Liebe Leserinnen und Leser,

Fremdes macht Sinn! — In unserem unermüdlichen Versuch fremde Lebensentwürfe zu verstehen, stoßen wir Ethnologen bisweilen an ernst zu nehmende Grenzen. Das im Felde Beobachtete kann schließlich nur mit den eigenen Kategorien erfasst, geordnet und beschrieben werden. Aber diese Erkenntnis ist nicht das Ende der Ethnologie. Im Gegenteil! — Sie gehört zu ihren großartigsten Leistungen!

Gerade weil die Menschen auf dieser Welt so unterschiedlich sind, macht es Sinn, sich mit fremden Perspektiven auseinanderzusetzen. — Nicht um zu werten, nicht um zu entwickeln, sondern um das eigene Denken zu bereichern und um die Fähigkeit zu erlangen, Gedanken miteinander auszutauschen, um so das volle Potential menschlichen Wissens in einer gemeinsam bewohnten Welt nutzbar zu machen. Niemand muss dafür die eigene Identität ablegen.

Wie wichtig aber die Bereitschaft ist, sich intensiv mit dem Fremden (also mit fremden Meinungen, Welt- und Menschenbildern, Lebensumständen etc.) zu beschäftigen, dass wird in der Vielzahl der gemeinsamen Probleme deutlich, deren Lösung nur durch global ausgehandelte Maßnahmen möglich zu sein scheint. Es liegt auf der Hand, dass Ethnologen dabei eine wichtige Rolle spielen können.

Doch auch im kleinen, zum Beispiel in der Redaktionsarbeit, ist es wichtig Wege zu finden um die Meinungen und Fähigkeiten der unterschiedlichsten Köpfe dergestalt zu vereinen, dass am Ende etwas Vernünftiges dabei herauskommt. Wenn es gelingt einander zuzuhören und Ideen gleichberechtigt zu diskutieren, kann vieles erreicht werden. Der Weg dorthin ist nicht leicht, aber auch hier kommen ethnologische Grundhaltungen zur Geltung: Andersdenken ist nicht falsch oder richtig — sondern vor allem interessant und bereichernd!

Uns, als Herausgeber dieser Zeitschrift, ist es ein Bedürfnis deutlich zu machen, dass die Ethnologie sowohl einen wichtigen Beitrag innerhalb der eigenen Gesellschaft, als auch mit Blick auf die Verständigung zwischen den Menschen dieser Welt leisten kann und muss.

In dieser Ausgabe haben wir das Thema „Macht“ in den Mittelpunkt unserer Arbeit gestellt.
Die Artikel handeln von der Macht der Neugierde, vom Völkerrecht, dem Schuaplattleralltag im Münchner Hofbräuhaus, von anarchistischer Ethnologie und vielem mehr. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln fragen sie danach, welche Gestalt Macht annehmen kann und wie sie unser Denken, unser Leben, unser Verhältnis zu anderen beeinflusst oder warum Menschen Macht ebenso ausüben wie sich ihr unterwerfen.

„Normal in München“ (NIM), präsentiert in diesem Heft Essays, Interviews und eine Umfrage zum Thema. Neben einer philosophischen Abhandlung über die Macht geht es um Überwachung, Disziplinierung und Bestrafung, um Datenschutz und Sicherheitspolitik. Die Umfrage über „Sicherheit in München“ erlaubt zwei unterschiedliche Interpretationen mit gegensätzlichen Ergebnissen! — Wer hat die Macht?

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Redaktion

One Response to “Editorial”

  1. gold Says:

    Sehr interessant. Kommt hier noch ein weiterer Beitrag? Möchte gern mehr darüber hören. Könntest du mir per Mail weiterhelfen?

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