Grund zur Annahme, dass sie im Besitz von Drogen sind.“ Der etwas schmuddelig aussehende Student fügt sich dem Befehl der Uniformierten. Hinter dem Polizeiauto, am Rande der Hauptstraße, scheinen plötzlich die Worte, wie „Würde“ und „Respekt“, völlig ihre Bedeutung zu verlieren. Die zufällig vorbeigehenden Passanten nehmen die Kontrolle passiv und gleichgültig hin. Wer hat heute schon noch Lust gegen einen solchen Eingriff in die Privatsphäre zu demonstrieren? Vor allem wenn man Angst haben muss, auf Demos gefilmt zu werden, dass der Fingerabdruck abgenommen wird, oder, wie es in den Köpfen einiger Politiker vorschwebt, DNA-Proben genommen werden könnten. Wer weiß schon was mit diesen Daten einmal angestellt wird? Vielleicht gefährdet man ja dadurch seine Karriere, sein Ansehen, seine Zukunft? Doch was wird nicht alles für ein bisschen Frieden und Sicherheit in Kauf genommen. Ständig diese Berichte von sich in die Luft sprengenden Extremisten, von Vergewaltigern oder Kindsmisshandlungen!
Als Redaktion einer Zeitung hat man die Möglichkeit, die gleichen Fakten auf die eine oder andere Weise darzustellen. Ja, vor allem die Macht der Medien stellt eine Form der Macht dar, die es nicht zu unterschätzen gilt. Je nachdem, welche Intention man verfolgt, ob man sich nun für oder gegen eine Ausweitung der Überwachung und des damit verbundenen Handlungsspielraums der Exekutive einsetzt, man wird versuchen, den Leser über die Darstellungsweise von seiner eigenen Sichtweise zu überzeugen. Das Team von „normal“ in München war und ist sich dieser Tatsache bewusst. Wo sollen wir ansetzten, wie wollen wir es darstellen, in welchem Rahmen wollen wir uns bewegen — und das Wichtigste — was ist eigentlich unsere eigene Einstellung zu diesem Thema? Fragen über Fragen und dahinter das Bewusstsein, dass man sich möglicherweise zum Spielball für die eine oder andere Seite macht.
Deshalb haben wir uns entschieden, dem Leser erst einmal ein paar grundsätzliche Informationen zum Thema Macht zu geben um ihn des Weiteren, für die immer wichtiger werdende Rolle technischer Innovationen, zu sensibilisieren, die im Zusammenhang mit Macht und Sicherheit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Je nachdem, ob es sich nun um den Polizisten, den Datenschutzbeauftragten oder den Bürger handelt, jeder ist in diese Machtverhältnisse auf seine ganz eigene Weise eingebunden und hat daher auch einen unterschiedlichen Bezug zu diesen. Und genau danach haben wir gefragt. Nach dem Menschen hinter der Uniform, nach den Sorgen eines Datenschutzbeauftragten oder den Bedürfnissen unserer Münchner Mitbürger. Und zum Schluss erlaubten wir uns auch ein kleines Machtspiel.
Wir empfehlen diese Ausgabe mit erhöhter Aufmerksamkeit zu lesen, so dass nicht nur das wahrgenommen wird, was geschrieben steht, sondern auch das, was zwischen den Zeilen zu erkennen ist. Denn erst dann kann sich der Einzelne ein Bild darüber machen, was in München für „normal“ gilt, bzw. ob diese „Normalität“ mit seinen eigenen Wünschen im Einklang steht. Denn Macht ist nicht etwas, das sich auf einzelne beschränkt. Jeder hat die Möglichkeit des Hinterfragens, Reflektierens oder Protestierens und dadurch die Fähigkeit, sich für eine andere Art von Normalität einzusetzen. Daher braucht auch nichts einfach bedingungslos akzeptiert zu werden. Doch es hilft niemanden, einfach nur dagegen zu sein. Es kommt auch darauf an, sich über die Hinter- und Vordergründe Gedanken zu machen, um sich bewusst zu machen, wogegen man eigentlich ist — oder sein sollte.
Das ist es, wobei unser Team dem Leser ein wenig unterstützen möchte.


Juni 11th, 2011 at 8:01 am
Excellent goods from you, man. I’ve be mindful your stuff previous to and you’re simply too magnificent. I really like what you’ve obtained right here, certainly like what you’re stating and the best way through which you assert it. You’re making it enjoyable and you continue to take care of to stay it wise. I cant wait to learn far more from you. This is really a terrific website.
August 3rd, 2011 at 4:14 pm
ĐŁ меня еŃть подобное мнение, когда дело доходит Đ´Đľ транŃпорта и логиŃтики
August 8th, 2011 at 4:05 pm
I´ll come back somwhere else. Need a job..
September 4th, 2011 at 7:08 am
Thanks for another magnificent article. Where else could anyone get that type of info in such an ideal way of writing? I’ve a presentation next week, and I’m on the look for such info.