Umfrage zum Thema Sicherheit in München — ein Datenspiel
Text: Kathi Dunkel und Nina Geist
1.) Ergebnisse
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II.) Gestellte Fragen
Frage 1: Wie sicher fühlen Sie sich in München?
Frage 2: Woran liegt das?
Exemplarisch ausgewählte Antworten:
Sicher aufgrund von:
„Polizeipräsenz; Bullenstadt; Bayerische Mentalität; keine schlechten Erfahrungen; Vertrautheit; U-Bahn Wachen; saubere Stadt; wenig soziale Armut; kleinbürgerliches Milieu; nicht so schlimm wie Hamburg oder Berlin.“
Unsicher aufgrund von:
„Dunkelheit; Kriminalität; Überfälle; Ausländer; Vergewaltigungen; Medienberichte.“
Frage 3: Wie sehr hängt Ihr Sicherheitsgefühl mit der Polizeipräsenz zusammen?
Frage 4: Beurteilen Sie die Anzahl der Streifenpolizisten in München. Sind es:
Frage 5: In einer wissenschaftlichen Umfrage wurde festgestellt, dass Polizisten Bürger anderer Ethnizität anders behandeln? Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?
Frage 6: Denken Sie, dass von Bürgern anderer Ethnizität ein erhöhtes Sicherheitsrisiko ausgeht?
Frage 7: Wie sehr hängt ihr Sicherheitsgefühl mit der Präsenz von Videoüberwachungskameras zusammen?
Frage 8: Geben Ihnen Überwachungskameras eher das Gefühl von höherer Sicherheit oder schränkt es Sie in ihrer Freiheit ein?
Frage 9: Denken Sie, dass eine erhöhte Überwachung seit dem 11. September notwendig geworden ist?
Frage 10: Glauben Sie, dass terroristische Akte und Verbrechen allgemein durch gezielte Videoüberwachung verhindert werden können?
Frage 11: Würden Sie einen weiteren Ausbau der Videoüberwachung befürworten?
2.a) Hilft uns der Staat uns sicherer zu fühlen? — Nein!
Bei einer von uns in München durchgeführten Umfrage stellte sich heraus, dass bestimmte Personengruppen mehr unter Unsicherheit leiden als andere. Zum Beispiel fühlen sich dreimal so viele Frauen als Männer überhaupt nicht sicher in München, während dagegen 84% der Männer sagen, sie würden sich sehr oder ziemlich sicher fühlen. Interessant sind hierzu auch die unterschiedlichen Einschätzungen der Befragten ohne deutsche Staatsbürgerschaft, von denen 28% angeben, überhaupt nicht oder wenig sicher zu sein. Im Kontrast dazu teilen nur 6% der deutschen Befragten diese Wahrnehmung. Als Gründe nennen die nicht-deutschen Bürger u.a., dass sie sich von ihren Mitmenschen bedroht fühlen, oder dass unzureichende Integration und fehlende zwischenmenschliche Kommunikation problematisch sind. Vielfach fühlen sie sich in Außenseiterpositionen gedrängt.
Die weiblichen Befragten schätzen ihre Sicherheit differenzierter ein. Sie geben häufiger mittlere Werte auf der Skala an und begründen diese mit spezifischen Situationen, wie z.B. „sichere und unsichere Gegenden, U-Bahnhöfe, Dunkelheit, Vergewaltigungen, Überfälle“. Als Gründe für ein positives Sicherheitsgefühl nennen Frauen am häufigsten „gute Erfahrungen“ und „keine spürbare Bedrohung“.
Männer dagegen führen ihr positives Sicherheitsgefühl häufig auf „Polizeipräsenz“ oder „die Innenpolitik Bayerns“ zurück. Auffallend ist im Vergleich zu den Frauen, dass Männer ihr Sicherheitsgefühl oft an ihrer eigenen Persönlichkeit festmachen, ganz nach dem Motto: „Ich habe genug Selbstvertrauen, ich kann auf mich aufpassen“. Interessanterweise wird bei den Frauen, die sich sicher fühlen, die „Polizeipräsenz“ deutlich seltener als Grund gesehen, sondern, wenn überhaupt, die Wachen der S- und U-Bahnhöfe. Daran lässt sich erkennen, in welchen Bereichen die Frauen sich besonders unsicher fühlen.
Man könnte erwarten, dass Frauen deshalb besonders die Vorzüge der Videoüberwachung schätzen würden. Tatsächlich aber geben in der Umfrage 49% der Frauen an, dass sie sich durch Überwachungskameras überhaupt nicht sicherer fühlen. Ebenso 45% der Männer. Stattdessen fühlen sich 52% der unter 30-Jährigen durch die Anwesenheit von Überwachungskameras in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Die jungen Leute scheinen also stärker für die Probleme des Datenschutzes bei flächendeckender Überwachung sensibilisiert zu sein. Da sich nur 23% der Frauen und 20% der Männer allgemein durch Videoüberwachung sicherer fühlen, stellt sich die Frage, warum die Videoüberwachung in ihrer jetzigen Art und Weise überhaupt verwendet wird. Offensichtlich trägt sie nicht spürbar zur Verbesserung der Sicherheit bei und darüber hinaus sind viele Bürger gegen den damit verbundenen Eingriff in ihre Privatsphäre. Des Weiteren können sich 71% der Befragten nicht vorstellen, dass durch gezielte Videoüberwachung Verbrechen und terroristische Akte verhindert werden können. Bei den Frauen sind es sogar 75%. Demzufolge würden auch nur 27% der Frauen einen weiteren Ausbau der Überwachungskameras befürworten. Dies mag daran liegen, dass bisher die positiven Auswirkungen der Videoüberwachung an öffentlichen Orten für Frauen nicht spürbar scheinen. Denn warum hängen Fahndungsbilder von Vergewaltigern in U-Bahnhöfen, wenn doch die Polizei eigentlich durch die Überwachung unmittelbar eingreifen könnte, bevor eine solche Tat passiert?
Schlimm genug, dass das System der Überwachung für die Bürger keine garantierte Sicherheit darstellt — auch das Vertrauen in die korrekte Vorgehensweise der Polizei ist nicht immer hundertprozentig. Denn 52% der Befragten haben schon einmal beobachtet, dass Immigranten von der Polizei diskriminiert wurden. Weiter differenziert nach Geschlecht und Alter ergibt sich folgendes Bild: 66% der Frauen zwischen 20-29 Jahren, im Vergleich zu nur 48% der Männer der gleichen Altersgruppe, stimmen der Aussage zu. Möglicherweise weil Frauen im Allgemeinen sensibler und bewusster auf Diskriminierungen reagieren, da sie selbst häufiger Opfer dieser Erfahrung sind. Außerdem zeigen sich in der Befragung junge Menschen offener und toleranter gegenüber ihren nicht-deutschen Mitbürgern. So glauben bei den unter 30-Jährigen nur 32% der Männer und sogar nur 16% der Frauen, dass von Bürgern anderer Ethnizität ein erhöhtes Sicherheitsrisiko ausgeht. Vielleicht ist dies darauf zurück zu führen, dass besonders junge Menschen in Zeiten der globalen Vernetzung öfter in interkulturellem Austausch stehen. Schließlich sind bei den über 30-Jährigen die Verhältnisse fast umgekehrt. Ganze 53% der Männer und 45% der Frauen halten Ausländer für eine Bedrohung. Hier wird deutlich, dass im Bereich der Integration auch noch einiges getan werden muss. Es wäre eine größere Hilfe, wenn der Staat in Maßnahmen investiert, die das interkulturelle Verständnis und Miteinander fördern, anstatt ein kostspieliges Überwachungsnetz zu errichten und eine repressive Sicherheitspolitik zu finanzieren.
2.b) Sollte der Staat mehr in die Sicherheit investieren? –- Ja!
München war und ist zwar bekannt für ein hohes Maß an Sicherheit und wird dementsprechend auch von seinen Bewohnern wahrgenommen. Dennoch gibt es noch Raum für Verbesserung: 11% der männlichen Befragten fühlen sich, der Umfrage zufolge, trotzdem überhaupt nicht oder wenig sicher in München. Davon ist allerdings fast die Hälfte unter 19 Jahre alt. Das Problem liegt vermutlich zum Teil an kriminalisierter Jugendgewalt und Jugendgangs mit Migrationshintergrund. Ein stärkerer Fokus der Polizei und ein Ausbau der Polizeipräsenz in Problemvierteln könnten diese Jugendlichen in den Griff bekommen.
Senioren (60-89 Jahre) schätzen sich dagegen als sehr sicher in München ein. Dafür sorgt, ihrer Meinung nach, vor allem die bayerische Sicherheitspolitik. Je jünger die männlichen Befragten, desto geringer ist die Rolle, die die Polizei beim Sicherheitsgefühl spielt. Eher positive Erfahrungen und ein gutes Vertrauen in sich selbst sind in diesem Alter noch ausschlaggebend. Anders ist das bei älteren Menschen ab 50 Jahren, die ihre Sicherheit tendenziell sehr stark von der Polizeipräsenz abhängig machen. Sie sehen wohl, dass sie weniger selbstständig für ihren Schutz garantieren können. Das dennoch gute Sicherheitsgefühl spiegelt sich auch daran wider, dass eine große Mehrheit der Befragten (61%) die Anzahl der Streifenpolizisten als ausreichend bewerten.
Es gibt jedoch in diesem Bereich auch noch Mängel zu beheben. 7% der Frauen fühlen sich wenig oder überhaupt nicht sicher in München. Davon betroffen sind in erster Linie ältere Frauen, von denen einige während der Befragung zum Ausdruck brachten, sie fühlten sich so unsicher, dass sie ab 17 Uhr nicht mehr aus dem Haus gehen bzw. bestimmte Gegenden in München völlig meiden. 58% der Seniorinnen klagen, es gebe viel zu wenig Streifenpolizisten an Orten, wo sie wirklich benötigt werden. Besonders um die älteren und gebrechlichen Mitbürger zu schützen, wäre ein gezielter Ausbau der Polizeistreifen sicherlich in vieler Hinsicht zu unterstützen.
Auch wenn in der Umfrage 25% der Befragten jetzt schon von zu vielen Streifenpolizisten sprechen, muss man bedenken, dass 82% der Befragten, die solche Angaben machen, unter 30 Jahre alt sind. Daran kann man erkennen, dass die jungen Leute noch nicht die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Garantie eines umfassenden Schutzes durch die Polizei für einen jeden Bürger realisiert haben.
Ein weiterer häufig genannter Grund, um sich in München nicht sicher zu fühlen, ist die Angst vor „Terrorismus“, „Armut“ und „Ausländern“. Spätestens seit dem 11. September 2001 kann die akute Bedrohung durch Terrorakte nicht mehr geleugnet werden und das Einsetzen von Videokameras an Hauptbahnhof und Marienplatz erscheint nur unzureichend in Anbetracht der vielen weiteren öffentlichen Plätzen in München, die sowohl ein Ziel für Terroristen als auch Schauplatz anderer Gewaltverbrechen sein können. Die Münchner Bürger sind sich dieser Tatsache durchaus bewusst. 45% sind der Meinung, dass seit den Terroranschlägen in den USA eine verstärkte Überwachung unbedingt gewährleistet werden muss. Bei den Frauen sehen sogar 57% eine Überwachung als notwendig an. Auch hier sind es erneut die Seniorinnen, die mit 70% am stärksten einen weiteren Ausbau der Videoüberwachung befürworten.
Um dem Wunsch der alten Menschen nach mehr Sicherheit nachzukommen und sie nicht an den Rand der Gesellschaft zu drängen, wäre eine verstärkte Videoüberwachung und Polizeipräsenz wahrlich wünschenswert. Auch muß der zunehmenden Kriminalisierung unserer Stadt kraftvoll entgegengewirkt werden. Zumal unter Investitionen in unsere persönliche Sicherheit ja niemand leidet, sondern dies tatsächlich zum Wohle aller Bürger wäre.
3. Anmerkungen
Die persönliche Meinung des Autors fließt immer in die Interpretation von Daten ein. Das sollte man im Hinterkopf behalten, und deswegen ist es auch stets gut, sich beim Lesen von wissenschaftlichen Texten mit der subjektiven Perspektive des Autors zu beschäftigen. Gerade deshalb wollen wir noch mal besonders darauf hinweisen, dass die beiden vorangehenden Interpretationen der Umfrage nicht auf unseren persönlichen Meinungen und Ansichten basieren, sondern lediglich das Ziel hatten, aufzuzeigen, wie mit unterschiedlichen Standpunkten aus den Ergebnissen ein und derselben Umfrage vollkommen abweichende Schlüsse gezogen werden können. Wir haben versucht, uns in zwei verschiedene Perspektiven zu versetzen, um die willkürlich subjektive Auslegung von Daten anschaulich zu machen. Dabei haben wir die Ergebnisse der Umfrage weder verdreht noch verfälscht, sondern einfach je nach gewünschter Aussage nur bestimmte Bereiche, Antworten und Gruppen berücksichtigt. Das ist grundsätzlich die gängige Praxis bei der Auslegung von wissenschaftlichen, quantitativen Daten. Aber sind deshalb Statistiken bzw. die Auswertungen von Fragebögen immer sinnlos? Selbstverständlich nicht. Auch ein Geisteswissenschaftler, für den vor allem die Arbeit mit „weichen“, qualitativen Daten im Vordergrund steht, ist oft, je nach Kontext, auf quantitative Daten angewiesen, um einen Rahmen für seine Untersuchungen zu schaffen. Jedoch kann die Verwendung und Auswertung von quantitativen Daten allein zu keinen sinnvollen Ergebnissen führen, ohne die Verknüpfung mit einem qualitativen Kontext.
Wichtig ist, dass man sich grundsätzlich nicht vollständig auf Statistiken als empirische Wahrheiten verlässt. Es gibt viele Faktoren, die jede Statistik relativieren. Jeder Mensch ist ein Individuum und Kategorisierungen in Gruppen werden diesem Gesichtspunkt ungenügend gerecht. Eine gewisse Typisierung kann unter Umständen hilfreich sein, aber wie können beispielsweise die Antworten von nur 2000 Befragten repräsentativ für ein Meinungsbild ganz Deutschlands genommen werden, wie es oft in der Presse gemacht wird. Außerdem müssen bei Statistiken die Umstände der Erhebung bedacht werden, zum Beispiel wann, wo und mit wem genau die Umfrage durchgeführt wurde. Darüber hinaus können die gleichen Ergebnisse je nach Verwendung der Diagrammtypen vollständig andere Eindrücke vermitteln.
In unserem Fall haben wir die Fragen zum Thema “Sicherheit in München“, in einem zweiwöchigen Zeitraum, Passanten in der vorweihnachtlichen Münchner Innenstadt (Marienplatz, Hauptbahnhof), Besuchern auf dem Tollwood und Studenten gestellt. Allein schon die Gesamtanzahl der 218 Befragten weist darauf hin, dass unsere Ergebnisse nicht als repräsentativ für ganz München gesehen werden können. Dennoch vermittelt die Umfrage einen gewissen Eindruck, wie die Befragten zu den Themen Sicherheit und Überwachung stehen.
Für uns persönlich war es auch interessant, weil wir über Themen der Umfrage mit einigen der Teilnehmern ins Gespräch kamen, mit denen wir sonst im Alltag wahrscheinlich nicht in Berührung gekommen wären. Besonders da wir eine qualitative Komponente im Fragebogen integriert hatten, bei der die Personen ohne Vorgaben auf die Frage antworten sollten, konnten wir interessante und ungewöhnliche Ansichten sammeln. Wir hörten von Verschwörungstheorien, revolutionären Konzepten („New World Order“) oder anderen, für uns etwas befremdlichen Aussagen. Zum Beispiel gab eine Befragte, die sich nach ihrer eigenen Einschätzung sehr sicher in München fühlt, dafür folgenden Grund an: „Ich fühle mich sehr sicher, da München eine kleinbürgerliche und wohlhabende Stadt ist, in der Randgruppen ausgegrenzt werden.“
Auch allein die Fragestellung ist häufig ausschlaggebend für die Ergebnisse einer Umfrage. Geschicktes Formulieren und Hinleiten zu spezifischen Antworten kann manchmal schon fast einer Manipulation gleichen. Man muss sich jedoch darüber klar sein, dass keine Frage jemals wirklich neutral gestellt werden kann. Deshalb ist die Kontextualisierung der Daten und des Wissenschaftlers unbedingt notwendig.
In unserem Fragebogen hatten die Befragten, gerade bei kontroversen Fragen, nur die Möglichkeit Ja oder Nein zu antworten. Dadurch mussten sie sich für ein Extrem entscheiden, ohne alternative oder abgeschwächte Antworten (wie „vielleicht, tendenziell ja, tendenziell nein“, etc.) geben zu können. Diese Polarisierung spiegelt letztendlich nicht die tatsächlichen Meinungen wider, zeigt aber sehr offensichtlich die allgemeine Tendenz.
Bei Frage 5 haben wir beispielsweise versucht, die Meinungen der Befragten in eine gewisse Richtung zu lenken, indem wir sie vor der tatsächlichen Frage mit einer Tatsache konfrontierten („In einer wissenschaftlichen Umfrage wurde festgestellt, dass Polizisten Migranten anders behandeln. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen?“). Mit solchen oder ähnlichen Formulierungen kann das Ergebnis einer Umfrage schon in gewisser Weise vorbestimmt werden. Eine bewusste Vermeidung dieser Steuerung bei der Konstruktion des Fragebogens und der Formulierung der Fragen ist für aussagekräftige Statistiken deshalb unerlässlich. Besonders Statistiken, bei denen man auf die Quelle der Daten keinen Zugriff mehr hat, sind mit Vorsicht zu genießen.


Oktober 22nd, 2010 at 3:55 am
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