Extraterrestrische Ethnologie: Eine Einführung
Text: Ben Kerste
Zum Anlass der nun hundertjährigen Geschichte der ethnologischen Subdisziplin Extraterrestrische Ethnologie stellt uns die Redaktion der terranischen Studentenzeitschrift Ethnologik ein wenig Raum für einen kurzen Überblick zur Verfügung. Ein historischer Abriss soll Theorien und geführte Debatten innerhalb dieser Disziplin kontextualisieren und soziokulturell beleuchten.
Arbeitete die Ethnologie vor 2087 noch mit einem aus heutiger Sicht minimalistischen Kulturbegriff, musste dieser aufgrund des „first contact“ mit extraterrestrischem Leben erheblich revidiert werden. Schwerwiegende Umbrüche folgten diesem von Robert Alesdy[1] später als „The Reset of Being“ bezeichneten Ereignis. Neue Konzeptionen und Vorstellungen von Leben, Wirklichkeit, Menschsein oder Schöpfung mussten entwickelt werden. Die mit einem mal fundamental, ja ontologisch veränderte Stellung des Menschen im Kosmos erforderte neue, adäquate Ideensysteme sowie Transformationen der bestehenden, um die veränderte Situation erfassen zu können. Umstrukturierungen auf wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ebene standen in unmittelbarer Korrelation zu diesen Prozessen. Vergleiche mit der „Kopernikanischen Wende“ oder der Entdeckung Amerikas wurden gezogen, konnten die Tragweite dieses Ereignisses jedoch nicht im Mindesten erfassen.
Die Extraterrestrische Ethnologie (E.E.) war auf wissenschaftlicher, sozio-politischer als auch ideologischer Ebene von Beginn an gestaltender Teil dieser Prozesse und trug maßgeblich zur Konstruktion und Repräsentation der neuen Lebensformen bei. Der Rassebegriff wurde wieder in die Geistes- und Sozialwissenschaften eingeführt, ging jedoch ein wechselseitiges Verhältnis mit dem Konzept von Kultur ein. Zudem verlor er „intraterrestrisch“ gesehen seine rein essentialistische Konnotation. Anhand artifizieller, linguistischer Computersysteme konnte binnen kürzester Zeit eine gemeinsame Kommunikationsbasis begründet werden. Entsprechend der empirisch-induktiven Ausrichtung der damaligen Ethnologie ermöglichte dies die sofortige Durchführung verschiedener Feldforschungen, hauptsächlich initiiert von der damals führenden Monrovia Schule um Maurice Mbeba. Die daraus entstehende Fülle an Daten wirkte sich auf die ethnologische Theoriebildung aus, auf die unten noch am Rande eingegangen wird. Im Wesentlichen muss dabei zwischen der terranischen, rein auf den Menschen bezogenen, und der extraterrestrischen Ethnologie unterschieden werden, wobei diese dualistische Trennung aufgrund der uns heute bekannten Assimilationsprozesse nicht mehr der empirischen Wirklichkeit entspricht.
Die „Tiuni“[2] waren von all diesen Prozessen ausgeschlossen. Bei der Konferenz von Toledo im Jahre 2088, an der auch viele Ethnologen teilnahmen, debattierte man sogar noch über die Frage, ob die Tiuni eine dem Menschen gleichwertige Rasse seien. Zwar kam man mit einer knappen Mehrheit von nur einer Stimme zu dem Ergebnis, die Tiuni seien es, doch dies führte zu keiner maßgeblichen Verbesserung ihrer Situation. Vielmehr legitimierte dies die Interstellar Trade Union (ITU), die „Marsianer“ in das interstellare Markt- und Handelssystem einzugliedern. Ihre Argumentation beruhte auf der doch so offensichtlich bioistischen[3] Verpflichtung, die „Marsianer“ an dem Konsum ihrer exquisiten Güter teilhaben zu lassen.
Entsprechend dem technischen und wirtschaftlichen Machtgefälle zwischen Menschen und den Tiuni fungierten die ersten extraterrestrischen Arbeiten als Legitimationsgrundlage der bestehenden Ordnung und verfestigten diese. In Anlehnung an antike und aufklärerische Klimatheorien konstruierte man komplexe astrophysikalische Ordnungssysteme, anhand derer die bis dahin bekannten Galaxien und Sternensysteme hierarchisch aufeinander bezogen wurden. Demnach existieren in unserem Sonnensystem, welches nach dem damals vorherrschenden terrazentrischen Verständnis die Mitte des Universums bildete, die idealen Bedingungen für die Entstehung komplexen Lebens. In den peripheren Nachbargalaxien, aus denen die Tiuni sowie andere, um 2120 entdeckte primitive Lebensformen entstammten, bildete die chemisch-physikalische Zusammensetzung jedoch keine idealen, ja sogar restriktive Bedingungen für die Entwicklung jeglicher höherer Lebensformen.
Diese rein naturmaterialistische Betrachtung wurde von vielen Seiten aufgrund ihrer monokausalen Argumentation aufs Schärfste kritisiert. Zudem ließen sich viele empirische Gegenbeispiele finden. Darüber hinaus negiert dieser Ansatz die Existenz jeglicher Formen von Kultur. Ich will mich hier jedoch nicht mit reiner Kritik aufhalten, vor allem da diese an anderer Stelle zu genüge und sehr umfassend geleistet wurde[4]. Vielmehr ist hier von Bedeutung, dass 2107, also fast zwei Jahrzehnte nach dem „first contact“[5], der erste allumfassende, jegliche komplexere Lebensform[6] beinhaltende Kulturbegriff eingeführt wurde. Die oben genannten Machthierarchien, in welche die E.E. zu ihren Anfängen und auch darüber hinaus sehr tief verstrickt war, ließen jedoch keine relativistische Betrachtung innerhalb dieses Konzeptes zu. Diese hätte zu erheblichen, ja unlösbaren moralischen Spannungen geführt, die auf die tiefgreifende Diskrepanz von Norm und Handlung zurückzuführen gewesen wären. Vielmehr konnte anhand des Kulturbegriffs die auf technischer und ökonomischer Ebene so offensichtlich gewordene „Überlegenheit“ der terranischen Rasse auch wissenschaftlich und intellektuell erklärt werden.
Denn trotz unübersehbarer biologischer Differenzen zwischen den verschiedenen Rassen, so das Argument, existiere ein allumfassendes, in der Struktur komplexen Lebens selbst angelegtes Bündel von Eigenschaften und Charakteristika, genannt Kultur, welches Handeln und Denken des Einzelnen bestimme. Kultur sei demnach das „verwobene, allumfassende Gebilde, bestehend aus Vorstellung, Ethik, Wissen, Gesetz, Tradition und allen Fähigkeiten und Gewohnheiten, die die individuelle, komplexe Bioform als Mitglied eines Kollektivs erworben hat.“[7]. Doch hierin ist dieses Konzept noch nicht erschöpft. Denn diese Definition begreift Kultur im Singular, als substantielle Größe eines idealen Bündels, das sich im Leben und Denken der terranischen Rasse selbst materialisiere. Diese Glorie der Schöpfung bilde demnach das, was den Anderen fehle und was diese in einem langsamen Prozess erst noch erwerben müssten. Sich selbst also zum Vergleichsmaßstab jeglicher Existenz erhoben, rechtfertigte dies die terranische Rasse zu all ihren kolonialistischen und missionarischen Taten.
Doch es gab auch Gegenbewegungen. Der „Edle Wilde“ des 18. Jahrhunderts erfuhr in Gestalt des „Noble Alien“ eine Wiedergeburt und nahm bis dahin ungeahnte Ausmaße an. Eine Idealisierung des Anderen und eine damit einhergehende „Zivilisationskritik“ am Eigenen gipfelte in der „New India Bewegung“ der 30er Jahre, als Tausende „Allis“[8] nach Aipokit, dem Heimatplaneten der Tiuni, pilgerten, um dort, mithilfe der vier Lehren der Pakutschen, Erleuchtung zu erlangen. Doch neben solchen ins Extrem der Idealisierung ausschlagenden Annäherungen der Terraner an die Tiuni, entstanden auch fundierte, wissenschaftliche Ansätze einer unvoreingenommen und selbstreflexiven Auseinandersetzung mit dem Anderen und dem Eigenen. Der Existenzrelativismus, begründet von dem an der Moon-University lehrenden Franklin Mapplethorpe, zeichnet sich durch einen induktiven, äußerst bioistischen Verstehensansatz aus, der jegliche Lebensform als Eigenwert betrachtet, der nur aus sich selbst heraus anhand eigener Wertgrößen zu erfassen sei.
Den bioistischen Ansatz beibehaltend und zugleich das theoretische Vakuum Mapplethorpes füllend, entwickelte seine Schülergeneration neue Kulturtheorien, die in erster Linie mehr Augenmerk auf die Handlungsmacht und das Bewusstsein individueller Akteure gegenüber der Gesamtgesellschaft einerseits und der Kultur andererseits legten. Dies führte, gerade vor dem Hintergrund der steigenden politischen Unabhängigkeit der Tiuni gegenüber der Intergalactical-Common-Wealth aber auch aufgrund des zunehmenden intraterrestischen Drucks aufgrund der moralisch verwerflichen Gaalaankriege, zu einer verstärkten Emanzipation und Einbindung der Tiuni nicht nur am Forschungsprozess, sondern auch in alltäglichen Bereichen wie Wirtschaft und Politik, Kunst, Sport und Zusammenleben. Das aus diesem Klima erwachsende hohe Maß an Selbstreflexion ließ liberale terranische[9] Ethnologen[10] erkennen, dass sie über keine privilegierte und reine Sichtweise auf die Welt und die darin wirkenden Prinzipien verfügen, sondern dass sie vielmehr in ihrem Erkennen auf eine historisch und sozial bedingte Wirklichkeit zurückgreifen.
Die Tatsache jedoch, dass diese immer mehr durchscheinende Erkenntnis der soziohistorischen Bedingtheit von Wirklichkeit nicht die notwendigen Konsequenzen auf politischer, ökonomischer und auch wissenschaftlicher Ebene einleitete, lässt mich diese Einleitung in die Extraterrestrische Ethnologie mit einer These abschließen. Denn trotz steigender Toleranz primitiven Lebensformen gegenüber, werden diese eben immer noch als primitiv bezeichnet und dementsprechend behandelt. Die wissenstheoretisch, moralisch und mittlerweile auch biologisch unterfütterte Erkenntnis der Gleichwertigkeit beider Rassen hat sich auf der Ebene tatsächlichen Handelns noch nicht durchgesetzt. Diese Diskrepanz kann genau deswegen aufrechterhalten bleiben, weil sie in Machtbeziehungen und Interessensfelder eingebunden ist, in denen diejenigen mehr Einfluss haben, die von dieser Diskrepanz profitieren.
Selbstreflexiv und um den Abbau dieser Machthierarchien bemüht, sollte es meiner Meinung nach Aufgabe einer modernen Extraterrestrischen Ethnologie sein, das von gleichwertigen Partnern gleichermaßen hervorgebrachte und miteinander geteilte Universum deuten und verstehen zu lernen, um dem Wohl aller Rassen zuzuarbeiten.
Fußnoten:
[1] Alesdy, Robert: The New Anthropology — Cultural Science in its wide sence of the term; 2103
[2] Tiuni bedeutet in deren indigener Sprache soviel wie „Zentrum allen Seins“ oder „Glorie des Lebens“. Dem entgegen bildet ihr Name in unserem täglichen Sprachgebrauch das Ethnonym Marsianer. Dies rührt tatsächlich von ihrer Liebe zum terranischen Schokoriegel „Mars“.
[3] Sally Hugot erweiterte den Begriff des Humanismus hin zum Bioismus, der alle komplexeren Lebensformen miteinschließt.
[4] Siehe dazu vor allem: Rosalande, Rose — Lethargie und Geselligkeit. Frühe Repräsentationen extraterrestrischen Lebens; 2165
[5] Auch häufig als Scheidepunkt zwischen dem „Alten“ und „Neuen Zeitalter“ begriffen
[6] Als Kriterien für die Bestimmung von „komplex“ wurden auf kollektiver Ebene die Ausbildung von Sozialstrukturen, die Entwicklung und Tradierung geteilten Wissens oder auch die Ausbildung konstanter ökonomischer oder politischer Institutionen angesetzt. Auf individueller Ebene fokussierte man vor allem auf die Existenz eines Bewusstseins und extrinsischer Fähigkeiten.
[7] Tillohr, Adhorn: Cultural Life and other miracles — Terranians and the Primitive; 2107
[8] Die Bezeichnung „Allies“ (Edwin Lead) bildet eine Synthese aus den Begriffen „Alien“ und „Hippi“ samt einer moralischen Positionierung anhand der Ähnlichkeit zu „Allied“.
[9] Der Schritt hin zu dem Zugeständnis, dass auch die Tiuni ethnologisch brauchbare Arbeiten liefern könnten, ist trotz oberflächlicher Annäherungen, aufgrund immer noch bestehender ideeller als auch materialistischer Hindernisse, noch sehr weit.
[10] Die Rede ist hier vor allem von Jim Jarango und Toni Tamerra und ihrem gemeinsamen Hauptwerk „Realität ohne Wirklichkeit — Ein widerspruchsfreies Paradoxon; 2171“.
Literatur:
- Alesdy, Robert: The New Anthropology — Cultural Science in its wide sence of the term; 2103
- Jarango, Jim und Tamerra, Toni: Realität ohne Wirklichkeit — Ein widerspruchsfreies Paradoxon; 2171
- Rosalande, Rose: Lethargie und Geselligkeit — Frühe Repräsentationen extraterrestrischen Lebens; 2165
- Tillohr, Adhorn B.: Cultural Life and other miracles — Terranians and the Primitive; 2107


April 26th, 2011 at 8:22 am
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