Über die Macht der Neugierde - oder die Ohnmacht, Fremdes zu verstehen.

Text: Alexander Grunert

Wer über Neugierde nachdenkt, sieht sich mit vielen Problemen konfrontiert, und ich bin zuversichtlich, dass ich sie nicht lösen werde.

Entweder hat man Angst sie zu verlieren, oder man kämpft gegen ihre Versuchung. Manchmal erscheint sie als eine bloße Beschäftigung mit Nichtigkeiten, manchmal lässt sie uns Freude empfinden. Sie kann aber auch verletzten - ja unser Leben zerstören. Die Rede ist von der Neugierde. Eine Gier, die das, was kommt und geht, ergreift und genauso versessen ist, sich von dem Vertrauten zu lösen. Und sei es nur, um die gleichen Dinge anders zu sehen. Sie lässt das, was man betrachtet, als fremd und einzigartig erscheinen. Neugierde scheint uns Menschen angeboren zu sein. Im Brockhaus steht sogar, dass sie eine Art „Quelle seelischer Energie“ sei. Eine Energie, vor der wir in ihrem Extrem metaphorisch brennen oder platzen. Doch was ist in dem Augenblick, an dem wir sie befriedigt haben? Ist sie dann weg? Kann diese Quelle seelischer Energie auch versiegen?

Irving Biederman sagt „nein“. Der amerikanische Neurowissenschaftler erklärt im Internet, unter dem Titel „Wissen macht high“, dass wir nur deshalb so neugierig sind, weil im Moment der Erkenntnis im Gehirn körpereigene Opiate freigesetzt werden. Dadurch entstehe ein süchtig machendes Hochgefühl, welches uns Menschen veranlasst, immer weiter nach neuem Wissen zu suchen. Wir werden immer gieriger nach Neuem und kennen, diesem Artikel nach, keine Befriedigung dieser Sucht. Dieser Beschreibung nach wäre die Neugierde eine Art in perpetuum wirkende, also nie endende chemische Kraft, bestehend aus Opiaten.

Ich weiß nicht, ob dies jedermanns Empfindung entspricht. Meiner jedenfalls nur bedingt. Zudem drängt sich mir hier die Frage auf, wie man eigentlich dazu kommt, etwas Neues als interessant zu empfinden und des Weiteren, was jemanden dazu bringt, danach gierig zu werden? Irgendwas muss dem Ganzen doch erst einen Anstoß geben. Diese Frage hat sich auch der Psychologe Berlyne (1974) gestellt. Er erklärt, dass Neugierde von vier Aspekten hervorgerufen wird: Neuartigkeit, Komplexität, Ungewissheit und Konflikt. Berlyne entwickelt ein komplexes Schema und unterscheidet einerseits zwischen spezifischer und diversiver Neugierde, andrerseits zwischen perzeptueller (nach Reizaufnahme) und epistemischer (nach Erkenntnis) strebender Neugierde.

Nichtsdestotrotz hat sich mir Neugierde oft als ein Gefühl dargestellt, das kommt und geht, und letzteres meist dann, wenn mir etwas Neues mit der Zeit als alt und alltäglich erscheint.
Wer kennt nicht das Gefühl, welches einen Glauben macht, das Wichtigste einer Sache schon zu kennen? Ein Gefühl, welches das einst Neue im Lichte einer ständigen Wiederkehr erscheinen lässt und den Raum, der vorher noch von Neugierde überschattet war, immer mehr von etwas Bekannten, Alltäglichem und sich Wiederholendem ablöst - wenn das einst Neue plötzlich fade, langweilig und abgestanden wirkt?

Die „objektiven“ Erklärungsversuche Biedermans und Berlynes scheinen nur einen Teil dieses konträren Gefühls zu greifen. Denn selbst wenn sich etwas als neuartig, komplex, ungewiss oder konfliktreich offenbart, selbst wenn gewisse Opiate bestimmte Empfindungen auslösen, so liegt es doch letztendlich an jedem selbst, wie er mit diesen Situationen oder Gefühlen umgeht. Objektive und subjektive Gründe sind hier untrennbar miteinander verwoben, und diese Tatsache macht es besonders schwer, dieses an sich schon so widersprüchliche Gefühl zu beschreiben.

Vor allem dann, wenn man versucht die Gefühle seines Gesprächspartners nachzuvollziehen. Will man die Gefühle eines anderen „nachfühlen“, erfährt man dabei nicht dessen Gefühle, sondern seine eigenen, im Versuch die des anderen zu verstehen. Man begibt sich in eine fiktive Situation, in der man selbst nie war und in die man auch nie kommen wird. Das konkrete Gefühl des anderen bleibt verborgen.

Als ob das nicht genug wäre, scheint es für Sartre sogar noch verzwickter. Er meint, dass uns selbst auch unsere eigenen Gefühle verborgen bleiben, da wir im Versuch sie zu beschreiben, uns von ihnen distanzieren müssen und dadurch eben nicht mehr das empfinden, was wir einst empfunden haben. Was damals war, lässt sich nur im Lichte einer neuen Situation nachvollziehen, die höchstens ähnlich, doch nie gleich ist. Faust bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Wir befinden uns im Dilemma der Interpretation, welches sich allein schon dadurch ergibt, dass jeder Einzelne seine Gefühle auf eine ganz bestimmte Weise empfindet. Er interpretiert sie aufgrund seines Charakters, der durch Kultur, Erziehung und Erfahrung geformt wurde, und reagiert dabei immer in einer bestimmten Situation. Ethnologen können von dieser Problematik mehrere Lieder singen. Neugierig lassen sie sich auf das ihnen Fremde ein, versuchen es zu verstehen, und im Augenblick der Erkenntnis werden sie von der immerwährenden Frage gepeinigt, ob das, was sie verstanden haben, doch nur eine von den vielen möglichen Interpretationen der Tatsachen ist. Hat es unter diesen Bedingungen überhaupt noch einen Sinn, Fremdes verstehen zu wollen? Wozu all diese Kultur- und Sozialwissenschaften? Wozu Philosophie? Wozu etwas über die Neugierde schreiben?

Diese Fragen lassen sich wohl kaum pauschal für jeden befriedigend beantworten, doch wenn ich meine Meinung dazu äußern darf, dann würde ich sagen: weil die Phantasie angeregt wird und die vielen kleinen Welten, in denen wir leben, ein wenig erweitert und bunter werden. Michel Foucault schrieb einmal in „Der maskierte Philosoph“: „Die Philosophie, was ist sie, wenn nicht eine Weise, nicht so sehr über das was wahr oder falsch ist zu reflektieren als über unser Verhältnis zur Wahrheit. (…) Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt (…). Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all der Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu machen und anders zu werden als man ist.“, und formulierte damit die schönste Definition von Philosophie die ich je gelesen habe.

Wenn wir den Versuch machen, die Beschreibungen eines anderen zu verstehen, verbinden wir automatisch dessen Worte mit dem uns Bekannten. Aber dadurch erhalten wir auch die Möglichkeit, unsere „alte Welt“ in einem anderen Licht zu sehen und können daher eine fremde Perspektive zu ihr einnehmen. Wir bekommen die Gelegenheit zu einer erweiterten Reflexion über uns selbst, und wenn wir unserer Neugierde mal freien Lauf lassen, erhalten wir vielleicht sogar Informationen, die uns helfen, adäquater zu reagieren. Das kann in vielen Dingen von Vorteil sein. Der Versuch andere zu verstehen, bringt also vor allem uns selbst etwas. Er steigert die Spannung unseres Lebens und bereichert unsere Wahrnehmung zur Welt — und damit steigert sich auch die Neugierde, aber dazu später mehr.

Wenn die Art und Weise, wie man etwas empfindet, vom Betrachter und dessen Charakter abhängt, dann liegt darin auch der Grund, warum jemandes Interesse und Zuneigung für bestimmte Dinge mit der Zeit größer oder geringer wird. Wer neugierig eine Sache betrachtet, sieht sie anders an - sieht genauer hin, will mehr erfahren und wissen. Diesem Gefühl muss man sich jedoch öffnen und es zulassen. Wenn ich vom persönlichen Standpunkt ausgehe, dann wirkt eine neugierige Person auf mich oft aufgeschlossen. Wenn sie es darüber hinaus noch schafft, in sich einen Widerspruch zu vereinbaren, indem sie ihre Neugierde mit einem gewissen Maß von Verschlossenheit paart, wirkt sie geradezu attraktiv. Es ist ein Wechselspiel zwischen mir und der anderen Person. Ihre aus den Augen strahlende Faszination bezaubert mich - ein Zauber, den ich ihr gegenüber reflektieren werde, solange ich das Gefühl habe, Neues entdecken zu können.

Doch scheinbar gibt es in der Art und Weise, wie eine Person ihre Neugierde auslebt oder empfindet, verschiedene Qualitäten. Ich habe eingangs gefragt, ob es denn nicht auch sein kann, dass die Quelle der Neugierde, der Drang weiter zu fragen und zu forschen, nicht doch einmal versiegen kann. Ich glaube ja. Denn wie ist es sonst möglich, dass sich manche Menschen, welche sich schon seit mehreren Jahrzehnten kennen, oder die den gleichen Job seit vielen Jahren ausführen, noch immer fasziniert sind, während andere, schon nach kürzester Zeit, ihr Interesse verlieren? Woran liegt das? Am Job? Am anderen?

Meistens ist es wohl so, dass man schaut wo man ist und wohin man geht, und selten kennt man sich aus. Aber wenn man einmal zurück auf den Weg schaut, den man gekommen ist, beginnt sich ein Grundmuster abzuzeichnen. Man fängt an, seine eigenen Prinzipien der Ordnung zu erkennen - das Raster, nach dem man Dinge, die einen begegnen, bewertet und sortiert. In der Wissenschaft gibt es eine Disziplin, die sich vorwiegend, wenn auch auf viel abstraktere Weise, mit solchen Rastern oder Strukturen beschäftigt. Sie nennt sich passender Weise Strukturalismus. Jedem Ethnologen schießt bei diesem Begriff wohl sofort der französische Sozialanthropologe Lévi-Strauss in den Kopf, der als intellektueller Antipode zu Jean-Paul Sartre, von einer grundlegenden Struktur des menschlichen Geistes spricht, welche vollkommen unabhängig von Raum und Zeit wirkt.

Lévi-Strauss macht es sich bei seinen Forschungen zur Aufgabe, die allen Kulturen und Gesellschaften gemeinsamen Grundlagen, das allem menschlichen Denken zugrunde liegende und es durchgängig bestimmende „strukturelle Unbewusste”, zu rekonstruieren. Der Sinn ist, damit aufzuzeigen, was sich eigentlich hinter den verschiedenen kulturellen Erscheinungen verbirgt. Er glaubt, es sei eine Struktur, eine dem menschlichen Erkenntnisapparat zugrunde liegende Ordnung, die uns auf unterschiedlichste Weise genau das tun lässt, was wir tun. Er suchte die Ordnung in der Unordnung.

Ähnliches sagt im Grunde auch Kant, wenn er meint, dass es Aspekte der Wirklichkeit gebe, die nicht direkt über unsere Sinne vermittelt werden, sondern a priori unserem Erkenntnisapparat zugrunde liegen. Beispiele für solche Erkenntnisse a priori sind z.B. der Raum und die Zeit, die der Verstand den Dingen beisteuern muss, um sie überhaupt „fassen“ zu können. Eine Blume lässt sich z.B. nicht unabhängig von Raum und Zeit vorstellen. Aber was soll das mit unserer Neugierde zu tun haben?

Im Grunde noch nichts, aber es stellt für mich zumindest einen Ausgangspunkt dar, von dem aus es sich lohnt, weiter über sie nachzudenken. Dieser Theorie zufolge müssten wir Menschen das von uns Wahrgenommene nach einem, wenn auch sehr abstrakten, Muster ordnen. Es scheint also etwas zu geben, dass uns Menschen grundsätzlich verbindet. Was passiert nun auf der nächsten Ebene? Wenn man den Rahmen der Betrachtung enger fasst und ihn auf einzelne Kulturen anwendet, erscheint dieses Ordnungsprinzip schon sehr viel weniger abstrakt, gleichzeitig aber auch beschränkender. Die Gemeinschaft in der man lebt, macht schon sehr viel klarere Angaben darüber, wie man etwas zu interpretieren, zu ordnen oder zu empfinden hat und mit Hilfe von Abkommen, Gesetzen oder Richtlinien gibt diese Gesellschaft ihren einzelnen Individuen einen gewissen Handlungsrahmen vor. Diese Ebene beinhaltet zwar dieses vorher angesprochene abstrakte Muster unserer Erkenntnisfähigkeit, geht aber noch weit darüber hinaus. Was sich in Kultur und Gemeinschaft manifestiert hat, sind die auf Übereinkunft basierenden Ordnungsprinzipien, die kreative Möglichkeiten des Zusammenlebens darstellen, und sich im von der Natur vorgegebenen Rahmen widerspiegeln. Und davon gibt es viele.

Ob wir nun das eine Gesicht als schön empfinden und das andere nicht, ob die eine Beschäftigung als besonders interessant gilt und die andere weniger, hängt von unserer Art des Bewertens, unserem Ordnungssystem ab. Selbst unsere viel gepriesene Logik unterliegt einer bestimmten Ordnung, einst in abendländischer Tradition entwickelt. Sie ist einer der Maßstäbe, nach denen wir in unserer westlichen Kultur die Umwelt bewerten. Jede Gemeinschaft, ob nun hier oder auf sonst einem Teil der Erde, hat sich auf ein bestimmtes System geeinigt, um miteinander kommunizieren zu können und um sich selbst im Bezug zur Außenwelt zu definieren. Und am Schluss dieser Kette von Abstraktionen, Interpretationen, Übereinkommen und Handlungsrahmen stehen wir — das Individuum.

Bei allem was man als Einzelner vermitteln will, muss man sich an eine gewisse, wenn auch erfundene Ordnung halten, ansonsten würde man wohl schlichtweg unverstanden bleiben. Es ist die Struktur, das Raster oder die Grammatik nach welcher wir uns richten müssen, um die unterschiedlichsten Informationen, die wir mitteilen wollen, verstehbar zu machen. Wir brauchen sie aber nicht nur um uns gegenseitig zu verstehen, sondern auch, um uns überhaupt in der Welt zurechtzufinden. Unser Erkenntnisapparat würde völlig durcheinander geraten, würde er sich nicht an solchen Grundsätzlichkeiten orientieren können. Durch Ordnung, egal welcher Art, erreicht man eine gewisse Sicherheit, die uns hilft, gezielt durch das Leben zu navigieren. Ordnungen, Strukturen, Raster, Muster, wie auch immer man das nennen möchte, geben uns, wie schon gesagt, ein gewisses Sicherheitsgefühl. Das Leben wird kalkulierbarer und dadurch oft leichter. Doch verliert es dadurch nicht auch ein wenig von seiner Lebendigkeit? Wo bleibt hier noch Raum für die Neugierde?

Ich denke dabei an den Alltag. Tagtäglich prasseln tausende von Informationen auf uns ein, von denen wir niemals alle in uns aufnehmen können. Wir müssen bewerten, strukturieren, aussortieren. Nun stellt sich hier jedoch die Frage, nach welchem Maßstab man dies tut. Diese Frage ist wichtig, denn nicht nur der Alltag fällt diesem Ordnungsdrang zum Opfer, sondern auch die Menschen denen man darin begegnet. Oft ist es das Fremde oder Unvertraute mit dem man weniger gut umgehen kann, und sei es nur weil man keine Zeit oder Lust hat sich damit auseinander zu setzen, steckt man diese Leute auch gerne mal in ein vorgefertigtes Schubladensystem. Alles was man erlebt, ordnet man ein. Und selbst diese Ordnungen ordnet man noch mal, wird darin selbst geordnet - bis eben alles ganz übersichtlich ist und eine gewisse Vertrautheit und Sicherheit erlangt hat.

Je starrer die Raster sind, durch die wir unsere Welt betrachten, umso schneller gelangen wir zu unseren Urteilen - ob sie nun falsch sind oder nicht. Doch gleichermaßen wird auch der Raum, in dem sich unsere Neugierde breit machen kann, enger und unflexibler. Wer Letzteres schon einmal zu spüren bekommen hat, kennt wohl auch das Gefühl, wenn die Neugierde, unterdrückt vom sicherheitsgeleiteten Ordnungsdrang, fast schon einen klaustrophobischen Charakter annimmt. Um nicht in völlige Lethargie zu verfallen, wird man darauf reagieren müssen. Dabei kann man entweder seine Gesprächspartner oder den Alltag wechseln, oder aber man wagt den Versuch, das Raster, mit dem man die Welt betrachtet, zu hinterfragen um es eventuell sogar zu erweitern. Denn es wirkt auf unser Interpretationsspektrum wie eine Brille, die maßgeblich dafür verantwortlich ist, was wir sehen und was nicht.

Wie schon angedeutet, gehen mit der Neugierde noch eine ganze Reihe anderer Attribute einher. Interesse, Zuneigung und Aufmerksamkeit folgen ihrer Anführerin wie eine Clique, und je nachdem, wohin sich die Neugierde wendet, schließen sich diese treuen Kumpanen ihren manchmal sehr ausschweifenden Schritten an. Die Neugierde ist das uns treibende Gefühl, denn sie ist es, welche die Menschen immer wieder veranlasst hat, weiter zu fragen, zu zweifeln und zu forschen. Sie ist auch oft dafür verantwortlich gewesen, dass alte Muster und Bedeutungen gesprengt wurden und dem Alten verächtlich der Rücken gekehrt wurde. Das macht sie zum Antrieb und zum Verlangen, sich auf das zu konzentrieren, was man wissen könnte und sie steht nicht selten arrogant dem gegenüber, was man schon weiß.

Sicherheit - Neugierde. Für mich scheint es sich bei ihnen um zwei natürliche Komponenten des menschlichen Daseins zu handeln, die wie ein in uns von Geburt an eingepflanzter Konflikt wirken, den jeder für sich im Laufe seines Lebens irgendwie aushandeln muss. Am klarsten tritt dieser Konflikt meiner Meinung nach in Beziehungen auf. Wer ständig neugierig ist, kann auch sehr nervend wirken und wer beim ersten Anzeichen von Wiederholung das Weite sucht, auf den ist wohl kaum Verlass. Aber oft braucht man auch mal jemanden, mit dem man sich zusammen ausruhen kann, der wie eine Insel wirkt, auf der Harmonie, Ruhe, Sicherheit und damit eine bestimmte Form von Ordnung herrschen. Doch bei völliger Abwesenheit von Neugierde kann sich diese Art von Beziehung schnell zu einem monochromen Etwas entwickeln. Sicherheit, Gewohnheit und Vertrautheit gehören zwar auch zu den Bedürfnissen des Menschen, doch ohne die Würze der Neugierde wirken sie wie eine fade Suppe. Sie gibt uns zwar ein wenig Wärme und Sättigung, aber all das ohne Geschmack und Reiz.

Die Annahme, dass Neugierde im Moment ihrer Erfüllung verschwindet, ist zwar nachvollziehbar, doch den Augenblick, in dem sie jemandem als erfüllt erscheint, muss jeder für sich selbst festlegen. Ab wann ist unsere Neugierde gestillt? Nach ein paar Sätzen? Nach ein paar Monaten oder Jahren? Vielleicht erst nach Jahrzehnten? Können wir uns jemals sicher sein, dass wir alles schon wissen? Wir könnten uns doch auch geirrt haben, oder?

Wir können zwar nichts für unsere Gefühle, doch obliegt es uns, wie wir mit ihnen umgehen. Denn letztendlich sind wir es, die die grundsätzliche Entscheidung treffen, ob wir uns neugierig und dabei auch manchmal ein wenig naiv der Welt öffnen wollen. Natürlich müssen wir die auf uns einprasselnden Informationen ordnen - aus diesem Dilemma kommen wir allein aufgrund unseres menschlichen Erkenntnisvermögens nicht heraus - doch der Rahmen, innerhalb dessen wir dies tun, wird hauptsächlich von uns selbst bestimmt. Er kann einerseits sehr grob und undifferenziert, andererseits aber auch sehr vielschichtig und komplex sein. Geben wir der Neugierde ein bisschen Platz in unserem Leben, wird sie uns helfen diesen Rahmen zu erweitern und wird sich wiederum darin selbst entfalten – so dass die „Quelle seelischer Energie“ nicht zum versiegen kommt.

Wäre es doch nur so einfach wie es klingt…

One Response to “Grunert, Alexander: Über die Macht der Neugierde”

  1. wallpaper concrete Says:

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